Von der Synagoge zur Tonhalle
Der Hamburger Tempelverein war eine jüdische Reformgemeinde, die Anfang des 19. Jahrhunderts gegründet wurde und vor allem eine Opposition gegenüber den orthodoxen jüdischen Gemeinden bildete. Der Name «Tempel» statt «Synagoge» sollte deutlich machen, dass die Mitglieder nicht an einen realen Wiederaufbau des Jerusalemer Tempels glaubten. Der jüdische Gottesdienst des Tempelvereins wurde reformiert, Predigt und Lieder wurden auf Deutsch abgehalten, die Gebete wurden verkürzt.
Im Jahre 1908 beschloss der Verein den Neubau eines Tempels. Ziel war es, das Vorhaben bis 1918 zu realisieren. Bedingt durch den Ersten Weltkrieg wurden die Pläne verschoben, und schliesslich wurde erst 1929 ein Wettbewerb zur Gestaltung des Tempels ausgeschrieben. Die beiden jüdischen Architekten Felix Ascher und Robert Friedmann wurden beauftragt, gemeinsam den Tempelbau zu erstellen. Sie entwarfen einen für damalige Verhältnisse sehr gewagten Plan, der sich am Bauhaus-Stil orientierte. Felix Ascher erläuterte in seiner Schrift «Der neue Tempel», dass fast alle bisherigen Neubauten von jüdischen Gotteshäusern in Deutschland von nicht jüdischen Architekten entworfen wurden und somit an christliche Gotteshäuser angelehnt waren. Daher legte er bei seinem Entwurf Wert darauf, «jede dem Judentum fremde, mystische Wirkung zu vermeiden». Bei der Einweihung des Tempels hielt Ascher eine Rede, in der er betonte: «Für den, der vor die Aufgabe gestellt war, ein Gotteshaus in dieser Zeit zu schaffen, musste klar sein, dass er nur dann ein Bauwerk von wirklich innerem Wert schaffen würde, wenn er jeden traditionellen Formalismus und Schemastimus auf künstlerischem Gebiet beiseite warf und sich mühte, mit dem Rüstzeug, das die Technik oder Gegenwart ihm in die Hand gab, diesen Gedanken der reinen Religiosität in reine Form zu bringen.»
Ein Gemeindezentrum schaffen
Die beiden Architekten wollten mit dem Bau des Tempels auch seine Funktion als Gemeindezentrum stärken, in dem nicht nur kultische Rituale, sondern auch ein gesellschaftliches Leben stattfinden sollten. Für die Mitglieder des Tempelvereins sollte ein lebendiger Ort der Kommunikation entstehen. Am 19. Oktober 1930 wurde der Grundstein für das Gebäude gelegt, Ende August 1931 wurde der Tempel eingeweiht. Die Form des unverschnörkelten Gebäudes war nach Aussage der Architekten von einer «neuzeitlichen Baugesinnung» geprägt. Moderne Architektur war damals Ausdruck des Anspruchs, einen Teil des modernen Deutschlands zu sein. Bruno Italiener, der damalige Rabbiner des Tempels, sagte bei dessen Einweihung: «Es gibt keine wahre Erneuerung ohne seelische Verwurzelung in dem Boden der Heimat, der der Mensch entstammt. Wir deutschen Juden empfinden diese Verwurzelung besonders in einer Zeit, in der man uns das Recht am deutschen Heimatboden streitig macht, in der man uns seelisch wurzellos machen will.»
