Vom hässlichen Entlein zum Schwan

von Gail Lichtman, October 9, 2008
Zwei Ereignisse beeinflussten Jerusalems Entwicklung ganz besonders: Die Gründung Israels 1948 und die Wiedervereinigung der Stadt 1967. Die erste Periode war geprägt von einem Gefühl der Erlösung, von einer Generation, die nach Jahrtausenden der Zerstreuung nach Hause kommt, um ihre Kapitale aufzubauen. Nach der Wiedervereinigung von 1967 geriet Jerusalem in eine Euphorie&#059; die Stadt wandelte sich von einem Provinznest zu einer Metropole mit vielen architektonischen Sehenswürdigkeiten. Wir sprachen mit dem Jerusalemer Architekten, Städteplaner und Architektur-Historiker David Kroyanker über die Veränderungen im Jerusalemer Stadtbild seit 1967.
David Kroyanker: Der Architekt vor dem von ihm restaurierten Ticho-Haus. - Foto WZPS

Seit über 30 Jahren ist der heute 61-jährige Jerusalemer Architekt, Städteplaner und Architektur-Historiker David Kroyanker tief in die Renovations- und Wiederaufbauarbeiten seiner Geburtsstadt verwickelt. Nach dem Studium an der Architectural Association School of Architecture in London begann Kroyanker 1969, als Mitglied des Planungsteams für die Entwicklung des Jerusalemer zentralen Geschäftsbezirks zu arbeiten. Zwei Jahre später wurde er Architekt der Stadtverwaltung von Jerusalem. Seit 20 Jahren forscht er zudem als Architekt am Jerusalem-Institut für Israel-Studien und ist an der Ausführung der Renovation der erfolgreichsten Restaurations-Projekte der Stadt beteiligt. Dazu zählen u.a. historische Gebäude im Komplex der neuen Stadtverwaltung, das Anna Ticho-Haus, sowie jüngste Pläne, das heutige Ministerium für Handel und Industrie zum Palace Hotel, das es einmal war, zurückzuverwandeln.

Jerusalemer Architektur

Parallel zur seiner Arbeit hat Kroyanker eine sechsbändige Serie über die Jerusalemer Architektur im Laufe der Zeitalter herausgegeben und eine Reihe von Büchern über Planung und Entwicklung in der Stadt geschrieben. Die aufregendste Periode in der Gegenwart der Jerusalemer Architektur war für Kroyanker aber die Euphorie unmittelbar nach dem Sechstagekrieg, als alles und jedes möglich erschien. Damals schlugen die Prinzipien des heutigen Planens in Jerusalem und die damit verbundenen politischen Dilemmas ihre Wurzeln.
«Nach der Wiedervereinigung der Stadt», erinnert Kroyanker sich, «gab es kein architektonisches Konzept für die Stadt als vereinigte Einheit. Der Übergang von der geteilten zur vereinigten Stadt war so plötzlich, so dramatisch, dass die Stadt und ihre Planungsstellen völlig überrascht worden sind». Zwischen 1948 und 1967 war Jerusalem geteilt. Die Altstadt und die östlichen Quartiere befanden sich in jordanischer, die Neustadt und die westlichen Quartiere in jüdischer Hand. Das israelische Jerusalem war eine Sackgasse, auf drei Seiten von jordanischem Gebiet umringt. Es gab kaum Fortschritt und Bautätigkeit, abgesehen vom staatlichen Wohnungsbau. Das alles änderte sich innert sechs Tagen im Juni 1967. Über Nacht sollte aus dem hässlichen Entlein Jerusalem ein Schwan werden. Unternehmer, die Hotels, Bürohöuser, Institutionen usw. errichten wollten, zeigten immenses Interesse an Jerusalem.
«Es war eine Periode der Euphorie», meint Kroyanker. «Jerusalem war entdeckt worden. Jeder hatte seine eigene Idee darüber, wie die Stadt aussehen sollte. In meinen Augen war diese Periode von 1968 bis 1975 oder 1980 die interessanteste Planungsperiode für Jerusalem. Die Stadt wandelte sich von einem kleinen Provinznest zu einer grossen Metropole.
Sie expandierte grosszügig in allen Richtungen. Es gab keine genauen Grenzen. Die 1967 gezogenen Grenzen waren eigentlich politische Grenzen. Essentiell lautete die Richtlinie damals: Ein Maximum an Gebiet mit einem Minimum an Arabern.»

