Von der Freiheit oder Hitlers letztem Sieg

von Yves Kugelmann, October 9, 2008
Die Tatsache, dass die meisten Jüdinnen und Juden nach dem gregorianischen Kalender leben, hat zur Folge, dass auch historische Ereignisse in den Kategorien dieser Zeitrechnung eingestuft und gar die eigene Identität daran festgemacht wird. Das Wechselspiel zwischen der jüdischen und der allgemeinen Zeitrechnung hat umittelbaren Einfluss auf Denken und Bewertung der Zeit, in der wir Leben. Doch wer sind wir, was macht das Individuum und was die Gemeinschaft in der Zeit aus, ist die Idendität von der Zeit ablösbar oder nicht? Gedanken zur fatalen, aber unfreiwiligen Abkeher von den jüdischen Wurzeln.
Von Ägypten bis Auschwitz: «Die Gesamtheit jüdischer Geschichte darstellen.» - Foto Keystone

Hitler ist tot, die Schoa liegt 60 Jahre zurück. Doch geradezu unentwegt scheinen des Diktators Fänge noch über die Millenniumsgrenze hinaus allgegenwärtig zu sein. Aus der Sicht der Opfer ist die ständige Auseinandersetzung mit der Vergangenheit verständlich, ja geradezu notwendig. Doch Hitler hat auch jene noch in seinem Wirkungsfeld, die lange nach dem Krieg geboren wurden. Der Holocaust vernichtete nicht nur physisch 6 Millionen Juden, er veränderte nicht nur die Identität der Nachkriegsgeneration sondern er veränderte auch das Selbstverständnis des jüdischen Volks; und das ist fatal. Fatal ist, dass Hitler noch heute lenkt, fatal ist, dass das jüdische Volk die Kraft nicht aufbringt, sich von der Fixierung auf die Geschichte zu lösen und somit werden wir gleichsam zum Vollstrecker hitlerischer Ausmerzung mit anderen Mitteln und auf einer anderen, geistigen Ebene. Schockierende Zeilen? Mag sein. Aber notwendige, um zu überleben und für die Frage: «Wer sind wir?» Denn sosehr für die Nichtbetroffenen die Apokalypse nicht erklärbar ist, sosehr bestimmt diese den Werdegang der Juden seit dem Krieg, sosehr verdrängt sie die 3000jährige jüdische Geschichte in den Hintergrund, löst das Volk von den Wurzeln und vereinnahmt es bzw. es lässt sich vereinnahmen. Hitler lässt nicht los, weil wir es zulassen.

Radikalität der Ereignisse

Es ist psychologisch, soziologisch nur logisch, dass die Radikalität des Ereignisses auch eine schwerwiegende Identifikation - im negativen, wie im positiven - mit diesem darstellt. Doch die Summe der jüdischen Identität ist mehr als nur diejenige der Verfolgungsgeschichte. Das Schlechte, das Traumatische darf nicht die gesamte jüdische Geschichte stillschweigend und unabsichtlich dominieren, es darf nicht zur neuen Identität werden, es darf die Wurzeln des jüdischen Volks nicht ausschliesslich auf die Zeit von 1933-45 reduzieren. «Wer sind wir?».

Das singuläre Ereignis darf nicht zur singulären Geschichte verkommen

Für die Erinnerung, gegen das Vergessen sind Schlagworte, die im Zusammenhang mit der Shoa immer gebraucht werden. Unzählige Institutionen beschäftigen sich mit der so wichtigen Aufarbeitung dieser Geschichte, Kampf gegen Antisemitismus, mit der Betreuung von Opfern, mit der Archivierung von Dokumenten, mit der Darstellung der Erinnerung.Viele tun es redlich, andere benutzen das Ereignis, missbrauchen es. Doch wer erinnert sich an die Zeit vor 1933? Die Schoa muss Geschichte werden, sie darf nicht über die Millenniumsgrenze in dieser singulären Art den jüdischen Geist vereinnahmen. Es kann nicht angehen, dass es eine jüdische Geschichte vor und eine nach der Shoa gibt, sondern sie muss in DIE jüdische Geschichte miteinfliessen. Erst dann vermag das jüdische Volk wieder in Freiheit leben. Die jüdische Erziehung muss wieder umfassend werden. Jüdische Jugendliche müssen sich wieder über die Schoah hinaus definieren. Erziehen und Politik machen mit Auschwitz, ist einfach, wirksam, eindrücklich. Aber es ist nicht die jüdische Wirklichkeit, sondern nur ein Bestandteil - ein elementarer, nicht zu verharmlosender - davon. «Wer sind wir?». Wir sind die, die überlebten, weil wir immer den Anker jüdische Geschichte und die daraus resultierende Indentität hatten, uns daran festhielten. Heute müssen wir die Verantwortung tragen, dass die Unantastbarkeit der Geschichte insgesamt nicht von der Einseitigkeit und auch von der Vereinnahmung der jüngsten Geschichtsüberlieferung verdeckt wird. Wir müssen darum besorgt sein, dass der seelische Schaden den die Schoa dem jüdischen Volk zuführte, nicht den nachkommenden Generationen einverleibt wird.
Wir stehen erstmals im neuen Jahrtausend am Vorabend von Rosch Haschana. Und wir müssen uns unbedingt die Frage verinnerlichen «Wer sind wir?». Denn - bei allem, was für die Erinnerung und Aufarbeitung der Schoa noch zu tun ist - wir müssen den kommenden Generationen die Möglichkeit zurückgeben, eine Idendität zu erfahren, in der die Gesamtheit des Wesens jüdischer Geschichte in Reinheit weitergegeben wird.