Vom Hinterhof zum Stadtplatz
von Uri R. Kaufmann
In den vier alliierten Besatzungszonen Deutschlands gab es im Mai 1945 etwa 50 000 Juden, die in den KZs, im Untergrund und in «privilegierten» Mischehen überlebt hatten. Bereits am 18. April 1945 hatte Josef Rosensaft das Zentralkomitee der befreiten Juden in der britischen Zone gegründet. Die ersten jüdischen Gottesdienste in Deutschland hatten schon vorher stattgefunden, so in Köln am 11. April 1945. Am 1. Juli 1945 folgte die Gründung des Zentralkomitees der befreiten Juden in Bayern, dem grössten Land innerhalb der amerikanischen Zone. Die Überlebenden stammten aus völlig unterschiedlichen Milieus. Die grosse Mehrheit waren polnisch-jüdische Staatenlose, Displaced Persons (DPs), die im Heer aller etwa sieben bis acht Millionen Staatenlosen nur eine kleine Gruppe ausmachten. In den Städten hatten fast nur Juden in «privilegierter» Mischehe überstehen können, da ihre Deportation zwar geplant war, aber nicht stattgefunden hatte. In Berlin konnten etwa 1400 Juden im Untergrund überleben, so etwa in einer Gartenlaube des später als Showmaster («Dalli Dalli») bekannten Hans Rosenthal. Die meisten jüdischen Gemeinden und Landesverbände wurden zwischen 1946 und 1947 gegründet.
In den sich neu formenden Gemeinden und Organisationen brachen die alten Gegensätze zwischen deutschen und Ostjuden bald wieder auf. Die städtischen Gemeinden waren anfänglich von deutschen Juden geprägt. Einige hegten Vorbehalte gegen die Aufnahme polnisch-jüdischer Staatenloser. So existierten an einigen Orten zwei jüdische Gruppen parallel, etwa in Frankfurt, wo es ein Komitee der befreiten Juden und die (deutsch-) jüdische Gemeinde gab. In Bayern waren 1949 ganze 94 Prozent Ostjuden, in Württemberg 82 Prozent, dagegen in Berlin nur 30 Prozent und in Nordrhein-Westfalen 14 Prozent.
Die mehrheitlich osteuropäischen jüdischen Staatenlosen wohnten in der Mehrheit in den Lagern, in denen sie befreit worden waren oder denen sie später zugeteilt wurden. Anfänglich waren sie mit nicht jüdischen NS-Kollaborateuren ihrer ehemaligen Heimatländer konfrontiert. Diese waren ihnen gegenüber alles andere als freundlich eingestellt: In einem DP-Lager kam es zu Schlägereien, als Juden eine Schabbatfeier abhalten wollten und christliche Polen dagegen einschritten. So wurden Lager nur für jüdische Staatenlose geschaffen. Nach einer Zählung vom Oktober 1946 lebten 112 013 Juden in Lagern, 44 700 in Städten. Man darf – bedingt durch die Flucht aus dem kommunistisch besetzten Osteuropa um 1948 – sogar von etwa 200 000 bis
220 000 Juden in den vier Besatzungszonen ausgehen. Aus einer im Juni 1947 ins Leben gerufenen Arbeitsgemeinschaft jüdischer Gemeinden entstand im Sommer 1950 der Zentralrat der Juden in Deutschland mit Sitz in Düsseldorf. Prägende Persönlichkeit war hier der aus der englischen Emigration zurückgekehrte jüdische Rechtsanwalt Henryk van Dam, der Anteil an der Konzipierung der deutschen Wiedergutmachungsgesetzgebung hatte und bis 1973 Generalsekretär des Zentralrats blieb. Am 10. September 1952 wurde das Wiedergutmachungsabkommen mit jüdischen Emigrantenorganisationen und dem Staat Israel geschlossen. Die materielle Lage der Juden in Deutschland begann sich auch deshalb allmählich zu verbessern.
Die Gemeinden und Landesverbände hatten trotzdem gegen die im Juni 1947 gegründete Jewish Restitution Successor Organization (JRSO) zu kämpfen, die sich als Rechtsnachfolger des «herrenlosen» Eigentums aller jüdischen Gemeinden und Stiftungen verstand, aber von amerikanischen Juden osteuropäischer Herkunft dominiert wurde. Der amerikanische Besatzungsgerichtshof Cora (Court of Restitution Appeals) erklärte diese am 24. Juni 1952 zum alleinigen Rechtsnachfolger. Den Gemeinden blieben oft nur die Grundstücke übrig, deren Verwendung sie nachweisen konnten. Berlin erhielt 40 Prozent des Vorkriegsgemeindevermögens, Stuttgart immerhin 65 Prozent. Die Arbeit der JRSO wurde nach dem 16. Oktober 1951 politisch durch die Jewish Claims Conference weitergeführt. Ähnliche Probleme entstanden nach 1989 in Osteuropa und den neuen Bundesländern, da auch dort die kleinen jüdischen Gemeinden mit den Ansprüchen der bis heute in New York residierenden Claims Conference konfrontiert werden.
