Von Darwin zu den Rassengesetzen

Esther Müller, February 12, 2009
Charles Darwin, der Begründer der Evolutionstheorie, würde dieses Jahr seinen 200. Geburtstag feiern. Sein Modell der natürlichen Auslese fand weit über die Biologie hinaus Anklang – teilweise mit fatalen Folgen.
MISSBRAUCHT VON DARWINS THEORIE NS-Propagandamaterial des Reichsausschusses für Volksgesundheit aus dem Jahre 1940

Als 1859 Charles Darwins Werk «On the Origin of Species by Means of Natural Selection» erschien, befanden sich grosse Teile der westlichen Welt in einem Wandel, der Althergebrachtes fundamental in Frage stellte. Die Bewegung, die unter dem Begriff «Industrialisierung» in die Geschichtsbücher eingegangen ist, veränderte seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts den gesellschaftlichen Aufbau und brachte tradierte Machtansprüche ins Wanken; sie beflügelte Zukunftsvisionen und schuf zugleich enorme Ängste vor dem Unbekannten. Bevölkerungswachstum und Wohlstand gingen mit grösster Armut und Entrechtung einher. Die expansive Kolonialpolitik europäischer Staaten ermöglichte den Zugang zu einem immensen Rohstoffreichtum, der eine wachsende Wirtschaft antrieb, und erschloss neue Märkte.

Auch die Wissenschaften hatten sich verändert. Sie wagten sich immer weiter hinaus auf Terrain, das bis anhin die christliche Doktrin besetzt hatte. Charles Darwins Theorie entliess den Schöpfergott zugunsten einer sich selbst stets neu erschaffenden Natur: eine zu seiner Zeit ungeheure These. Doch Darwin fand neben vehementen Gegnern auch schnell begeisterte Anhänger: unter ihnen auch solche, die einen Teil seiner Theorie auf die menschliche Gesellschaft anwandten.

Sozialdarwinismus

Als einer der Begründer dieser Denkschule, des Sozialdarwinismus, gilt der britische Philosoph und Soziologe Herbert Spencer (1820–1906). Gesellschaftliche Entwicklung war für Spencer Ausdruck des evolutionären Naturgesetzes «survival of the fittest». In Abweichung von Darwin sah er in diesem Prozess keine Zufälligkeit wirken. Spencer schätzte den französischen Zoologen Jean Baptiste Lamarck (1744–1829), der die Vererbung individuell erworbener Eigenschaften lehrte und Verfasser einer eigenständigen evolutionären Theorie war. Bei Spencer wurden alle Varianten von Kultur Teil dieses Prozesses, der eine Zielgerichtetheit hatte – er strebte nach Höherentwicklung. Darüber, wie sich dieses Streben in einer Gesellschaft zeigte, ob in Kampf oder Kooperation oder anderen Formen menschlicher Organisation, herrschten allerdings verschiedene Ansichten.

Nicht nur in Grossbritannien war das Interesse an Charles Darwins Evolutionstheorie gross. Auch in Deutschland wurden seine Schriften interessiert gelesen. Darwin fand im Biologen Ernst Haeckel (1834–1919) einen mächtigen Fürsprecher. Haeckel war Begründer der biologischen Morphologie und das, was man heute ein «Publicitytalent» nennen würde. Ab dem Jahr 1900 widmete sich Haeckel, der ein begnadeter wissenschaftlicher Maler und Zeichner war, dem Übersetzen. Nicht in eine Fremdsprache, sondern in die Sprache der interessierten und gebildeten Laien des bildungsbürgerlichen Deutschlands. Doch es war nicht so sehr der Zoologe Ernst Haeckel, der als Sachbuchautor in Erscheinung trat, als Ernst Haeckel, der Charles Darwins Gesetze als Sozialdarwinist interpretierte. Auch er gab der evolutionären Entwicklung einen Sinn – und der lag in der Höherentwicklung.

Ernst Haeckel war Freidenker, aber kein Atheist. Der 1906 auf seine Anregung hin gegründete Monistenbund vertrat die Idee der Einheit von Natur und Geist und berief sich dabei unter anderem auf Darwins Lehre. Einst Pazifist, war Haeckel einer der 92 Professoren, die am 2. Oktober 1914 den Aufruf «An die Kulturwelt» unterzeichneten. Er begann mit folgendem Satz: «Wir als Vertreter deutscher Wissenschaft und Kultur erheben vor der gesamten Kulturwelt Protest gegen die Lügen und Verleumdungen, mit denen unsere Feinde Deutschlands reine Sache in dem ihm aufgezwungenen schweren Daseinskampfe zu beschmutzen trachten.»

