Von Heimweh-Rumänen und schönen Russinnen
Tel Aviv ist einer jener Orte, die man besonders lieb hat, wenn man abreist oder wieder zu Hause ist. Gäbe es diese Maschine bereits, die einen innert Sekunden an beliebige Plätze transportieren und bitte auch schnell wieder abholen könnte, wäre ich sicher einmal jeden Monat da. Ohne Sicherheitskontrolle, ohne zuverlässige Erkältung, die ich jedes Mal bekomme, ohne Heimweh nach Europa, und vielleicht wären zwei Tage monatlich genau ausreichend, um all meine Tel Aviver Sehnsuchtsorte zu besuchen. Ich würde am Morgen losfahren. Es wäre Sommer. Richtig Sommer und nicht diese israelische Wintergeschichte, die bis April anhält und bedeutet, dass alle Israeli und man selber erkältet sind und frierend unter ungesunden Klimaanlagen Schutz suchen. Nein, es wäre krachend warmer Sommer, die Kakerlaken gross wie Raumteiler, und ich sässe im «Café Nina» in Neve Zedek. Kein Geheimtipp, das Viertel, schon gar nicht, seit Iris Berben in ihrer jüdischen Phase hier angeblich ein Haus kaufte, aber zum Frühstück am ersten Tag in Tel Aviv muss das sein. Weil es wie Paris ist, die Menschen gesittet, die Hunde freundlich, und irgendwo muss ich ja anfangen, auf meiner Teleporter-Reise. Nach dem Frühstück, gegen zehn, wenn die Sonne schon fast unangenehm wird mit ihrem hellen Licht, spaziere ich an der Promenade in Bat Yam herum.
In Tel Aviv am Strand rumlümmeln kann jeder, Bat Yam aber ist eine mutige Zeitreise nach Bulgarien oder Odessa vor 50 Jahren. Hier wird Russisch gesprochen, oder Rumänisch, die Frauen sind dick, die Männer mit Hütchen und die jungen Mädchen sind blondiert. Eine Gegend, die aussieht, als ob irgendwo immer ein Radio plärren würde. Eine Gegend, in der ich wieder klein werde und in Nessebar oder Warna im Urlaub bin und denke, das sei die grosse weite Welt. Vermutlich kann man überall hier herrlich fettiges Zeug essen, das hebe ich mir aber für den Abend auf.
Die neue Kreativ-Gegend
Jetzt zurück in die Stadt, auf den Yafo-Flohmarkt, wo zwischen Hehlerware und Plünnes auch immer mehr Cafés und Restaurants auftauchen, so zum Beispiel das «Pua» in der Rabbi-Yohanan-Strasse 8. Irgendwie nicht mehr ganz so schön, seit es von einer Strassenseite auf die andere gezogen ist, aber immer noch bemerkenswert in seiner Gemütlichkeit. Man sitzt auf Flohmarktmöbeln, isst biologische Ware, das Ganze ist irgendwie auch politisch korrekt, ich habe aber vergessen, warum. Hier lümmeln die jungen Linken, Touristen haben das Café auch schon für sich entdeckt, hocken auf den Sofas, essen Salat und beobachten die unfassbare Dame gegenüber. Sie sitzt seit scheinbar 200 Jahren in ihrem Flohmarktshop, ihre Haare sind ein schwarzer Turm, das Make-up mit Ölfarbe erstellt, so will es scheinen, und sie bewegt sich kaum. Vielleicht ist sie tot.
