Vom «Umschlagplatz» zur «Erinnerungsstätte»

September 16, 2011
Mit dem Neubau der Europäischen Zentralbank an der Frankfurter Grossmarkthalle wird auch eine Erinnerungsstätte für die 10 000 Juden geschaffen, welche zwischen 1941 und 1945 von der Halle aus in die Vernichtungslager des «Dritten Reichs» deportiert wurden.
NEUER SITZ DER EZB Ein computergeneriertes Bild des neuen Hauptsitzes der Europäischen Zentralbank

Von 1928 bis zu ihrer Schliessung im Jahr 2004 wurde in der Frankfurter Grossmarkthalle vorwiegend Obst und Gemüse gehandelt. Das über zehn Hektar grosse Gelände war jedoch nicht bloss ein gewerblicher Grossmarkt, sondern auch ein «Umschlagplatz» in dem Sinne des Wortes, wie er im Warschauer Ghetto geprägt wurde. Zwischen 1941 und 1945 rollten von der Grossmarkthalle aus Deportationszüge in die Vernichtungslager der Nazis. Das NS-Regime sperrte rund 10 000 Juden in die Kellerräume der Halle, bevor sie vom hiesigen Bahnhof aus deportiert wurden. Derweil wurde oben fleissig weiter Gemüse und Obst gehandelt.

Ort der Erinnerung

Das Gelände der Grossmarkthalle ist heute eine riesige Baustelle. Hier entsteht der neue Hauptsitz der Europäischen Zentralbank (EZB), welcher nach einem Entwurf des Wiener Architekturbüros Coop Himmelb(l)au einen Doppel-Büroturm mit der Halle kombiniert. Der Bau, der 2300 Arbeitsplätze beherbergen wird, soll zu einem neuen Wahrzeichen der Stadt werden. Gleichzeitig soll auch mittels einer Gedenkstätte an das dunkle Kapitel Geschichte der Halle erinnert werden. Die Idee für eine solche Erinnerungsstätte kam bereits 2001 auf, wie Andrea Jürges, Pressesprecherin der EZB, erzählt. Die Stadt Frankfurt a. M. führte nach langjährigen Gesprächen in enger Abstimmung mit der Jüdischen Gemeinde Frankfurt und der EZB schliesslich einen Wettbewerb durch, welcher 140 Entwürfe gegeneinander abwog und deren Realisierbarkeit begutachtete. Nach Abschluss der Überarbeitungsphase entschied sich die Stadt – wiederum in enger Abstimmung mit der jüdischen Gemeinde und der EZB sowie der Wettbewerbsjury – am 11. März dieses Jahres für den Entwurf des Architektenduos KatzKaiser aus Köln und Darmstadt, welches sich vor allem der Ausstellungsarchitektur widmet.
«Die Schwierigkeit der Aufgabe lag darin, dass kaum noch originale Spuren sichtbar sind und zudem durch die Europäische Zentralbank wesentliche Teile des Geländes überformt werden und nur noch unter Einschränkung betretbar sein werden», erläutert Nikolaus Hirsch, Preisgerichtsvorsitzender des Wettbewerbs. Drei solche originale Spuren waren in die Gedenkstätte zu integrieren: Das Stellwerk, von dem aus die Weichen für die Deportationszüge gestellt wurden; ein Reststück der Rampe, über welche die Menschen erst in den Keller hinab-, und danach wieder hinausgetrieben wurden, und schliesslich der Keller selbst, in welchem Tausende Juden auf ihren Abtransport warten mussten.

