Vom Retter zum Geächteten
Am 19. März 1944 besetzten Adolf Hitlers Truppen Ungarn. Bis dahin galt das Land den Juden als einigermassen sicher, weshalb Tausende dorthin geflohen waren. Das zionistische Hilfs- und Rettungskomitee («Waada esra we hazala») betreute diese Flüchtlinge und half ihnen etwa bei ihrer Flucht nach Rumänien. Rezsö Kasztner (Rudolf Kastner), 1906 in Ungarn geboren, Journalist und Jurist, führte das Komitee von 1941 bis 1945 de facto an. Nach dem Einmarsch der Deutschen begann das Komitee bald damit, auszukundschaften, ob die SS möglicherweise bestechlich sei und zu Freikaufsverhandlungen gebracht werden könnte, wie man es zuvor aus der Slowakei gehört hatte.
Verhandlung mit dem Teufel
Tatsächlich machte Eichmann Kasztners Mitarbeiter Joel Brand im April 1944 das erstaunliche Angebot, gegen 10 000 Lastwagen das Leben von einer Million Juden zu verschonen. Brand flog nach Istanbul, um Kontakte zu suchen, die Allierten lehnten das unglaubliche Angebot jedoch ab und Brand wurde von den Briten als deutscher Spion verhaftet. Kasztner führte die Verhandlungen weiter, bis Adolf Eichmann die Auswanderung von knapp 1700 ungarischen Juden für ein Lösegeld von 1000 Dollar pro Kopf zusagte. Am 30. Juni 1944 verliess ein Zug mit fast 1700 ungarischen Juden Budapest. Doch anstatt einen französischen oder spanischen Mittelmeerhafen anzusteuern, von welchem aus die Reise nach Palästina weitergehen sollte, brachte der Zug die Insassen ins KZ Bergen-Belsen, wo Adolf Eichmann die Insassen monatelang festhielt. Kasztner verhandelte in Ungarn weiter mit den Nazis und führte auch zahlreiche Gespräche an der Schweizer Grenze mit Saly Meyer, dem Vertreter der Juden in der Schweiz. Der ursprüngliche Zug erreichte jedoch erst im Dezember 1944 mit nunmehr 1670 Passagieren die Schweiz.
Nach dem Krieg war Kasztner Zeuge in den Nürnberger Prozessen, wo er Aussagen zugunsten hochrangiger Nazis machte. Warum genau er dies tat, ist bis heute nicht eindeutig geklärt und Gegenstand verschiedener Theorien. 1947 wanderte er mit seiner Frau und seiner Tochter nach Palästina aus. Im jungen Staat Israel machte er Karriere in der sozialdemokratischen Partei Mapai. Entgegen seinen Erwartungen wurde er in seiner neuen Heimat jedoch nicht als Held gefeiert. 1953 gab ein Überlebender namens Malchiel Grünwald ein Pamphlet heraus, in dem er Kasztner beschuldigte, mit den Nazis kollaboriert zu haben. Er habe über Auschwitz Bescheid gewusst und die ungarischen Juden nicht gewarnt. Als Belohnung habe Eichmann Kasztners 1670 prominente und wohlhabende Kumpanen freigelassen, lauteten die Anschuldigungen. Kasztner veranlasste einen Verleumdungsprozess gegen Grünwald, der sich jedoch zu einem Verfahren gegen ihn selbst entwickelte. Kasztner wurde der «kriminellen Kollaboration im vollen Sinne des Wortes» für schuldig befunden. Der Richter fügte an, Kasztner habe «seine Seele an den Teufel verkauft». Auch wenn die Regierung unverzüglich Berufung gegen das Urteil einlegte und Kasztner nach seinem Tod rehabilitiert wurde, begann nach dem Schuldspruch eine Jagd gegen Kasztner und seine Familie. Am 3. März 1957 wurde er vor seiner Wohnung in Tel Aviv angeschossen und schwer verletzt. Am 15. März erlag er schliesslich seinen Verletzungen. Die Mörder wurden zu lebenslanger Haft verurteilt, nach sechs Jahren jedoch begnadigt.
Versuch der Rehabilitation
Regisseurin Gaylen Ross hörte zum ersten Mal von Rezsö Kasztner, als sie an ihrem Dokumentarfilm «Blood Money: Switzer-land’s Nazi Gold» arbeitete. Eine Überlebende erzählte ihr, dass sie mit dem Kasztner-Transport in der Schweiz angekommen sei. «Ich wusste nichts von einem Transport, Kasztners Verhandlungen mit Eichmann, oder dass es überhaupt jemals eine Rettungsaktion dieser Art von einem Juden gegeben hatte», so Ross gegenüber tachles. Man habe ihr geraten, die Finger von dem Fall zu lassen. Er sei zu kontrovers, zu kompliziert. Glücklicherweise hörte sie nicht auf solche Ratschläge. «Je mehr ich herausfand, desto mehr wurde mir bewusst, dass diese Story alle Charakteristika eines griechischen Dramas oder einer Shakespeare’schen Tragödie beinhaltet – seine Fragen und Dimensionen so komplex und in mancher Hinsicht nicht eindeutig zu bestimmen.»