Vielfalt in den DP-Camps
Doch nicht alleine der Gegensatz zwischen deutschen und osteuropäischen Juden kennzeichnete die Nachkriegszeit, auch innerhalb der jüdischen Staatenlosen entstand wieder die Vielfalt jüdischen Lebens, wie sie vor 1939 in Polen geherrscht hatte. Die Grundstimmung in der Öffentlichkeit war zionistisch. Man wollte weg von der «verfluchten deutschen Erde». Doch innerhalb des Zionismus waren wieder alle Parteiströmungen der Vorkriegszeit entstanden, von den Anhängern eines rechtsnationalistischen bürgerlichen Kurses («Revisionisten»), über die Sozialdemokraten um David Ben Gurion und die Misrachi (zionistisch-moderne Orthodoxie) bis hin zum sozialistisch-zionistischen Hashomer Hatzair («Junge Wächter»). Zionisten erhielten Landgüter von NS-Grössen zugeteilt, um sich in der Landarbeit für Palästina üben zu können, etwa auf dem Landgut des hingerichteten Julius Streicher, dem Herausgeber des «Völkischen Beobachters». Daneben formierte sich die ursprünglich antizionistische orthodoxe «Agudat Israel». Auch versprengte Anhänger des «Bundes», der sozialistischen Arbeiterbewegung, die eine Integration der Juden in Osteuropa als nationale Minderheit angestrebt und das Jiddisch zu ihrer Kultur erklärt hatte, fanden sich zusammen. Es gab heftige Wahlkämpfe innerhalb der DP-Lager.
Das American Jewish Joint Distribution Committee unterstützte die DP-Camps mit Lebensmitteln. Es wurden Kindergärten, jüdische Schulen, Jeschiwot (Talmudhochschulen) und Berufsbildungskurse eingerichtet, jiddische Theater führten Stücke auf, oft über die Erfahrungen der Schoah, aber auch Klassiker von Scholem Alejchem. Einige Jahre existierte eine Vielfalt jiddischer Presseorgane, zuerst in lateinischen Buchstaben gedruckt, weil hebräische Drucktypen fehlten. An einem Ort wurden Druckmaschinen des «Völkischen Beobachten» dafür verwendet. Als Akt der Selbstbehauptung muss auch der Nachdruck des Talmud in der «Wilnaer Ausgabe» gesehen werden (1946/49 in St. Ottilien/München/Heidelberg). Auf dem Titelblatt der Heidelberger Ausgabe sieht man unten ein schwarzes KZ und oben die strahlende Zukunft einer orientalischen Landschaft mit Palmen und aufgehender Sonne im Land Israel.
Die jüdischen Staatenlosen blieben vorerst in ihren Lagern stecken. Die Briten duldeten bis Mai 1948 keine Zuwanderung nach Palästina, die USA hatte die Einwanderung generell eingeschränkt und auch westeuropäische Staaten waren nicht bereit, Zehntausende KZ-Überlebende aufzunehmen. So drängte der Direktor der eidgenössischen Fremdenpolizei, Heinrich
Rothmund, die 25 000 Emigranten in der Schweiz massiv zur Weiterreise. Die jüdischen DPs in Deutschland kämpften energisch für die Auswanderung nach Palästina. Mit der Gründung des Staates Israel im Mai 1948 wurde die Auswanderung möglich. Allerdings hegten auch führende Zionisten intern Vorbehalte gegenüber der Zuwanderung, da sie grosse Probleme der sozialen Betreuung auf den jungen Staat zukommen sahen. Über 90 Prozent der jüdischen DPs wanderten schliesslich aus Deutschland aus, darunter auch viele trotz aller Ideologie in die USA.
