Von der Wiener Megilla bis zu holländischen Thorarollen

von Jacques Ungar, October 9, 2008
Judaicasammler und Auktionsfreunde haben sich den 9. Dezember schon lange rot in ihrem Kalender angestrichen. An diesem Tag nämlich veranstaltet das Auktionshaus Sotheby’s in Tel Aviv eine der prächtigsten Versteigerungen der letzten Jahre von Judaica aus privaten Sammlungen. Dabei gelangen Objekte der höchsten Qualität aus den Bereichen Manuskripte, Kultgegenstände und Kunstwerke unter den Hammer.
Kostbare Raritäten: Sobethy’s versteigert in Tel Aviv exquisite und seltene Judaicas. - Foto PD

In seiner Vorschau nennt das Auktionshaus Sotheby’s die auf den 9. Dezember nach Tel Aviv angesetzte Versteigerung von Judaica «eine der wichtigsten Verkäufe von Judaica in der letzten Zeit». Ein Blick auf das Angebot untermauert diese Beschreibung vollumfänglich, und der Titel «Magnificent Judaica» (Herrliche Judaica), den Sotheby’s dem Auktionskatalog gegeben hat, ist berechtigt.

Aus dem Besitz von Hofjuden

Mit einem Schätzpreis von zwischen 250 000 und 350 000 Dollar ist die aus dem Wien der 1730er Jahre stammende illuminierte Megillat Esther das Prunkstück der Auktion. Die aus der Kollektion des verstorbenen Henri Kadoch - von 1970-1992 Vorsitzender der jüdischen Gemeinde Marokkos - stammende Rolle ist ein herrliches Beispiel für Judaica, die im Auftrag reicher, aristokratischer Familien von Hofjuden im österreichisch-ungarischen Reich hergestellt worden waren. Aufgrund der reichhaltigen Verzierungen mit Tieren und Vögeln sowie meisterhaft gezeichneten Figuren in türkischen Kleidern nimmt man an, dass ein wohlhabendes Mitglied der türkisch-jüdischen Gemeinde Wiens diese Megillat schreiben liess.

Prächtiges Miniatur-Siddur

Auf ebenfalls starkes Interesse stossen wird gewiss das Miniatur-Siddur (Gebetbuch) «Seder Tikkunei Schabbat», das Aaron Wolf Herlingen von Gewitsch 1738 in Wien geschrieben und grosszügig verziert hat. Das aus der bekannten Schoken-Sammlung stammende Büchlein ist ein schönes Beispiel für die Wiederbelebung der Illuminierung hebräischer Manuskripte im 18. Jahrhundert. Die Illustrationen sind dabei stark beeinflusst von den gedruckten Büchern christlichen Ursprungs, vermitteln gleichzeitig aber einen ausgezeichneten Eindruck von jüdischen Trachten und Sitten aus der damaligen Zeit. Mit einem Schätzpreis von 150 000-200 000 Dollar liegt dieses Siddur in etwa gleichauf mit dem in den Jahren 1405–1407 entstandenen «Siddur Troyes», das in der französischen Ortschaft Chambery geschrieben worden ist.

Aus der Puchaczwsky-Sammlung

Über 70 der zur Versteigerung gelangenden Kultgegenstände stammen aus der Privatsammlung Joshua Puchaczwskys (1897-1977), der als einer der Gründer des Antiquitäten- und Judaicamarktes in Israel gilt. Der in Polen geborene Puchaczwsky, der schon in seiner Jugend aktiver Zionist war, ahnte die bevorstehenden Schrecken voraus und wanderte 1933 mit seiner Familie nach Palästina aus. Hier gründete er «Kedumim», ein auf den Verkauf von Kunstwerken spezialisiertes Geschäft an der Tel Aviver Shenkin-Strasse. Puchaczwsky unterhielt enge Beziehungen zum Jerusalemer Bezalel-Museum und war massgeblich beteiligt an der Gründung des Museums von Ein Harod. Zu den zur Versteigerung gelangenden Prunkstücken aus seiner Sammlung zählen ein reich mit Tierbildern verziertes Thoraschild (Polen, 1818), dessen Schätzpreis mit 50 000-70 000 Dollar angegeben wird, sowie ein seltener Gewürzturm aus zerbrechlichem Elfenbein (wahrscheinlich Polen, 19. Jahrhundert), der zum gleichen Schätzpreis offeriert wird. Besonderes Interesse erwecken dürfte sodann ein silberner Trinkhumpen aus den Jahren 1725-1730, angefertigt vom Augsburger Philip Stenglen und versehen mit einer hebräischen Inschrift aus Anlass des 100. Geburtstages der Ansbacher Synagoge im Jahre 1846. Die Synagoge, die als das älteste noch bestehende jüdische Gotteshaus in Deutschland gilt, ist das Werk des italienischen Architekten Leopold Retty. An dieser Stelle sei auch erwähnt, dass sie in der berüchtigten Reichs-Pogromnacht vom 9. November 1938 der Zerstörung nur entging, weil der Ansbacher Bürgermeister den Nazis ein Schnippchen schlug und ein Feuer vortäuschte. Der Schätzwert des Humpens liegt bei 18 000-25 000 Dollar.

Robols Thorakronen

Andere Kultgegenstände, die Sotheby’s am 9. Dezember auktionieren wird, schliessen Thoraschilder, -kronen und -zeiger verschiedenen Ursprungs ein, welche von der Londoner United Synagogue zum Verkauf offeriert werden. Hier gelangt der Gang der Geschichte zum Ausdruck: Alte Gemeinden verschwinden allmählich, und die neuen, die entstehen, sind auf der Suche nach passenden Kultgegenständen. Herausragende Objekte in diesem Teil der Auktion ist zweifelsohne ein Paar Amsterdamer Thorakronen («Rimonim») von aussergewöhnlicher Qualität, die der holländische Silberschmied Pieter Robol im Jahre 1755 angefertigt hat. Mit ihrer architektonischen Form, den Tulpenblüten und zahlreichen Glöckchen sind die beiden Kronen ein typisches Beispiel für die damals in Holland dominierenden Stiltendenzen. Der Schätzwert für die beiden Kronen beträgt 100 000-150 000 Dollar.
Neben weiteren Kultobjekten aus nahöstlichen und amerikanischen Quellen gelangen auch Gemälde führender jüdischer Künstler zur Versteigerung. Bevor die Auktion am 9. Dezember um 19 Uhr im Sotheby’s-Haus am Rothschild Boulevard beginnt, können Interessierte vom Sonntag, den 5. Dezember, an bis und mit Donnerstag, den 9. Dezember, die Objekte in einer Ausstellung besichtigen. An den ersten vier Tagen ist die Ausstellung von 11-19 Uhr geöffnet, am Auktionstag selber von 11-14 Uhr.