Nach achtjährigen Recherchen ist der gefeierte Dokumentarfilm «Killing Kasztner: The Jew Who Dealt With Nazis» entstanden. Zusammen mit Co-Writer und Produzent Andrew Cohen rekonstruiert Ross die Geschichte von Kasztner sehr minutiös. Neben Kasztners Tochter Zsuzsi und weiteren Angehörigen kommt auch etwa sein Mörder Zeev Eckstein zu Wort. Nicht nur erfährt man dessen Motivation und Hintergründe zu der Gewalttat in Tel Aviv, die Kamera ist auch bei einem Treffen zwischen Eckstein und Kasztners Tochter dabei. Ross lässt Fakten sprechen, wo etwas unklar ist, lässt sie es offen. Der Film habe die Wahrnehmung Kasztners in Israel spürbar positiv verändert, so Zsuzsi Kasztner. «Ein spannender, ergreifender und seriöser Film», kommentiert Autor Ladislaus Löb. Löb, 1933 in Cluj geboren, gehörte 1944 zu den 1670 ungarischen Juden, welche Kasztner von Eichmann frei-
gekauft hat. In seinem kürzlich erschienenen Buch «Geschäfte mit dem Teufel. Die Tragödie des Judenretters Rezsö Kasztner – Bericht eines Überlebenden» verschmelzen eigene Erlebnisse und recherchierte Fakten zu einem spannenden Bericht. «Als ich pensioniert wurde, wollte ich nicht mehr konventionelle Germanistik oder Anglistik treiben. Es ging mir auf, dass die Erlebnisse eines Elfjährigen dank Kasztner zur Weltgeschichte gehörten», erzählt er über seiner Motivation, das Buch zu schreiben. «Es stellt sich die unlösbare moralische Frage: Soll man sich überhaupt mit dem Bösen einlassen? Meine Antwort: Es ist besser, relativ wenige zu retten, als alle dem Tod auszuliefern.»
Schweizer Premiere
Am 6. März widmet der von der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich (ICZ) und der Jüdisch Liberalen Gemeinde lancierte Filmclub Seret und die Kulturkomission der ICZ Kasztner einen ganzen Nachmittag. Nach einer Lesung mit Ladislaus Löb, welcher aus seinem Buch vorträgt, wird der Film «Killing Kasztner: The Jew Who Dealt With Nazis» zum ersten Mal in der Schweiz gezeigt. Regisseurin Gaylen Ross wird bei dieser Premiere ebenfalls anwesend sein und nach der Aufführung zusammen mit der Tochter von Rezsö Kasztner, Zsuzsi Kasztner, und den Zeitzeugen Ladislaus Löb und Suzanne Gundelfinger an einer Podiumsdiskussion zum Thema teilnehmen. In Genf wird der Film am 9. März im Rahmen des Festival du Film
et forum inernational sur les droits humaines im Cinéma Alhambra ausgestrahlt. Holocaust-Überlebende und deren Nachkommen werden an den Filmvorführungen in Zürich und Genf dabei sein. Neben Lesungen und Filmvorführungen in Zürich und Genf organisiert Gaylen Ross am 8. März auch eine Zusammenkunft einer Gruppe von Überlebenden des Kasztner-Zugs und Kasztners Tochter, welche gemeinsam eine Reise nach Caux und Montreux unternehmen werden. Besucht werden die Orte, an denen die Überlebenden des Kasztner-Zugs in der Schweiz zunächst Zuflucht gefunden hatten. Ferner präsentiert Ladislaus Löb sein Buch am 7. März in Basel bei einem gemeinsam vom jüdischen Kulturverein Migwan und dem Institut für Jüdische Studien der Universität Basel organisierten Anlass.
Lesung und Filmvorführung in Zürich: Sonntag, 6. März, 12.00 Uhr, ICZ-Gemeindezentrum, Lavaterstrasse 33, Zürich, www.seret.ch. Lesung in Basel: Montag, 7. März, 19.00 Uhr, Migwan, Frobenstrasse 30, Basel. Filmvorführung in Genf: Mittwoch, 9. März, 18.30 Uhr, Cinéma Alhambra, Rue de la Rôtisserie 10, Genf, www.fifdh.org. Informationen zum Film findet man auf www.killingkasztner.com.