Vom Glauben und Wissen

July 23, 2009
Essay von Rolf Isaac

Egon Friedell schreibt in seiner «Kulturgeschichte der Neuzeit»: «Durch die unendliche Tiefe des Weltraums wandern zahllose Sterne, leuchtende Gedanken Gottes, selige Instrumente, auf denen der Schöpfer spielt. Sie alle sind glücklich, denn Gott will die Welt glücklich. Ein einziger ist unter ihnen, der dieses Los nicht teilt: Auf ihm entstanden nur Menschen. Wie kam das? Hat Gott diesen Stern vergessen? Oder hat er ihm die höchste Glorie verliehen, indem er ihm freistellte, sich aus eigener Kraft zur Seligkeit emporzuringen? Wir wissen es nicht.»
Im letzten Satz dieses elegant formulierten Abschnitts bringt es  Friedell auf den springenden Punkt, den pulsierenden Blutpunkt im Hühnerei, weswegen dieses nicht mehr «koscher» ist. «Wir wissen es nicht.» Dieser Satz macht demütig, denn er zeigt uns auf, dass wir vieles nur vermuten beziehungsweise glauben können.

Zugegeben, die Mediziner wissen wesentlich mehr als vor 660 Jahren, der Zeit, als in Europa «der schwarze Tod» umherging und ein Drittel der Bevölkerung (25 Millionen Menschen) dahinraffte. Man tappte damals völlig im Dunkeln und ging zuerst davon aus, dass die ungünstige Konstellation von Saturn, Jupiter und Mars die Ursache sein könnte. Bekanntlich wurden die Juden beschuldigt, die Brunnen vergiftet zu haben. Der Sage nach waren Juden wegen der Einhaltung der Reinheitsgebote von dieser Krankheit weniger stark betroffen. Ob dies allenfalls nur ein Grund mehr war, der zu Pogromen gegen die Juden führte? Im Gegensatz zur Schoah des letzten Jahrhunderts sind diese Ausschreitungen von der Basis der Bevölkerung aus begangen worden. Sowohl der damalige Papst Klemens VI. als auch die Königin Johanna I. von Neapel, Albrecht II. von Österreich und Kasimir III. von Polen setzten sich für die Schonung der Juden ein, was jedoch kaum Wirkung zeitigte. Das Bakterium Yersinia pestis, das von Rattenflöhen übetragen wurde, gilt seit Beginn des 20. Jahrhunderts als Auslöser für die «Pest» (Pandemie). Doch sprechen heute viele Gründe gegen diese Annahme und so könnten auch Pocken, Cholera, Fleckfieber oder Typhus für die damalige Seuche in Frage kommen. Fazit: Sowohl die Geschichtsschreibung wie auch die Erkenntnisse der Naturwissenschaften sind mangelhaft.

Ein Schöpfer

Wir reden (zu) oft von «an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit». Wir gehen heute davon aus, dass Treibhausgase, zu denen unter anderem CO2 und N2O gehören, die Hauptursache der Klimaerwärmung seien. Wie viel davon «hausgemacht» ist, ist unklar, genauso, ob dabei noch andere Ursachen dafür in Frage kommen könnten. Das Waldsterben war vor einigen Jahren in aller Munde. Heute redet kaum noch jemand davon. Das CERN bei Genf soll uns dereinst Aufschluss darüber geben, was die Ursache der Entstehung des Universums gewesen sein soll. Von diesem ersten Beweger versucht die Naturwissenschaft die Erklärung für die Schöpfung zu erhalten. Die monotheistischen Religionen, allen voran das Judentum, leiten ab, dass es für eine Schöpfung einen Schöpfer brauchte, genauso wie es bei der Wahrnehmung von Rauch eben auch eines Feuers bedarf oder bedurft hatte.