«Die Stadt wuchs ohne Plan»

Diese Richtlinie hat nach Kroyankers Ansicht weitgehend die Probleme umrissen, wie sie heute bestehen. «Alle Gegenden wie Abu Dis, A-Tur usw., die heute Gegenstand der Diskussion sind, ob sie Arafat zu übergeben seien, sind die Gegenden, die wegen ihrer arabischen Bevölkerung nicht in das Einzugsgebiet der Stadt integriert worden sind, obwohl sie integral mit ihr verbunden sind. Nun entdecken wir mit einem Male, dass diese Gegenden möglicherweise an die Palästinenser übergehen sollen. Dagegen haben sich Geschrei und Proteste erhoben.»Die Stadt wuchs ohne Gesamtplan. Der 1965 in Angriff genommene und 1968 veröffentlichte Gesamtplan basierte auf Arbeiten, die vor der Wiedervereinigung getan worden sind. Der Plan sah Zonen für Hochhäuser vor. Nachdem die ersten dieser Bauten errichtet worden waren, beklagten die Leute sich und sagten, sie sähen schrecklich aus und würden die ganze Skyline der Stadt verschandeln. Die recht komische Antwort der Planer lautete: Als man den Plan entworfen habe, konnte man sich eine Skyline des modernen Jerusalems westlich des Olivenberges nicht vorstellen, da diese Zone sich in jordanischer Hand befunden habe.
«In den Jahren zwischen Sechstage- und Jom Kippurkrieg», fuhr Kroyanker fort, «hatten die Israelis das Gefühl, alles sei ihnen erlaubt – politisch, wirtschaftlich, gesellschaftlich usw. Das beeinflusste die Planung und resultierte in einer Anzahl grandioser Projekte, die grösstenteils glücklicherweise nie realisiert worden sind.» Viele der Projekte waren, gelinde gesagt, sehr komisch. Zu ihnen zählte die Friedens-Universität, ein zehnstöckiges Gebäude in der Form einer Taube, die einen Olivenzweig im Schnabel hielt, sowie einen riesigen, 30stöckigen, die Stadt überspannenden Bogen. Einige der aus der damaligen Periode stammenden Projekte, die verwirklicht wurden, sind der Campus der Hebräischen Universität auf dem Scopusberg und eine Anzahl Wohnbauprojekte.
Das Wohnbauministerium, das für seine langen, monotonen Blöcke des sozialen Wohnungsbaus herbe Kritik entgegennehmen musste, beschloss, den Architekten des Landes freie Hand zu geben. Kroyanker glaubt, viele Architekten hätten diese Gelegenheit missbraucht. Die Folge waren «weisse Elefanten» auf dem Gebiet des Wohnungsbaus. Die Periode sah aber auch bedeutende architektonische Erfolge. Zu den wichtigsten zählt Kroyanker die Schaffung eines Nationalparks rund um die Mauern der Altstadt. «In vielen historischen Städten der Welt, vor allem in jenen mit einer Mauer», erklärt er, «verschmilzt die Entwicklung ausserhalb der Altstadt mit dem Neuen. Für Jerusalem wurde die klare Entscheidung gefällt, rund um die Altstadtmauern einen neutralen, unbebauten grünen Gürtel zu belassen. Der historische Augenblick des Junis 1967 gab den israelischen Behörden die Gelegenheit, alle Gebäude zu zerstören, die zwischen dem Jaffa- und dem Damaskustor an die Altstadtmauern geklebt wor-den sind. Heute begreifen die Leute es nicht mehr, aber damals waren Gebäude auf Gebäude errichtet worden. Man konnte die Altstadtmauern gar nicht mehr sehen, die im Übrigen nur halb so hoch waren wie heute. Nachdem die Häuser entfernt worden waren, beschloss man, weiter zu graben und die tatsächliche Höhe der Mauern freizulegen. Noch heute lässt sich ein Unterschied in den Farben der Steine feststellen.»

Kulturmeile als verbindendes Element

Für Kroyanker ist die «Kulturmeile» öffentlicher historischer Gebäude zwischen der Alt- und der neuen Stadt ebenfalls ein grosser Erfolg jener Periode. Als Beispiele der letzten Jahre für die architektonischen Erfolge der Stadt nennt er: Den Komplex der Stadtverwaltung im Herzen Jerusalems zwischen Ost und West. Der Komplex ist dazu bestimmt, die beiden Stadtteile zu verbinden. Dann die Fussgängerzone Nahalat Shiva, welche Geschäfte, Cafés und Restaurants in eine bis dahin vernachlässigte Gegend gebracht haben; der neue Biblische Zoo; die technologischen Parks der Stadt, das Jerusalem-Einkaufszentrum; das Gebäude des Obersten Gerichtshofes und das Mormonen-Zentrum auf dem Scopusberg.
Als Architektur-Historiker beklagt Kroyanker die Tatsache, dass viele der Architekten der Stadt von deren Geschichte keine Ahnung haben. Dadurch ist seiner Meinung nach die Architektur Jerusalems recht mittelmässig geblieben. Gerettet worden ist die Stadt und ihre Errungenschaften durch die Verordnung, dass alle Gebäude in weissen Stein gekleidet sein müssen. «Sogar mittelmässige Architektur macht sich besser in weissem Stein. Stein begrenzt und ist nicht elastisch. Der Stein und seine Begrenzungen sind Jerusalems grosse Vorteile. Dadurch erhalten alle Bauten einen gemeinsamen Nenner und Jerusalem erhält seinen spezifischen Charakter. New York ist Glas und Metall, London ist rote Ziegel, Sana\'a ist Lehm und Jerusalem ist Stein. Dass die Gebäude ein Material, eine Struktur und eine Farbe benutzen, verleiht der Stadt etwas ganz besonderes, eigenes.»