Von biblischen Fehlernten zur Finanzkrise

von Katja Behling, May 14, 2009
Betrug, Preisspiralen und Staatspleiten führten mehrfach zu Wirtschaftskrisen. Die oft mit der Grossen Depression von 1929 verglichene derzeitige Weltwirtschaftskrise verdeutlicht die Folgen gegenseitiger Abhängigkeit globalisierter Volkswirtschaften.
Während der Grossen Depression 1930 im amerikanischen Cleveland 5000 Arbeitslose stehen beim Arbeitsamt an

Die Welt erlebt die schwerste Rezession seit Anfang der dreissiger Jahre. Die Mitte April veröffentlichten Prognosen der führenden deutschen Wirtschaftsforschungsinstitu-te fielen noch düsterer aus als von vielen erwartet: Die Wirtschaft werde 2009 um sechs Prozent schrumpfen und auch im kommenden Jahr nicht wachsen. Die Experten rechnen mit einem Verlust von mehr als einer Million Arbeitsplätzen. Im Herbst dürfte die Zahl der Arbeitslosen auf vier Millionen geklettert sein. Die Krise wird weitere Unternehmen in die Knie zwingen, etliche Kredite zum Platzen und weitere Banken in die Bredouille bringen. Schwarz malt auch der Internationale Währungsfond (IWF) die Lage: Der Exportweltmeister und Globalisierungsprofiteur Deutschland werde wahrscheinlich so hart wie fast kein anderes Industrieland von dem Minus getroffen. Die derzeitige Situation der Weltwirtschaft erinnert in vielem an die Grosse Depression in den Jahren nach 1929: Von den USA ausgehend, begann sich 1929 das weltwirtschaftliche Szenario dramatisch und in seiner Intensität und Geschwindigkeit un-erwartet zu verändern. Aufgrund des internationalen Konjunktur-, Preis- und Kurszusammenhangs der inzwischen stark verflochtenen Güter- und Kapitalmärkte blieb kein Finanzplatz verschont. Schon gar nicht Deutschland, in dessen Kapitalmarkt und Bankensystem viel Geld aus Übersee steckte, war doch der Wiederaufbau Europas nach dem Ersten Weltkrieg in erheblichem Umfang durch amerikanische Banken finanziert worden – und somit abhängig von der amerikanischen Konjunktur. Als seinerzeit viele Banken ihre Kredite zurückriefen, weitete sich die Krise rasch aus. Viele gerieten in Liquiditätsschwierigkeiten, was zu Zwangsverkäufen, Konkursen, Arbeitslosigkeit und Produktionsrückgang führte – somit zu ähnlichen Verhältnissen, wie sie seit Mitte 2008 zu beobachten beziehungsweise Experten zufolge für 2009 und 2010 erwartet werden. Die Phänomene um 1929 aber gelten als ein Schlüsselereignis des 20. Jahrhunderts, aus dem sich weiteres Unheil entwickelte: Armut, Arbeitslosigkeit, Krieg. Im Gefolge der Grossen Depression fiel Deutschland in die Hände der Nationalsozialisten. Die Notzeit hatte sie binnen kurzem nach oben katapultiert.

Schlimmste Krise seit 1929

Zwar haben heute weder die Wertverluste der Aktienmärkte noch Wirtschaftsrückgang und Konkurse die dramatische Grössenordnung von 1929 erreicht. Ist die damalige Krise dennoch eine «Blaupause des Niedergangs» («Spiegel» 18/09)? Direkte Vergleiche mit 1929 scheinen – noch? – überzogen. Dabei sei derzeit nicht auszuschliessen, orakelte der Nobelpreisträger Paul Krugman, dass die aktuelle Krise die Volkswirtschaften tatsächlich ähnlich hart treffen könnte wie damals. Alle Hoffnung stützt sich derzeit auf die gigantischen Rettungspakete der Regierungen. Immer mehr Geld wird in die Wirtschaft gepumpt. Aber noch ist nicht ausgemacht, ob diese Kreislauftherapie den Patienten tatsächlich wieder auf die Beine bringen wird. Wilde Übertreibungen und psychologische Effekte, unter die auch vorschnelle Massenentlassungen, Konsumverweigerung,  Börsenzusammenbrüche und allzu knauserige Kreditvergaben fallen können, vermögen fatale Kettenreaktionen auszulösen. Angst und Vorsicht in Krisenzeiten können ebenso über das Ziel hinaus schiessen wie Gier und Überschwang bei Hochkonjunktur. Vor voreiliger Analogie und unverantwortlicher Panikmache soll also gewarnt sein,und soziale Unruhen, wie es sie in der Weimarer Republik gab, dürfen nicht im Sinne einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung herbeigeredet werden. Zumal die allgemeine Lage damals eine andere war: Die Gewalt- und Protestbereitschaft in der Gesellschaft sei grösser gewesen, ein tragfähiges soziales Netz anders als heute nicht vorhanden, sagte der Berliner Historiker Paul Nolte der Tageszeitung «Die Welt». Demgegenüber gibt es mittlerweile auch erste Hoffnungsschimmer und Anzeichen dafür, dass die Wirtschaft wieder Tritt fast. Zumindest legt das Stimmungsbarometer Börse diesen Schluss nahe. Die Kurse scheinen sich dauerhaft zu erholen: In den Wochen von Mitte März bis Mitte April kletterte der Deutsche Aktienindex um rund 24 Prozent. Doch was für die einen ein Zeichen für die Wende zum Besseren ist, lesen die anderen als Ausdruck einer gewissen Blindheit trotzoptimistischer Börsianer gegenüber dem tatsächlichen Ausmass der Krise. 