Überzeitlich und monumental
Der neue Tempel wurde leicht von der Strassenfront zurückgesetzt und auf erhöhtem Niveau gebaut. Der Bau, dessen Fassade mit Platten aus Muschelkalk verkleidet war, was quadratisch. Das natürliche Spiel der Farben, das von den Muscheln ausging, sollte dem Tempel etwas Überzeitliches und Monumentales verleihen. Gänzlich verzichtet wurde auf eine üppige Ausschmückung, einziger «Schmuck» war ein grosses rundes Fenster in der Form einer Menora. Der Raum der Hauptsynagoge, in der 1200 Personen Platz fanden, war ebenfalls quadratisch angelegt. Die Stirnwand, in die der Thoraschrein eingelassen war, wurde mit anthrazitfarbenen Marmorplatten verkleidet. Die Wirkung und Ausstrahlung des Raums kam vor allem durch das verwendete Steinmaterial zum Ausdruck – auch hier wurde auf Schmuck oder Verzierungen verzichtet. Architekt Ascher begründete seinen Entwurf so: «Die innere Wirkung des Bauwerkes ist für den, der einen Grundriss zu lesen versteht, schon aus diesem zu erkennen. Es gilt, durch den Wandel von grossen, länglichen und quadratischen Grundflächen und ihrer Lage zueinander, eine musikalische Grundstimmung und Harmonie zu erzeugen.» Die Kanzel und die Bima, das Podest für die Lesung aus der Thora, wirkten fast wie ein protestantischer Kanzelaltar. Edelhölzer und ein tiefblauer Teppich hoben die Estrade vom übrigen Raum ab.
Der Konzertsaal steht unter Denkmalschutz
In der Reichspogromnacht 1938 wurde die Inneneinrichtung des Tempels zu grossen Teilen zerstört. Orgel, Flügel und Harmonium fielen den Nationalsozialisten zum Opfer, auch das Gestühl wies starke Schäden auf. Offenbar wurde der Tempel allein aus dem Grund nicht angezündet, da befürchtet wurde, das Feuer könnte auf die Nachbarhäuser übergreifen. Das reli-giöse Leben der Gemeinde war bereits vor 1938 weitgehend zum Erliegen gekommen, da zahlreiche Gemeindemitglieder bereits ins Ausland emigriert waren. Auch Rabbiner
Italiener wanderte im selben Jahr nach England aus.
Die Stadt Hamburg erzwang im Jahr 1940 den Verkauf des Gebäudes seitens der jüdischen Gemeinde – im Tempel sollte nun das sogenannte «Kolonialamt» aufgenommen werden, da die Nationalsozialisten damals noch auf ein neues Kolonialreich hofften. Im Endeffekt diente das architektonisch beeindruckende Gebäude in den Kriegsjahren als Getreidelager und Zeitungsgebäude. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs mietete der Nordwestdeutsche Rundfunk (NWDR) im Mai 1946 das Gebäude und baute es zu einem Studio und Konzertsaal um, dessen Funktion es bis heute innehat. 1953 kaufte der NWDR den ehemaligen Tempel von der Jewish Trust Corporation. Seit 1982 steht das Gebäude in einer der besten Gegenden Hamburgs (Harvestehude) unter Denkmalschutz. Nach ausführlichen Renovierungsarbeiten wurde es in das Rolf-Liebermann-Studio umbenannt, feierlich eingeweiht wurde es im Jahr 2000 vom damaligen Intendanten des Norddeutschen Rundfunks (NDR), Jobst Plog, und dem mittlerweile verstorbenen, ehemaligen Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Paul Spiegel. Der Künstler, Musiker und Intellektuelle Rolf Liebermann spielte in den Jahren des Aufbaus eine grosse Rolle, er galt als Motor geistiger Kreativität. In Hamburg führte er die Staatsoper zu Weltrang.
Heute können Besucherinnen und Besucher im aufwändig vom Architekturbüro Schreiber, Horlitz, Winkler renovierten Studio vor allem Konzerte geniessen. Genutzt wird der Saal vor allem für Proben und Aufführungen von Chor und Sinfonieorchester des NDR und vom Jazz im NDR. Die vergoldeten Deckengewölbe in der Garderobe im ersten Stock und das restaurierte kreisrunde Fenster im Treppenaufgang lassen noch heute Erinnerungen an die ehemalige Synagoge aufkommen, die zwischen 1930 und 1931 dort vom Israelitischen Tempelverband errichtet wurde.