Von der Stärke, eine Minderheit zu sein
Dass Belgien zwei Sprachgruppen beherbergt, deren Auskommen nicht immer das Beste ist, wissen alle. Dass es aber neben Flamen und Wallonen auch noch eine dritte Sprachgruppe im kleinen Benelux-Staat gibt, gehört nicht unbedingt zum Allgemeinwissen. Dabei hat dieser Teil Ostbelgiens seit 25 Jahren einen Autonomiestatus. Alle vier Jahre wird ein Parlament gewählt, das Gebiet hat einen Ministerpräsidenten, zwei Minister und einen 25köpfigen Rat. Die deutschsprachige Bevölkerung versteht ihren Minderheitenstatus keineswegs als Belastung, sondern vielmehr als Gewinn.
Ostbelgien geniesst von seiten Brüssels völlige Autonomie in den Bereichen Unterrichtswesen, Berufsausbildung, Infrastruktur, Beschäftigung, Medien, Tourismus und der Sozial- und Kulturpolitik. Deutsch ist zwar Amtssprache, aber Flämisch und Französisch stehen ebenfalls auf dem Unterrichtsplan. Ostbelgien ist verfassungsrechtlich gesehen ein vollwertiger Bestandteil des belgischen Bundesstaates. Und all dies haben die Ostbelgier ohne grösseren politischen Druck erreicht.
Im Dreiländereck gelegen, betreibt die Region eine nachhaltige Wirtschaftsförderung - ausländische Investoren werden von einer dafür geschaffenen Gesellschaft, der Wirtschaftsförderungsgesellschaft Ostbelgien VoG, in allen möglichen Fragen betreut. Ausländische Investoren können von der Lage des Gebietes, das eine geographische Anbindung an rund 90 Millionen Verbraucher zu bieten hat, profitieren. Industrie und Handwerk, aber auch der Handel, sehen in der speziellen Lage Ostbelgiens beträchtliche wirtschaftliche Vorteile. Auch die Vielsprachigkeit der Ostbelgier, bei denen selbstverständlich auch Englisch auf den Lehrplänen steht, kann für viele Arbeitgeber von hohem Nutzen sein, vernetzt sich doch die Welt immer mehr und damit steigen auch die Anforderungen an die Sprachkenntnisse der Arbeitnehmer rapide.Karl-Heinz Lambertz ist ein fleissiger Werber für die Ostkantone im Königreich Belgien. Das Gebiet könnte in seiner politischen und wirtschaftlichen Struktur Modellcharakter für ein neues Europa haben. Ein Europa in dem nicht die geographischen Grenzen für Wirtschaft und Kultur ausschlaggebend sind, sondern regionale Stärken über diese Grenzen hinaus intensiv genutzt werden können. Ein solches Verständnis von Europa ist zum Nutzen und Vorteil von allen, sogar für die Schweizer Industrie.