Volles Haus mit Finkelstein

von Gabi Rosenberg, October 9, 2008
Bücher werden gedruckt und sollen Leser sprich Käufer finden. Zu diesem Zweck reisen Autoren von Ort zu Ort. Momentan ist der Politologe Norman Finkelstein mit seinem Buch «Die Holocaust-Industrie» allgegenwärtig. Jedenfalls auf dem TV-Bildschirm, was ihn «live» erst recht zum Publikumsmagneten macht. Das Konservatorium von Zürich war denn auch überbesetzt, als er kürzlich dort auftrat.

Zu einer Diskussion, die keine wurde: Moderiert vom NZZ-Redaktor Dr. Max Frenkel, kam es zwischen ihm und Dr. Rolf Bloch höchstens zu einem freundlichen Geplänkel. Finkelstein - nach etlichen vorangegangenen Veranstaltungen und Interviews darin geübt - hatte trotz seiner ermüdend gesetzten (simultanübersetzten englischen) Sprache das Publikum auf seiner Seite. Er wurde mehrmals beklatscht. Das hat mit vielen seinen Thesen zu tun. Und wohl damit, dass da ein Jude endlich einmal das sagt, was viele denken, in polemischem Stil, mit knallharten Angriffen gegen die jüdischen Organisationen. Es sagt noch dazu jemand, dessen Eltern Ausschwitz und Majdanek überlebten und der ermordete Familienangehörige hat. «Wie das Leiden der Juden ausgebeutet wird» steht im Untertitel des an jenem Abend druckfrisch aufliegenden Buches. Neben einem reisserischen Titel hat es einen guten Schlusssatz. Daniel Ganzfried, Mitveranstalter (politikInitiativen) neben dem Piper-Verlag und der Süddeutschen-Zeitung, zitierte einführend: «Die edelste Geste gegenüber jenen, die umgekommen sind, besteht darin, ihr Andenken zu bewahren, aus ihrem Leiden zu lernen und sie endlich in Frieden ruhen zu lassen.» Finkelstein hat sich nicht daran gehalten. Das lohnt sich für ihn auch, denn die Auflagen verkaufen sich wie warme Weggli. Er schreibt und redet von Erpressung , von doppeltem Abkassieren bei Staaten, Banken, Unternehmen, von unrechtmässigem Aneignen anstelle von Opferauszahlungen. Er verallgemeinert und behauptet, nur belegt wird nichts. Da helfen auch keine endlosen Nachworte und Fussnoten (die das 150-seitige Geschreibe fast verdoppeln). Finkelstein, der sich als Linker bezeichnete, reduziert sein Weltbild auf die schmutzige Korrumption durch das Geld. Es verfärbe den Holocaust, fresse sich durch, lasse die miesesten Stereotypien ausleben. Wollen wir, dass die Juden so aussehen, lautete in Zürich seine rhetorische Frage. Seine abstruse Forderung, die Schweizer Juden sollten sich einsetzen zur Geldrückgabe... parierte Bloch mit Schmunzeln: Dass da ein Linker Geld an Banken zurückgeben wolle, sei schon bemerkenswert. Wenn Finkelstein zum Schluss von einer «McDonaldisierung» des Holocaust in den USA sprach und dem die dort fehlenden Indianer-Museen entgegensetzte, so liesse sich darüber in den USA vielleicht nachdenken. Es wäre vielleicht sogar ein Buchthema. Ein anderes Thema wäre Zürich und die Juden: Frenkel meinte abschliessend, solche Diskussionen seien in Zürich nur möglich, wenn Juden auf dem Podium sässen, und dies sei nicht normal. Recht hat er. Deshalb erwies sich der Abend auch nur als eine gut besuchte Verkaufsaktion. In «gemischter Formation» kann über Finkelsteins Buch weitaus spannender diskutiert werden - wie es später etwa der Sender ARTE am Bildschirm bewies. Aber wer schaut schon ARTE?