Von der Schöpfung bis zur Vollendung
Von Valerie Doepgen
Die Projektidee vom geplanten biblischen «Genesis-Land» klingt spektakulär: Auf einer Fläche von rund 70 Fussballfeldern soll nach Auskunft der Initiatoren ein «konfessionsübergreifendes Werk» geschaffen werden, mit Hilfe dessen die biblische Geschichte und Botschaft in einer «modernen und erlebnisreichen Art» vermittelt wird. Ziel sei es vor allem, den Kindern der westlichen Gesellschaft das Wissen über die Grundlage ihrer Kultur zu vermitteln, betont Gian Luca Carigiet, Geschäftsleiter der Genesis-Land AG, gegenüber tachles. Mit seinem Projekt, das insgesamt rund 200 Millionen Euro kosten und vor allem mit Hilfe von Investoren finanziert werden soll, möchte Carigiet etwas «weltweit Einmaliges» schaffen: Der Themenpark Genesis-Land ist als eine Zeitreise durch die Geschichte der Menschheit von der Schöpfung bis zur Vollendung konzipiert. Im Zentrum des Parks soll ein Gebäude in Form der Arche Noah stehen – in Originalgrösse. An den vier Ecken des Geländes sind Themenpavillons geplant, die an die vier Elemente Erde (Schöpfung), Wasser (Sintflut), Luft (Geist – Jesus Christus) und Feuer (Endzeit) erinnern sollen. Mit Religion soll Genesis-Land allerdings rein gar nichts zu tun haben: «Wir möchten mit unserem biblischen Park kulturelles Wissen vermitteln und daran erinnern, dass wir alle Kinder einer christlich-jüdischen Kultur sind», so Carigiet, und er fährt fort: «Es ist eine Gratwanderung, da wir in unserem Projekt Freude und Besinnung miteinander verbinden. Wir möchten den Menschen auf diese Weise ihre eigene Geschichte von der Schöpfung bis hin zur Vollendung spielerisch nahe bringen». Gebaut werden soll der Park in Deutschland, vorzugsweise in der Nähe von Heidelberg. Dort stiess Genesis-Land aber bisher auf Kritik, die Initiatoren sind nach wie vor auf der Suche nach einem geeigneten Ort für ihren speziellen Vergnügungspark. Die Schweiz komme aber nicht in Frage, so Carigiet, denn hierzulande würden längst nicht so viele Menschen erreicht werden wie in einer stark von Touristen frequentierten deutschen Gegend.
Aktiv in der Schweiz
Als «religiöses Disneyland» bezeichnet Reinhold Bernhardt, Dekan der Theologischen Fakultät der Universität Basel, Genesis-Land. Aus seiner Sicht werden die biblischen Überlieferungen in einem solchen Erlebnis- und Vergnügungspark nicht nur kommerzialisiert, sondern auch ideologisch verzerrt: «Die Schöpfungsgeschichte wird vollkommen missverstanden, wenn man sie als historische quasi-naturwissenschaftliche Beschreibung der Weltentstehung versteht.» Auf die Frage, ob Genesis-Land, sollte es überhaupt realisiert werden, ein Risiko darstelle, da es kreationistische Sichtweisen spielerisch an die Menschen herantrage, sagt Bernhardt gegenüber tachles: «Nicht jeder Unsinn ist auch schon ein Risiko. Diejenigen, die ein fundamentalistisches Bibelverständnis haben, werden sich an diesem Park erfreuen, die anderen werden gar nicht hingehen oder ihn einfach als Vergnügungspark betrachten.»
Er räumt aber ein, dass die Menschen, die anfällig für die Botschaften der Kreationisten seien, auch ohne diesen Park zu den nötigen Informationen kommen könnten. Dem pflichtet auch Paul Schmid-Hempel bei, der als Professor für Experimentelle Ökologie an der ETH in Zürich lehrt und sich zusammen mit anderen Wissenschaftlern mit den Gegnern der Evolutionstheorie beschäftigt: «Die kreationistische Bewegung ist auch in der Schweiz aktiv», so Schmid. «Der Zustand hierzulande ist nicht bedrohlich, aber wir beobachten ihn doch mit etwas Sorge.» Seiner Ansicht nach wird seitens der Kreationisten zunehmend versucht, Einfluss vor allem auf die Schulen zu nehmen: «Wir haben den Eindruck, dass es in der Lehrerschaft, aber auch bei Wirtschaftsführern und Ärzten einige gibt, die anfällig für die vermittelten Botschaften sind.» Oftmals fehle das Wissen über die Evolutionstheorie, und dieses Manko werde schamlos ausgenutzt. Den Wissenschaftlern in der Schweiz sei das Problem sehr bewusst, so Schmid, man wolle den Kreationisten allerdings auch keine allzu grosse Aufmerksamkeit beimessen, denn wissenschaftlich gesehen seien «ihre Theorien Humbug» – ignorieren hingegen können man sie aber auch nicht. Eine Reaktion auf die Kreationisten ist eine neue Website im Internet, die im Herbst aufgeschaltet werden soll. Sie wird von der Universität Basel verwaltet, es sollen Wissenschaftler zu Wort kommen, die über die Erkenntnisse der Evolutionstheorie aufklären und Diskussionen anbieten.