Der Entwurf von KatzKaiser

«Der Entwurf von KatzKaiser hat es als einziger Entwurf geschafft, den Keller der Grossmarkthalle, in dem die Deportierten versammelt wurden, und die dazugehörige Rampe zum Thema zu machen. Der Arbeit gelingt es, die zwei wesentlichen inhaltlichen Elemente aufeinander zu beziehen: den Keller mit Rampe und das Stellwerk mit dem Gleiskörper», begründet Hirsch die Wahl des Entwurfs von KatzKaiser gegenüber tachles.
Tobias Katz und Marcus Kaiser setzten sich in ihren Ausstellungsarbeiten bereits verschiedentlich mit dem Thema Nationalsozialismus und im Speziellen mit Deportationen auseinander. «Dabei intensiviert sich das Interesse an der Auseinandersetzung und die Suche nach angemessenen Ausdrucksmitteln», erläutert Tobias Katz die Motivation für das Projekt an der Grossmarkthalle. Ihr Vorschlag verfolge in erster Linie das Ziel, die Abläufe und Zusammenhänge des Geschehenen sichtbar zu machen; Rampe, Kellerraum, Gleisfeld und Stellwerk in einen räumlichen Bezug zu setzen und somit den Prozess der Deportationen zu dokumentieren. Die einzige bauliche Massnahme, die dazu nötig sei, sei das Nachzeichnen der ehemaligen Rampe zum Keller. Marcus Kaiser führt aus: «Dies ist insofern von Bedeutung, als der Kellerraum, in dem die Opfer vor ihrem Abtransport enteignet und festgehalten wurden, nur für geführte Gruppen zugänglich sein wird. Daher ist der optische Bezug, den unsere Arbeit herstellt, der einzig öffentlich mögliche.»
Nach Ansicht des Planungsdezernates der Stadt Frankfurt a. M. ist gerade diese Inszenierung der Rampe zum Keller als dem Ort, an welchem die Auslieferung der jüdischen Bürgerinnen und Bürger an die Vernichtungsmaschinerie des «Dritten Reichs» organisiert und exekutiert wurde, das besondere des Entwurfes von KatzKaiser. «Der Ort ist bedeutsam, weil er präzise die Schnittstelle markiert zwischen einer geordneten, sicheren und rechtsstaatlich verfassten bürgerlichen Existenz und der Vernichtung dieser Ordnung. Dabei handelt es sich um eine räumliche Konstellation und Konnotation, die so nur in Frankfurt existiert», führt Mark Gellert, Pressesprecher des Planungsdezernates, aus.

Keine didaktischen Mittel

Im Unterschied zu vielen «klassischen» Gedenkstätten verzichtet das Vorhaben von KatzKaiser auf didaktische Mittel. Schriftliche Erläuterungen wird es keine geben. «Das narrative Element wird durch eine Art Metaebene dargestellt: An verschiedenen Stellen auf dem Gelände, beispielsweise im Boden, an der Fussgängerbrücke oder am Gesims der Grossmarkthalle, werden Zitate von Opfern, Überlebenden, Beobachtern und Schaulustigen eingeschrieben. Diese werden von Passanten eher beiläufig bemerkt und irritieren im ersten Moment», so Katz. Die Geschichte des Ortes erschliesse sich dem Besucher vielleicht auch nicht gleich auf Anhieb, sondern erst nach und nach.
Für die Grossmarkthalle käme nur «kameraüberwachtes Gedenken mit gut auswendig gelerntem Betroffenheitsvokabular» in Frage, zitierte die «Frankfurter Rundschau» die Politologin Mirja Keller im Dezember vergangenen Jahres. Nikolaus Hirsch sieht den kritischen Punkt woanders: «Jede Gedenkstätte hat sich mit den Widersprüchlichkeiten öffentlichen Gedenkens auseinanderzusetzen. Der einvernehmlich ausgewählten Arbeit von KatzKaiser gelingt es, ohne Gedenkrethorik einen Entwurf zu gestalten, der sich sachlich gegenüber dem Wenigen verhält, was noch da ist.» Mit dem Vorschlag von KatzKaiser werde nichts hinzuerfunden, sondern würden räumlich-inhaltliche Zusammenhänge hergestellt, so Hirsch weiter. Marcus Kaiser zum Projekt: «Unsere Arbeit ist keine Gedenkstätte im eigentlichen Sinne. Der Begriff ‹Erinnerungsstätte› war für uns ein Leitbild in der Bearbeitung des Wettbewerbes.» Und diese Erinnerungsstätte an der Grossmarkthalle sei nur einer von mehreren Orten in Frankfurt, die an die Verbrechen der Nazizeit erinnern. Sie müsse mit diesen in einem Gesamtzusammenhang betrachtet werden. «Jeder dieser Orte erzählt einen Teil der Geschichte», so Kaiser. «An der Grossmarkthalle lässt sich der Prozess der Deportationen festmachen.»
Tobias Katz erläutert weiter, dass nicht wenige Frankfurter nichts über die Vergangenheit der Halle wissen würden. Die Geschichte, welche den Ort belaste, zu dokumentieren, sei jedoch bedeutsam. Dies sieht der Architekt auch als eine Aufgabe der Erinnerungsstätte. «Dabei ist es für uns wichtig, dass dieser Ort in seiner Beiläufigkeit erhalten bleibt, denn – das ist entscheidend – die Rezeption durch den Betrachter ist nicht planbar. Der Umgang mit dem Ort bleibt jedem selbst überlassen.»
Mit der Fertigstellung des EZB-Neubaus soll auch die Erinnerungsstätte im Jahr 2014 fertig gestellt werden. Ab Mitte August werde die Projektgruppe unter Leitung von Kulturamt, Hochbauamt und Jüdischem Museum offiziell ihre Arbeit aufnehmen, so Gellert vom Planungsdezernat.     Daniel Zuber