Um 1951 lebten noch etwa 25 000
Juden in der jungen Bundesrepublik. Vereinzelt kamen auch Zuwanderer hinzu, etwa 1947 die aus Schanghai nach Berlin zurückkehrenden Emigranten. In Israel herrschte Nahrungsmittelknappheit, der Staat musste Krieg um seine Unabhängigkeit führen. Einige hundert deutsche Juden kehrten in den fünfziger Jahren nach Deutschland zurück, obwohl dies als schlimme Schande galt. Die Heterogenität der jüdischen Gruppe in Deutschland wurde durch Zuwanderung 1956 aus Ungarn und 1968 aus der CSSR verstärkt. In Berlin existierte mit etwa 7000 Mitgliedern die grösste Gemeinde, danach folgten Frankfurt und München mit je rund 4000 Angehörigen. Die Zahl der jüdischen Gemeindemitglieder insgesamt hielt sich bis 1989 auf dem Niveau von rund 25 000 Personen.
Unverständnis für Deutschlands Juden
Viele Juden in der Welt betrachteten jüdisches Leben in Deutschland nach 1945 mit grosser Ablehnung. Der jüdische Weltkongress forderte im Juli 1948 zur sofortigen Auswanderung auf, Gershom Schocken in Israel, der Herausgeber der Tageszeitung «Haaretz», verlangte im September 1949 die Streichung aller Rechte für Juden aus Deutschland, die nicht bis zu einem gewissen Zeitpunkt ausgewandert waren. Auch der aufbau verlangte 1951 die «rascheste Abwanderung». Die Jewish Agency schloss im selben Jahr ihre Büros in Deutschland. Der israelische Konsul Chaim Yachil (ursprünglich Hofmann) unterstellte den Juden in Deutschland 1951 Materialismus. Jüdische Organisationen aus Deutschland wurden in jüdische Weltverbände nicht aufgenommen. Noch 1967 weigerte sich die World Union of Jewish Students, den inzwischen gegründeten Bundesverband jüdischer Studenten in Deutschland (BJSD) aufzunehmen. Allerdings durfte eine Mannschaft aus Deutschland 1969 an der Makkabia, der jüdischen Olympiade in Israel, teilnehmen. Die Mitglieder hatten Angst ausgebuht und mit Obst beworfen zu werden, wie Manfred Erlich aus Mannheim berichtete. Sie waren daher sehr überrascht, nach Israel und den USA am meisten Applaus zu erhalten. Langsam zeichnete sich eine Legitimierung der deutschen Juden ab, die allerdings bis heute nicht alle jüdischen Gruppen erreicht hat.
Die kleinen Gemeinden in Deutschland fühlten sich in der Nachkriegszeit von einer oft unfreundlich gesinnten christlichen Bevölkerung umgeben. Man wusste zudem nicht, welche Vergangenheit der nicht jüdische Nachbar vor 1945 gehabt hatte. Man unterhielt anfänglich nur Kontakt zu den nicht jüdischen Deutschen, denen man vertrauen konnte. Die jüdischen Gemeinden wurden dadurch zum sozialen Treffpunkt, allerdings kamen trotzdem nicht an allen Orten genügend Männer für einen regelmässigen Gottesdienst zusammen. Daher wurde dieser nur an hohen Feiertagen oder «nach Bedarf» abgehalten, etwa wenn ein Rabbiner zu Besuch kam. Die Männer, die überhaupt zu einem Gottesdienst zusammentrafen, waren meist polnische Juden, die auf keinen Fall an die deutsch-jüdische Tradition mit Orgel, gemischtem Chor und deutschen Gebeten anknüpfen wollten. Nur in Berlin an der Pestalozzistrasse wurde eine Hinterhofsynagoge auf diese Weise geführt, an allen anderen Orten setzte sich der orthodoxe Ritus durch. An vielen Orten sahen sich die deutschen Juden in die Minderheit versetzt und zogen sich teilweise vom Gemeindeleben ganz zurück. Oft hiess es, man müsse um jeden Preis zusammenhalten und rechtfertigte so den orthodoxen Gottesdienst. Trotz dieses Beharrens auf der orthodoxen Liturgie lebten die meisten Juden in Deutschland nicht orthodox. Nach einer Umfrage um 1961 beachteten nur drei Prozent die Kaschrut (Speisegesetze).
Gleichzeitig bildete sich der Typ des jüdischen Funktionärs heraus, der zwar erfolgreich die Infrastruktur aufbauen konnte, aber mit harter Hand regierte und keinen Widerspruch duldete. Diese autoritären
«Demokratoren» wurden zwar durch Gemeindewahlen legitimiert, doch drängte sie an vielen Orten die nachwachsende Generation aus dem Gemeindeleben. Ihre Aufbauarbeit sahen sie als Lebenswerk an, von dem sie nicht loslassen konnten oder wollten. 80-jährige und ältere Gemeindefunktionäre waren in den siebziger und achtziger Jahren keine Seltenheit. So starb Heinz Galinski 1992 nach 43-jähriger Gemeindetätigkeit im Amt. Diese Funktionäre versäumten es häufig, die Übergabe ihrer Ämter vorzubereiten, so etwa im Fall von Berlin, dessen Gemeindevorstand jahrelang von Nachfolgekämpfen geprägt war.