Zu Beginn des Ersten Weltkriegs war aus Darwins Gesetz der sich stetig verändernden Natur, die nach dem Mechanismus der natürlichen Auslese funktionierte und den Bestangepassten die grössten Überlebenschancen bot, ein Kampf innerhalb der Gesellschaft selbst und einer Nation gegen die andere geworden. Der Bestangepasste war zum Synonym für den «Stärkeren» geworden. Der Sozialdarwinismus gab der imperialistischen Politik ihre Begründung. Der Stärkere siegte über den Schwächeren und zwang ihm seine Idee von Zivilisation auf.

Der Weg zur Rassenhygiene

Der deutsche Arzt Alfred Ploetz (1860–1940) liess sich von Darwin und Haeckel schon als junger Mann begeistern. Aus politischen Gründen studierte er im liberalen Zürich Medizin. Einer seiner Dozenten war der Schweizer Psychiater Auguste Forel (1848–1931). Dieser war 20 Jahre lang Professor für Psychiatrie, einem neu etablierten Fach in der Schweiz, und ebenso lang Direktor der Psychiatrischen Heilanstalt Burghölzli. Forel war ein Mann mit vielen Interessen: Ameisenforscher, vehementer Vertreter der Abstinenzbewegung, Sozialist, im Alter Anhänger der Bahai-Religion – und ein Befürworter der Sterilisation aus «sozialen Gründen»; eine Massnahme, die er als Klinikdirektor auch selbst umsetzte. Sein Student Alfred Ploetz gründete 1905 in Berlin die Gesellschaft für Rassenhygiene, deren Ziel es war, Rassenhygiene zur wissenschaftlichen Disziplin zu machen. Gründungsmitglied der Gesellschaft war unter anderem Ploetz’ Schwager Ernst Rüdin. Der Schweizer Psychiater sollte später zu einem der Autoren des nationalsozialistischen Gesetzes «zur Verhütung erbkranken Nachwuchses» von 1933 werden.

Der Begriff «Rassenhygiene» stammt von Ploetz und ist seine Eindeutschung des Begriffs «Eugenik». Er beinhaltete unter anderem Massnahmen wie Heirats- und Kinderanreizsysteme für die als «wertvoll» geltenden Mitglieder, aber auch das Verhindern von Schwangerschaften durch Empfängnisverhütung bis hin zur Zwangssterilisation bei «Minderwertigen». Dies war keine gänzlich neue Idee, den Begriff der Eugenik als Lehre der Vererbung hatte Francis Galton (1822–1911), ein Cousin Darwins, geprägt. Auf ihn, wie auch auf Gregor Mendel, beriefen sich die deutschen Rassenhygieniker. Ihr Gedankengut wurde mit rassistischen und antisemitischen Theorien angemengt wie die von Arthur de Gobineau (1816–1882) oder von Houston Stewart Chamberlain (1855–1927).

Eugenische Massnahmen wie die Zwangssterilisation von psychisch Kranken, Frauen, denen ein sexuell freizügiges Verhalten unterstellt wurde, Alkoholikern oder als «kriminell» eingestuften Menschen gab es ab den späten zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts in vielen europäischen Ländern und in Teilen der USA. In Schweden, Dänemark, Finnland und Norwegen wie auch in der Schweiz waren Zwangssterilisationen auch noch weit nach 1945 Praxis. Doch nur im nationalsozialistischen Deutschland bot sich Vertretern der Rassenhygiene die Möglichkeit, ihre «Konzepte» unter Hilfe staatlicher Mittel und Institutionen radikal umzusetzen.

Rassenhygiene wurde eine universitäre Disziplin. Die «Nürnberger Rassengesetze» von 1935 waren Teil rassenhygienischer Pläne wie auch die Ermordung geistig Behinderter und psychisch Kranker, die Zwangssterilisation von Männer und Frauen, Zwangsabtreibungen und die oftmals tödliche Verfolgung «Asozialer». Ärzte und medizinische Institutionen waren willige Helfer. Medizinische Experimente in Konzentrationslagern wurden möglich durch die totale Entmenschlichung der Opfer, die vermeintlich wissenschaftlich untermauert werden konnte.

Was die wirklich «grosse Aufgabe» war, hatte Adolf Hitler niemals verhehlt: Erst wenn alle Juden «vernichtet» wären, könnten die deutsche Rasse und die Welt gesunden. Hierin stimmte der grösste Teil der deutschen Rassehygieniker mit ihm überein, wenn sie sich auch in Radikalität und Umsetzungsideen unterschieden. Nach Kriegsende wurden viele führende Rassenhygieniker als «Mitläufer» eingestuft und entnazifiziert – im Extremfall unterrichteten sie bis zu ihrer Emeritierung weiterhin an Universitäten.