Von der Assimilation zur Renaissance

von Jacques Ungar, October 9, 2008
Mehrere hundert Persönlichkeiten aus Politik, Religion und dem akademischen Bereich nahmen am 10. und 11. September an einem internationalem Symposium unter dem Motto «Von der Assimilation zur Renaissance» teil. Die Organisation lag in den Händen des 1996 gegründeten Internationalen Zentrums für die jüdische Identität der Bar Ilan-Universität.
Die Sponsoren Baruch und Ruth Rappaport (links und rechts aussen), Bar-Ilan, Präsident Mosche Kaveh, Israels Staatspräsident Moshe Katsav. - Foto PD

«Auch wenn in den meisten Staaten der Welt der Antisemitismus rückläufige Tendenzen aufweist und der Status der Juden heute besser denn je ist, drohen zahlreiche Faktoren, die Assimilation in den kommenden Generationen zu beschleunigen.» Mit dieser Warnung eröffnete Dr. Yaacov Eliav, Vorsteher des Internationalen Zentrums für jüdische Identität an der Bar Ilan-Universität, das internationale Symposium zu Fragen der Assimilation, welches das Institut am 10. und 11. September abhielt. Bei Mischehenraten zwischen 60 und 70% und ohne die entsprechenden Massnahmen gegen die Assimilation riskiere das jüdische Volk nach Ansicht Eliavs, bis zum Jahr 2025 auf eine Gesamtzahl von 1,5 bis 2 Millionen abzusinken (Eine vom «American Jewish Yearbook» kürzlich veröffentlichte Studie spricht demgegenüber von einem Ansteigen der jüdischen Weltbevölkerung auf 15 Millionen bis zum Jahr 2080, vgl. Artikel auf S.13).
Zur Untermauerung seiner düsteren Prognose wies Eliav auf die im Laufe der Jahrzehnte aus Israel emigrierten Juden hin. Während jene Israelis, die in den 50er und 60er Jahren ausgewandert sind, noch einen engen Kontakt zu ihrer Heimat und zu den lokalen jüdischen Gemeinden gepflegt hatten, begann sich in den 70er Jahren eine Trendumkehr abzuzeichnen: Die Kinder seien kaum noch in jüdische Kindergärten und Schulen geschickt worden, und die Eltern hätten sich sowohl vom jüdischen Gemeindeleben als auch von Israel distanziert. Die Assimilationsrate innerhalb dieser Gruppe bezifferte Eliav auf erschreckende 70-80%.
Von der Assimilation als «schwerwiegende geistige Shoa unserer Zeit» sprach anschliessend Professor Moshe Kaveh, Präsident der Bar Ilan-Universität. Die rasche Ausarbeitung von auf die Bedürfnisse der Diaspora-Gemeinden zugeschnittenen Bildungsprogrammen bezeichnete er als «dringendes Gebot der Stunde». Einen ähnlichen Ton schlug Israel Meir Lau, der aschkenasische Oberrabbiner Israels, an, der eine Vertiefung der jüdischen Wurzeln im Staate Israel forderte: «Unser Staat ist der einzige Ort, wohin das jüdische Volk sich vor der in der Diaspora grassierenden Assimilation flüchten kann. Deshalb müssen wir hier unser Judentum stärken und alle Strömungen unserer Gesellschaft rund um die wirklichen Werte unserer Quellen vereinen. Das wird uns dann eher ermöglichen, unseren Brüdern in der Diaspora mehr Licht zu bringen- bevor wir daran denken, ein \"Licht unter den Völkern\" zu sein.» Für einiges Aufsehen sorgte Shear Yashuv Cohen, der Oberrabbiner von Haifa, mit seiner Bemerkung, die Assimilation stelle auch Israel selber vor ein Problem: «Die ersten Generationen der israelischen Pioniere konnten noch auf starken jüdischen Wurzeln basieren, doch bei vielen ihrer Nachkommen ist davon nicht mehr viel übrig geblieben.» An diese Feststellung schloss Shear Yashuv Cohen den Appell an alle Richtungen der jüdischen Gesellschaft, das Zusammenleben zu lernen.
Die Teilnehmerliste des Symposiums nahm sich sehr beeindruckend aus. So waren neben dem Schriftsteller A.B. Yehoshua u.a. zugegen die Professoren Lawrence Shiffman (New York University), Avigdor Shinar, Israel Bar-Tal und Yair Zarkovitch (alle Hebräische Universität), Moshe Chalamish, Yoel Rappel und Renono Katzoff (alle Bar Ilan).