Weil ich ein cleveres Ding bin, habe ich meine Reise am Freitag angetreten, da gibt es im Hafen von Yafo, der gerade durch einen scheusslichen Neubau entstellt wird, hurra, endlich auch ein Shoppingzentrum. In einer Halle findet jeden Freitag ein Markt statt, Gehörlose arbeiten da, führen ein Kaffee, ein Blindenrestaurant im gleichen Gebäude, hier kann man gute Menschen besichtigen, die gute Produkte kaufen. Kaufen bringt mich gerade auf eine neue Idee. Nahe dem Ende des Rothschild-Boulevards, ganz unoriginell einer meiner Lieblingsorte, besonders am Freitag, wenn vor den Kiosken auf dem Mittelstreifen Musik gespielt wird und Hunde und Menschen auf den Bänken und der Wiese lungern, entsteht eine neue Kreativ-Gegend. Rund um den alten Stricherpark Gan Hahashmal entsteht eine neue Boutique nach der anderen, vielleicht wird das Viertel die neue Shenkin-Strasse, vielleicht scheitert der Versuch, eine Überprüfung lohnt sich auf jeden Fall. Junge Menschen mit viel Hoffnung und einem anderen als meinem Geschmack machen Mode, irgendwie erinnert es mich schon wieder an den Osten, oder an Berlin, was ja auch irgendwie Osten ist. Die Läden haben moderne Namen wie zum Beispiel «Frau Blau», die Schnitte sind verwegen, die Stoffe von gemässigter Güte. Über Rothschild und Shenkin zurück zum Markt. Gerade am Freitag trifft man hier jeden, den man kennt, und in Tel Aviv kennt man schnell Menschen, sie haben ein gutes Gedächtnis und eine grosse Neugier, die Leute hier. Vom Markt links in die Strasse mit dem wunderbaren Namen Rambam, Nummer 8: Hier ist «Amikam», der am besten sortierte Mid-Century-Möbelshop der Stadt. Den Inhaber, überraschenderweise heisst er Amikam, kenne ich schon lange, er freut sich immer über Gäste aus der Schweiz und verrät einem auch gerne, warum. Bei fast jedem Tel-Aviv-Besuch kaufe ich irgendein Bakelit-Lämpchen oder eine Bauhaus-Leuchte, der Rest ist zu gross fürs Handgepäck. Kleinen Dreck kauft der Kenner übrigens auch auf dem Freitagmarkt am Dizengoff-Platz.
Jetzt wird es dunkel, der erste Tag in Tel Aviv geht zu Ende, Abendessen gibt es in der «Romanian Rhapsody», Salame-Strasse 3. Das Essen muss man mögen, ich mag es nicht, viel Fleisch, viel fett, aber das Restaurant – alle Wetter! Gefüllt meist mit heimwehkranken Rumänen, die sehr laut fettiges Fleisch in sich hinein stopfen. Man sitzt hier und fragt sich, warum man hier sitzt, bis irgendwann die Besitzerin des Lokals auftritt, Gabriela Montagoni, und beginnt, rumänische Lieder zu singen. Jeden Abend. Laut, gut, sentimental, und alle singen mit. Alle werden lauter und dicker, und wenn man das Restaurant verlässt, diese charmante rumänische Bahnhofswartehalle, und in der Nacht auf der dampfenden, lauten Strasse steht, in der es nach Metall und Leben riecht, denkt man sich: Das hat sich doch schon mal gelohnt, dieser erste Tag .
In meiner Fantasie übernachte ich in Tel Aviv in einem Hotel, das nicht existiert: niedlich und mit Garten. Bis vor Kurzem gab es nur die Kästen am Meer, langweilig und teuer, oder schäbig in Nebenstrassen und billig. Seit Kurzem hat Tel Aviv das überteuerte Boutique-Hotel erfunden (zum Beispiel das «Nina Suites Hotel»), und die Anmietung einer Wohnung ist fast immer ein Roulettespiel. Ich habe Rena für mich entdeckt (www.uniqueprojects.co.il). In ihrem Ferienwohnungsangebot finden sich nur extrem geschmackvolle Wohnungen, alles funktioniert, und es gibt keine bösen Überraschungen.