Die Südsee-Blase

Spätestens das 16. Jahrhundert gilt als Beginn des Frühkapitalismus. Die Hansestädte blühten, der transalpine Verkehr zwischen Venedig als Tor für orientalische Waren und Deutschland wurde weiter ausgebaut, auch ergaben sich etwa über Antwerpen neue Im- und Exportportchancen im Überseehandel. Die Entwicklung in Richtung Urbanisierung sowie Industrialisierung nahm an Fahrt zu. Doch hatten engere Handelsbeziehungen zur Folge, dass Krisen sich zumeist überregional auswirkten. Eine der wichtigsten Finanzkrisen überhaupt, die Südsee-Blase, ging von der britischen Insel aus: Gegen Ende des 17. Jahrhunderts entwickelten sich Aktien auch in England zur beliebten Geldanlage. In London machte zu Beginn des 18. Jahrhunderts das neue Zauberwort «Joint Stock Companies» die Runde. Spekulanten und Glücksritter betraten das Parkett. Die Bäume schienen in den Himmel zu wachsen, viele liessen Vorsicht und Vernunft fahren. Inmitten des damaligen Booms fanden selbst windigste Geschäftsideen bei potenziellen Geldgebern reissenden Absatz. Aktienkäufe auf Kredit waren üblich. Die Kurse schossen binnen weniger Monate empor. Die South Sea Bubble entstand aus Spekulationen um ein einziges Unternehmen und ergriff schliesslich den gesamten Aktienmarkt. Die South See Company, welcher der Börsenrausch seinen Namen verdankt, finanzierte die Schulden des britischen Staates durch die Ausgabe eigener Aktien zu immer höheren Kursen. Die Blase platzte 1720. Nach dem rasanten Höhenflug kam das böse Erwachen: Zahllose Anleger – vom Bauern bis zum Adligen – verloren ihr Hab und Gut. Die Südsee-Blase hatte berühmte Opfer. Der Physiker Isaac Newton und der Schriftsteller Jonathan Swift zählten dazu. Für die britische Wirtschaft hatte sie dramatische Folgen. In der nachfolgenden Baisse schwappte eine Welle von Bankrotten über das gesamte Land, die Anfang des 18. Jahrhunderts nicht nur in Grossbritannien tiefe Spuren hinterliessen. Die Südsee-Blase gilt als eine der ersten und zugleich grössten Börsenspekulationen der Geschichte.