Eine biblisch orientierte Wissenschaft?
Wissenschaftler setzen auf Aufklärung und vertrauen darauf, dass Menschen
in Positionen wie im Lehramt oder in der Wirtschaft sie unterstützen und
Verantwortungsbewusstsein zeigen. Denn eine der Forderungen der Kreationisten
ist die gleiche Behandlung von Evolutionslehre und Schöpfungsglaube in
der Schule. Es ist bereits vorgekommen, dass kreationistische Gruppierungen
ihre eigenen Schulbücher an Schweizer Schulen geschickt haben, um auf diesem
Weg Einfluss nehmen zu können. Und die Menschen scheinen vielfach empfänglich
zu sein: «Das Potenzial für diese Gesinnung ist erstaunlich gross.
Immerhin neigen rund
20 Prozent der Schweizer kreationistischen Positionen zu», gibt Bernhardt
zu bedenken. Auch er ist der Ansicht, dass es vor allem von den einzelnen Lehrkräften
abhängt, inwieweit der Kreationismus beim regulären Vermitteln von
Religion eine Rolle spielt. Sie tragen eine grosse Verantwortung, da der Kreationismus
nicht nur falsch, sondern auch theologisch hoch problematisch sei. Die Stadt
Heidelberg, in deren Region das Genesis-Land im Sinne der Initiatoren idealerweise
errichtet werden soll, hat dem Projekt bereits eine klare Absage erteilt. Einer
Sprecherin der Universitätsstadt zufolge passe die Idee nicht zu Heidelbergs
Image als Wissenschaftsstandort.
Auch bei der württembergischen Landeskirche stiess das Projekt auf grosse Kritik, sie sieht die eigene Glaubwürdigkeit gefährdet. Und auch Bernhardt merkt an: «Wenn christlicher Glaube mit Kreationismus identifiziert werden würde, so wäre das fatal.» Der Genesis-Land-Initiator Carigiet hingegen sieht sich durch diese Art von Kritik missverstanden. Er und seine Mitarbeiter, unter denen auch ein Kollege jüdischen Glaubens ist, möchten nach eigenen Aussagen nicht in die fundamentalistische Ecke abgedrängt werden. Sie setzen sich vielmehr dafür ein, dass in der Öffentlichkeit neben der Evolutionstheorie auch die von ihnen vertretene Schöpfungstheorie gleichberechtigt gelehrt werde. Paul Schmid-Hempel warnt: «Kreationisten lenken gern von ihrem religiösen Hintergrund ab», so der Evolutionsbiologe, «sie geben sich vielmehr gerne als eine Art biblisch orientierter Wissenschaftler.» Der Einfluss dieser Gruppe ist durchaus ernst zu nehmen, auch wenn der von der Genesis-Land AG erdachte biblische Park aufgrund mangelnder Unterstützung nicht realisiert werden würde.
Alfred Bodenheimer, Ordinarius für Religionsgeschichte und Literatur des Judentums am Institut für Jüdische Studien der Universität Basel, meint, das sich vor allem die Basis der Diskussion ändern müsse. «Beide Seiten gehen oft zu dogmatisch vor und negieren die andere Sichtweise», sagt er. Aus seiner Sicht gibt es nicht die eine richtige Antwort: «Man kann den biblischen Schöpfungsbericht nicht der wissenschaftlichen Hypothese entgegensetzen und umgekehrt», so Bodenheimer. Er meint, das Judentum habe aber schon sehr lange seinen eigenen Ansatz gefunden, indem es die biblischen Erzählungen sehr ernst und genau auslege, sich aber nicht in Diskussionen um die Relation von Schöpfungsdaten zu Evolutionsprozessen verliere und es nicht nötig habe, Beweise zu erbringen: «Wir nehmen die Schöpfungsgeschichte sehr ernst, aber sie wäre dennoch kein Stoff für einen jüdischen Freizeitpark.»