Einige wenige Juden konnten sich wirtschaftlich hinaufarbeiten. So begann ein junger KZ-Überlebender 1950 in Dresden einen Handel mit Schweizer Schokolade und Bohnenkaffee. Als die DDR 1951 gegen ihn einen Schauprozess führte, hatte er sich bereits nach Stuttgart abgesetzt, ehe er 1953 nach Pforzheim übersiedelte. Dort erhielt er durch einen Beamten des Bundesfinanzministeriums die Berechtigung zum Goldhandel, der von der Schweiz aus über München abgewickelt wurde. 1956 kam der Mann nach Frankfurt und liess sich 1966 in den Vorstand der jüdischen Gemeinde wählen. Seinen jüdischen Vornamen «Israel» hatte er schon 1946 in Berlin gegen «Ignaz» ausgetauscht: Ignaz Bubis also, der von 1992 bis 1999 Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland war und als erster ehemaliger polnischer Staatenloser dieses Amt ausübte. Allerdings waren solche Erfolgsgeschichten selten.
Abhängigkeit vom Staat
Typisch für das jüdische Leben in Deutschland ist die starke Abhängigkeit von finanziellen Zuwendungen der Kommunen, Bundesländer und der Bundesregierung geblieben. Nur so konnten sich Vorstände kleiner Gemeinden repräsentative Synagogen leisten. In München und Berlin sind die Stellen der Vorsitzenden der jüdischen Gemeinden sogar Chefbeamten-Stellen, vom Staat bezahlt. Allerdings nehmen die heutigen Inhaber das Gehalt nicht in Anspruch. Eine solche Staatsnähe wäre in allen anderen europäischen Ländern nicht vorstellbar. Sie hat auf die Spendebereitschaft und das Engagement für das jüdische Gemeindeleben eine lähmende Wirkung und fördert ein ungesundes Anspruchsdenken. Diese Abhängigkeit vom Staat hat sich mit der massiven Zuwanderung aus den GUS-Staaten verstärkt. Da stellt sich die Frage der Integration der «Alteingesessenen» zur neuen russischsprachigen Mehrheit. Über 60 Prozent der Zuwandererhaushalte sind bis heute von der Fürsorge abhängig. Erst die in Deutschland sozialisierte Generation kann sich beruflich und wirtschaftlich integrieren. Seit 1981 versuchen Rabbiner der Lubawitscher Chassidim aus den USA eine parallele jüdische Infrastruktur aufzubauen. Sie finanzieren sich durch Spenden säkularer Juden und vertreten eine fundamentalistische Glaubensrichtung. 1994 formierte sich zudem die Union progressiver Juden, die nach einem heftigen Streit mit dem Zentralrat nun auch von diesem anerkannt wird. Die konservative Bewegung Masorti ist durch Rabbinerin Gesa Ederberg in Berlin im Aufbau begriffen. In Frankfurt, Berlin und Düsseldorf hat man zu einem toleranten Nebeneinander unter dem Dach der Einheitsgemeinde gefunden, in Köln, München, Heidelberg und Hamburg dagegen nicht. Die Dinge sind aber im Fluss.Die Zahl der Gemeindemitglieder hat sich von 25 000 im Jahre 1989 auf heute über 105 000 vermehrt. Den Hinterhofsynagogen der Zeit nach 1945 sind an vielen Orten grosse, repräsentative Gebäude gefolgt, so 1995 in Frankfurt das von Salomon Korn gestaltete Gemeindezentrum oder etwa jüngst in München das Gemeindezentrum am Jakobsplatz. Doch ist unter den Mitgliedern leider wenig an jüdischer Substanz vorhanden. Vermutlich fast die Hälfte der Kinder von Gemeindemitgliedern besucht nicht einmal den jüdischen Religionsunterricht. So stellt sich die Frage nach der Kontinuität jüdischen Lebens in Deutschland trotz der grossen Zuwanderung seit 1989.
Uri R. Kaufmann hat an der Hebräischen Universität in Jerusalem studiert. Der Historiker arbeitet als freier Publizist und hat unter anderem an der Gestaltung der Dauerausstellung des Jüdischen Museums Berlin mitgewirkt. Zuletzt erschien von ihm «Kleine Geschichte der Juden in Baden» (G. Braun Buchverlag).