Blaupausen des Niedergangs

Wiederholt nahmen Krisen von den USA ihren Ausgang. Die erste, Europa und die USA gleichzeitig dramatisch treffende Weltwirtschaftskrise entstand um 1857 bis 1859. In der alten Welt hatten Industrialisierung, der siegreiche Krimkrieg und Aussenhandel zu einer Wirtschaftsblüte geführt. In den USA hatten Gold- und Silberfunde in Kalifornien, das neue Eisenbahnnetz und reger Export eine Hochkonjunktur zur Folge. Kapriolen an den Aktienmärkten in Frankreich und Deutschland liessen das Hoch plötzlich in ein Tief umschlagen. Die Folgen dieser Talfahrt waren umso dramatischer, als ein Grossteil der Aktien kreditfinanziert war und nun ad hoc verkauft werden musste, damit die Aktionäre ihre Zahlungsverpflichtungen bedienen konnten. Das drückte die amerikanischen Aktienmärkte und führte zu Zusammenbrüchen im Bankensektor. 1869 wurde durch Goldspekulationen zweier Unternehmer in den USA, in die der Staat eingriff, abermals eine Finanzkrise ausgelöst. Die amerikanischen Turbulenzen des Jahres 1907 wurden durch einen Anstieg der Zinssätze verursacht, als die Farmer im Westen für ihre Ernten bezahlt wurden, sowie durch Finanzskandale in New York, in die eine grosse Finanzinstitution, der Knickerbocker Trust, verwickelt war.
Spätestens nach dem Ersten Weltkrieg hatten sich die Finanzmärkte gegenüber der Realwirtschaft von Produktion und Güterwirtschaft verselbständigt: ein System für sich, weitgehend unabhängig von Ernten, Konsum und Güterherstellung. Ein Börsen-Hoch war folglich ohne Produktionsboom möglich, umgekehrt folgte auf einen Aktiencrash nicht zwingend auch ein Zusammenbruch der Güterwirtschaft. Die neue Ausgangsbasis ermöglichte neue Krisenszenarien – mit weitreichenden Folgen: Hyperinflation, Defla-tion, Zahlungs-bilanzkrisen, Wechselkursschwankungen, Finanzspekulationskrisen, Sozialsystemkrisen. Und ein Jahrzehnt nach dem Ersten Weltkrieg ereignete sich die bislang grösste und global umfassendste Weltwirtschaftskrise: die mit dem Börsenkrach von 1929 entstandene Grosse Depression, die dieser Tage so oft bemüht wird, wenn es um die Abschätzung der Folgen der Krise von 2009 geht. Während Deutschland seinerzeit alte Kriegsanleihen zu bedienen und Reparationszahlungen zu leisten hatte, verlor die Währung schneller an Wert, als die Notendruckmaschinen rotieren konnten. In den USA hatte ebenfalls eine expansive Geldpolitik mit niedrigen Zinsen zu hemmungslosen Spekulationen geführt und die Börsenmärkte überhitzt, zumal Kleinanlegern zudem ein kreditfinanziertes, sie oft überforderndes, Engagement schmackhaft gemacht wurde. Ebenso wie heute schwand seinerzeit das Vertrauen der Banken untereinander schlagartig. Im Prinzip handelte es sich um eine Liquiditätskrise und diese Liquidität wurde auf mehreren Wegen wiederhergestellt: New Yorker Banken pumpten eigene Mittel über ein Clearing House in den Finanzkreislauf, eine mächtige Finanzinstitution, J.P. Morgan, kaufte einbrechende Aktien auf und setzte damit der Panik am Markt und dem Ringen um Liquidität ein Ende, und die europäischen Zentralbanken stellten dem amerikanischen Markt Gold zur Verfügung. Seitdem hatte die Weltwirtschaft mit Krisen wie der – güterwirtschaftlich entstandenen – Rezession infolge der Ölkrise Anfang und Mitte der siebziger Jahre zu kämpfen. 1987 kam es, wiederum in den USA, abermals zu einem Börsenfall. Insbesondere Japan wurde davon mitgerissen, die europäischen Handelsplätze reagierten vergleichsweise gelassen. Erst der weltweit folgenreiche Aktiencrash um 2001 kehrte das Szenario einer dramatischen Weltwirtschaftskrise in den Bereich der realen Möglichkeiten zurück. Noch ist unklar, wie gross die Ähnlichkeiten zwischen 1929 und 2009 sein werden, und welche Lösungsstrategien sich aus etwaigen Analogien ergeben. Die damalige Krise ging um 1934/35 ihrem Ende zu, als es, kurz bevor der Zweite Weltkrieg ausbrach, zu einem Konjunkturaufschwung kam. Seit 1945 schien der Traum vom «ewigen Boom» kein Hirngespinst zu sein. Doch jetzt zeigt sich, in welchem Ausmass mit der Globalisierung eine völlig neue Art von Weltherrschaft entstanden ist – die Vorherrschaft des Grosskapitals nicht nur über die Weltpolitik, sondern auch über die Wirtschaftsressourcen der Welt. Könnte die Krise also vielleicht dahingehend integrativ wirksam sein, indem sie die Einsicht gegenseitiger Abhängigkeit fördert? Auch und gerade in Krisengebieten: Jede Konfrontation, jeder nationale Krieg hat globale Wirtschaftsnachteile und sollte damit unrentabel und abträglich für alle Volkswirtschaften geworden sein.