Vor 151 Jahren hat Charles Darwin mit seinem Buch «Die Entstehung der Arten» für allgemeine Unruhe gesorgt. Damit wird die Genesis im 1. Buch Mose relativiert. Seit damals scheint es nun so, als sei die Schöpfung viel früher entstanden und etwas anders abgelaufen, als man es sich bis zu jenem Zeitpunkt vorgestellt hatte. Zwar schliesst dies ein Überlegenheitsgefühl im Sinne von Thomas Hobbes, einem Philosophen aus dem 17. Jahrhundert, nicht aus, gab aber doch einer Gruppe Auftrieb, die sich heute zu organisieren beginnt, nämlich den Atheisten. Zu denen gehören auch die sogenannten Brights. Die im Jahre 2003 entstandene Bewegung hat ein rein naturalistisches Weltbild, das frei von übernatürlichen und mystischen Elementen ist. Prominente Wissenschaftler wie zum Beispiel Richard Dawkins, Sam Harris, Michael Schmidt-Salomon zählen sich zu dieser Gruppe. Auch Bertrand Russel würde an deren Leitsätzen Gefallen finden, hatte er doch schon im Jahre 1952 das berühmte Teekannenprinzip veröffentlicht, das hier angeführt wird: «Wenn ich behaupten würde, dass es zwischen Erde und Mars eine Teekanne aus Porzellan gäbe, welche auf einer elliptischen Bahn um die Sonne kreise, so könnte niemand meine Behauptung widerlegen, vorausgesetzt, ich würde vorsichtshalber hinzufügen, dass diese Kanne zu klein sei, um selbst von unseren leistungsfähigsten Teleskopen entdeckt werden zu können. Aber wenn ich nun daherginge und sagte, da meine Behauptung nicht zu widerlegen ist, sei es eine unerträgliche Anmassung menschlicher Vernunft, sie anzuzweifeln, dann könnte man zu Recht denken, ich würde Unsinn erzählen. Wenn jedoch in antiken Büchern die Existenz einer solchen Teekanne bekräftigt würde, dies jeden Sonntag als heilige Wahrheit gelehrt und in die Köpfe der Kinder in der Schule eingeimpft würde, dann würde das Anzweifeln ihrer Existenz zu einem Zeichen von Exzentrizität werden. Es würde dem Zweifler in einem aufgeklärten Zeitalter die Aufmerksamkeit eines Psychiaters oder, in einem früheren Zeitalter, die Aufmerksamkeit eines Inquisitors einbringen.»

Keinerlei Beweise

Nun, auch die feste Überzeugung, dass es keinen Schöpfer geben könne, basiert auf einer Annahme, für die es ebenso wenig einen Beweis gibt wie für dessen Gegenteil. Diese Feststellung hat bereits Immanuel Kant vor rund 250 Jahren gemacht. Es ist eigenartig, dass naturwissenschaftliche Erkenntnisse, wie sie Charles Darwin gewonnen hat, seltsame Blüten treiben. So haben sich Arthur de Gobineau, Stewart Chamberlain und Richard Wagner antisemitische Rassentheorien zurechtgelegt, die ihrerseits Adolf Hitler beeinflusst haben. Man konnte nicht glauben, dass so etwas Unfassbares und Unbeschreibliches wie der Holocaust von einem kulturell so hochstehenden, rechtsstaatlichen Land ausgehen könnte und ganz Europa dies durch Passivität zulassen würde. Wer aber geglaubt hat, dass es nach Auschwitz keinen Genozid mehr geben könne, weil die entsprechenden Lehren daraus gezogen worden seien, ist wieder einem Irrtum erlegen.

In diesem kurzen Exkurs werden historische und wissenschaftliche Erkenntnisse mit Elementen des Glaubens wie zum Beispiel Extrapolationen, Annahmen und Erklärungsversuchen bewusst vermengt. Damit soll die Ungewissheit sowohl im Glauben wie im Wissen aufgezeigt werden, zwei Begriffen, zwischen denen die Grenzen fliessend verlaufen. Der Wissenschaftstheoretiker Karl Popper hat mit seiner «Logik der Forschung» einen Meilenstein gesetzt. Mit der Falsifizierbarkeit hat eine Theorie nur dann wissenschaftlichen Wert, wenn sie sich im Prinzip widerlegen lässt. So gilt es, Hypothesen immer wieder zu verwerfen, um sich der Wahrheit anzunähern. Gerade hier stellt sich die Frage, ob diese Methode wohl auf der jüdischen Gewohnheit aufbaut, eine Frage mit einer Gegenfrage zu beantworten.

Edward Teller, der etwas seltsame Physiker, bekannt als «Vater» der Wasserstoffbombe, sagte einst: «Die Entdeckungen der letzten Zeit lassen praktisch alles, was wir viele Jahre für richtig gehalten haben, als falsch oder nur bedingt richtig erscheinen. Meiner Meinung nach kann man nur noch eines mit Sicherheit sagen: Die Lichtgeschwindigkeit ist das absolut Schnellste, was es gibt – möglicherweise.»    


Rolf Isaac lebt als Geschäftsmann in Herisau und beschäftig sich mit natur- und geisteswissenschaftlichen Studien. Danebst ist er Co-Präsident der Jüdischen Gemeinde St. Gallen.