Von Fremdem und Vertrautem
Zehn Jahre Jom Ijun
E
s begann im Jahr 2000. Inspiriert von der Erzählungen der Rebbezin Adina Ben-Chorin reisten Valérie Rhein und Emily Silverman nach England zu einer sogenannten Limmud-Konferenz. Das gemeinsame Lernen mit Jung und Alt aus allen Schattierungen jüdischer Zugehörigkeit, die unzähligen Workshops und selbst verantworteten Angebote begeisterten die beiden Frauen. Auf dem Heimweg, im Ärmelkanal, wie sie heute lachend sagen, beschlossen sie, etwas Ähnliches in der Schweiz zu kreieren. Wenige Monate später fand in Basel bereits der erste Jom Ijun statt. Während es heute unzählige Ableger von Limmud auf allen Kontinenten gibt, war Jom Ijun damals eine Pioniertat. Kleiner als Limmud, aber ebenfalls fokussiert auf niederschwelliges Lernen über alle Gemeindegrenzen hinweg, hat sich das Konzept für die Schweiz ausgesprochen bewährt. Nach fünf Jahren Jom Ijun in Basel gaben die Gründungsmütter das Zepter nach Zürich weiter. Seither organisieren Rochelle Allebes und Miriam Victory Spiegel den Tag, der jährlich am dritten Novembersonntag stattfindet, dieses Jahr zum ersten Mal in der frisch renovierten Israelitischen Cultusgemeinde Zürich. Das zehnjährige Jubiläum feierten die Organisatorinnen mit einem Feuerwerk anregender Schiurim unter dem Motto «Fremdem vertrauen / Vertrautes er-fremden».
Leben im Spannungsfeld
Der Ethnologe und Psychoanalytiker Mario Erdheim legte die theoretische Grundlage für den Tag mit seinem Vortrag zur Frage «Warum Vertrautes fremd werden kann und was das für Folgen hat». Er wies auf die Entwicklungsspychologie hin, so etwa auf die Erfahrungen Jugendlicher in der Pubertät, die Tatsache, dass ihnen Spielsachen, eben noch heiss geliebt, plötzlich fremd und unbedeutend werden. Auch von Menschen in Todesnähe wisse man, dass ihnen das vertraute Leben mit einem Mal in eigenartig fremdem Licht erscheine. Die Juden als Volk hätten kollektiv die Erfahrung des Fremdseins gemacht und stellten geradezu eine Projektionsfläche dar für alles dar, was die Mehrheitsgesellschaft bei sich nicht zur Kenntnis nehmen wolle. Dies wirke sich auf die jüdische Psyche aus, wie ein Witz illustriere, so Erdheim: Ein Jude kommt zu spät zum Bahnhof. Als er den Zug nur gerade noch abfahren sieht, entfährt es dem Juden: «Alles Antisemiten!»
Jüdisches Leben im Spannungsfeld zwischen Exil und Domizil erlebte Mario Erdheim selbst in seiner Jugend als Emigrantenkind in Ecuador. In der Fremde des Exils wurden alte heimatliche Lebensformen bewahrt und gepflegt. Allerdings bedeutete das nicht, dass es leicht war, später wieder in die alte Heimat zurückzufinden. Das zeigte das Beispiel einer Frau, die nach dem Krieg nach Wien zurückkehrte, aber bald wieder in Ecuador auftauchte. Das reale Österreich war ihr fremd geworden. «Schaut’s», sprach sie, «hier hab ich meine Wohnung, genau so schön wie irgendeine in Wien, und da vorn, der Rio de la Plata, der ist doch wie die Donau. (...) Und hier bin ich eben – wie zu Haus.»
Fremdheit überbrücken
Dieses «wie zu Haus» am Ende von Mario Erdheims Vortrag könnte gleichsam als Motto über den ganzen Lerntag geschrieben werden. Um das Spannungsverhältnis zwischen Fremdem und Vertrautem ging es in den insgesamt zwölf folgenden Schiurim. Etwa um die Erinnerung an den Satz «Denn ihr wart Fremde im Lande Ägypten», den der bekannte Politiker und streitbare Schriftsteller Avraham Burg zum Anlass nahm, über das Fremdsein in Ägypten nachzudenken, einem Ägypten, das sich auch nach den biblischen Texten nicht als monolithisch fremd-feindlicher Block präsentiert. Adina Ben-Chorin, Shelley Berlowitz, Michel Bollag, Michael Goldberger, Elsa Klaphek, Brian Klug, Yves Kugelmann, Alice Shalvi und Korbinian Spann boten verschiedene Denkanstösse, aktuelle, persönliche und politische, historische und rabbinische Zugänge zum Thema an. Zudem wurde der Film «Menachem und Fred» gezeigt, der die Geschichte zweier durch die Schoah getrennter Brüder erzählt, die sich nach Jahrzehnten mit völlig unterschiedlichen Lebensentwürfen wieder treffen und versuchen, ihre Fremdheit zu überbrücken.
Als man sich am Ende eines inspirierten Tages zum Schlusspodium noch einmal im Saal versammelte, betonte die israelische Pädagogin Alice Shalvi, dass Lernen allein nicht genüge, sondern dass vielmehr etwas aus den Erkenntnissen resultieren sollte: persönliche Erweiterung, Gemeinschaftsbildung und Streben nach «tikkun olam», wie die Organisatorinnen ihr Ziel formulierten. Avraham Burg schliesslich erinnerte an die bekannte talmudische Geschichte, in der ein «ger», ein Fremder, den berühmten Lehrer Hillel fragte, ob er ihm die Essenz der Thora erklären könne, während er auf einem Bein stehe. Hillel antwortet: «Was du nicht willst, das man dir tu, das füg’ auch keinem anderen zu. Das ist die ganze Thora, alles andere ist Kommentierung.» (Babylonischer Talmud, Schabbat 31a, 12–15). Für Burg ist dies die Illustration eines vorbildlichen Umgangs mit Fremden. Allerdings, so Burg, wird der Schluss der Geschichte meist unterschlagen. Hillel fügte noch an: «Und nun gehe hin und lerne!»