Der schönste Platz der Welt
Diese Nacht wohne ich in der Mandelstam-Strasse, die allein schon wegen ihres Namens eine meiner Lieblingsstrassen ist. Eine süsse Wohnung mit fussballfeldgrosser Dachterrasse. Die Tür offen, die Nacht draussen, die Lärm macht, als wäre sie eine streitsüchtige Dame, das ist wieder so ein Moment, den man vermissen wird, daheim, in der Schweiz, wenn alles so ruhig ist, dass man sich fragt, ob man irgendeine Warnung nicht mitbekommen hat. Ich liebe Tel Aviv, ich liebe die Israeli, ich liebe das alles hier, denke ich am Morgen des zweiten Tages, wenn ich von der Mandelstam-Strasse in Richtung meines Lieblingsplatzes laufe. Kikar Hamedina, klingt arabisch, und ist doch wieder Osten. Ein Prachtplatz in Russland. Am liebsten habe ich ihn, wenn an Lag Baomer die Kinder Hölzchen verbrennen und die Orthodoxen tanzen, aber auch ohne, dieser Platz ist wunderbar. Nirgends in der ganzen Stadt kann man so viele Liftings und so viele schöne Russinnen auf einen Haufen sehen. Die Ware in den Luxusläden ist ungefähr doppelt so teuer wie bei uns, lohnt sich also unbedingt, wenn man zu viel Geld hat, und es zügig loswerden will. Ich nehme mir vor, in der Mitte des Platzes stehen zu bleiben, bis ich umfalle, denn bald wird es ihn nicht mehr geben. Nicht nur in Zürich wird die Welt zum Blöden verbaut, in Tel Aviv hat auch keiner was dazugelernt, wie der Hochhausgürtel zeigt, der Neve Zedek umspannen soll. Der Kikar-Hamedina-Platz, der schönste Platz der Welt, soll in der Mitte mit Hochhäusern bebaut werden. Prima Idee, wenn man weiss, dass die meisten Luxushochhäuser in der Stadt sowieso halb leer stehen, weil Krise, weil zu teuer, weil Irrsinn. Ich schaffe das nicht mit dem Stehenbleiben und laufe zurück in Richtung King-George-Strasse. In der Nummer 48 ist der beste CD-, Comic- und DVD-Laden der Stadt, wo ich alle DVDs der Heymann-Brüder kaufe. Und die Comics. Meine Güte, die Comics. Zur neuen Generation der Israeli gehören nicht ausschliesslich Pisa-Loser und Big-Brother-Fanatiker; beim Studium der Comics im Shop, der auf den feinen Namen «Haosen Hashlishit» hört, lernt man die Jugend wieder zu lieben. Neuerdings gibt es im dritten Stock auch eine Bar und Konzerte. Ist aber nachts. Und mir zu spät.
Wenn man wieder weg ist
Mittagspause im «Kleinen Prinz». Unbedingt. Der antiquarische Buchladen mit den niedlichsten kleinen Emo-Kellnerinnen der Stadt und der absolut besten Suppe liegt in einer kleinen Sackgasse, die von der King-George-Strasse abgeht: Simta-Plonit-Strasse 3. Im Sommer mit Gartenrestaurant, im Winter hockt man zwischen den Büchern und bestaunt die Freaks, die in den Laden gleiten und nach Bialik-Büchern suchen. An manchen Tagen finden hier unorganisierte öffentliche Buchdiskussionen und Lesungen statt. Wenn man intellektuelle Zausel liebt, dann findet man sie hier. Danach an den Strand, an welchen ist egal, ein wenig Matkot hören zum Einschlafen, und dann wieder aufwachen und zu Hause sein.
So wäre das, wenn es diese Maschinen gäbe. So lange gilt es zu warten, zu planen, zu buchen, und sich zu freuen, auf all die Orte, die man sich zu Hause so wunderbar vorstellt und sie vermisst. Wenn man wieder weg ist. ●
Sybille Berg ist Schriftstellerin. Sie lebt in Zürich und Tel Aviv.