Völkerverständigung auf der Bühne
Wie funktioniert die Kommunikation, wenn man die Sprache der anderen Volksgruppe nicht versteht? Wie kommt man sich nahe, ohne dass man sich berühren darf? Wie spielt man miteinander Theater, wenn man noch nie zuvor auf der Bühne stand? Eine Antwort auf diese Fragen gibt das Stück «Yalla» – eine Adaption von «Romeo und Julia auf dem Dorfe», frei nach Gottfried Keller, das unter Regie von Dalit Bloch von der Gruppe aufgeführt wird. Das Stück wird von sechs arabischen und vier jüdischen Israeli gespielt, die vorher kaum in direktem Kontakt mit dem Theater noch mit der anderen Volksgruppe standen. Die Jugendlichen zwischen 13 und 15 Jahren überwinden mit diesem aussergewöhnlichen Schauspielprojekt zum ersten Mal in ihrem Leben die israelische Zwei-Kulturen-Welt. Unter dem Motto «Yalla», was auf Arabisch so viel bedeutet wie «Vorwärts!» wagen sich alle Beteiligten mit Euphorie auf völlig neues Terrain.
Bereitschaft zur Begegnung
Für die Regisseurin Dalit Bloch erfüllt sich mit dem Theaterprojekt ihr Traum, sich im kulturellen Bereich für die Völkerverständigung einzusetzen. Die Baslerin ist in Israel geboren und hat dort bis zu ihrem siebten Lebensjahr in einem Kibbuz im Süden des Landes am Rande der Negev-Wüste gelebt. Sie sagt: «Die Umsiedlung in die Schweiz war ein grosser Einschnitt in meinem Leben. Bis heute verbindet mich vieles mit Israel. Mein Verhältnis zu diesem Land ist aber nicht einfach. Wenn ich jeweils auf Besuch oder als Touristin in Israel bin, werde ich immer wieder mit dem Israel-Palästina-Konflikt konfrontiert.» Ihre Motivation, sich selbst für ein friedliches Miteinander einzusetzen, ist gross – und so entstand das Theaterprojekt «Yalla» mit Schülerinnen und Schülern aus einer arabischen Schule in Jaffa und einer jüdischen Schule in Tel Aviv. Bei der Auswahl der Jugendlichen wurde darauf geachtet, dass sie offen für einen gemeinsamen jüdisch-palästinensischen Alltag sind.
Sie verlebten fünf Probewochen zusammen, erlebten bereits einige Aufführungen in Israel und reisen nun für eine dreiwöchige Tournee gemeinsam in die Schweiz. Die Eltern und Lehrer der ausgewählten Schülerinnen und Schüler mussten ebenfalls hinter dem Projekt stehen. Eine Voraussetzung, die alles andere als selbstverständlich ist, da die Schulen der arabischen Israeli und der jüdischen Israeli in Israel normalerweise getrennt sind und der israelische Alltag durch die Zweiteilung in die arabische und die jüdische Bevölkerungsgruppe geprägt ist. Vor diesem Hintergrund ist es umso bemer-
kenswerter, dass sich Jugendliche für ein arabisch-jüdisches Theaterprojekt interessierten und dass deren
Eltern einer Teilnahme zustimmten und die Bereitschaft zu einer wirklichen Begegnung mit der anderen Volksgruppe des Landes unterstützten.
Kulturelle Unterschiede bewältigen
Eine weitere Herausforderung des Projekts war die sprachliche Verständigung. Alle in Israel lebenden Araber sprechen Hebräisch, die jüdischen Jugendlichen aber können kein Arabisch. Sie waren somit darauf angewiesen, dass ihre arabischen Kollegen Hebräisch sprachen, da eine Zusammenarbeit sonst unmöglich gewesen wäre. Das Theaterstück, das für Jugendliche ab
14 Jahren geeignet ist, wird auf Hebräisch und Arabisch mit Untertiteln aufgeführt, ein arabisches Mädchen spricht ihre Rolle auf eigenen Wunsch auf Hebräisch. Neben der Sprache waren weitere kulturelle Unterschiede zu bewältigen – bei der gegenseitigen Annäherung wurde beiden Seiten viel Geduld und Vorurteilslosigkeit abverlangt. Der unterschiedliche Kleidungsstil oder der körperliche Umgang miteinander stellten die Jugendlichen immer wieder auf die Probe: So war es arabischen Schülern nicht erlaubt, die Mädchen zu berühren – eine Tatsache, die bei der Probe für ein Theaterstück immer wieder berücksichtigt werden musste. Dalit Bloch betont, wie sehr ihr der arabische Regieassistent Shredy Jabarin auch in diesem Punkt geholfen und eine reibungslose Zusammenarbeit gefördert hat.
Langsame Annäherung
Gespannt ist Bloch darauf, wie es der Gruppe während ihres dreiwöchigen Aufenthalts in der Schweiz ergeht. Die Jugendlichen sind jeweils zu zweit bei meist christlichen Gastfamilien untergebracht – sie sind zumeist das erste Mal ohne ihre Eltern für so lange Zeit im Ausland. Bloch hofft, dass diese Zeit die Jugendlichen noch mehr zusammenschweisst als ohnehin schon. Einen echten Zusammenhalt spürte sie erstmals während der Probenzeit, als jugendliche Besucher aus einem Kibbuz zuschauten und den Schauspielern Fragen nach ihren Beweggründen stellten. «Es war ein besonderer Moment zu spüren, wie die Gruppe zusammenrückte und eins wurde», so die Regisseurin. Ein weiterer Anlass, der sie in ihrem Vorhaben bestätigte, war ein Elternabend, an dem Bloch die arabischen und jüdischen Eltern der jungen Schauspieler traf. «Die Hoffnung der Menschen auf eine friedliche Verständigung und der Wille, ihre Kinder in dieser Hinsicht zu fördern, war beeindruckend», so Bloch. Aber auch wenn die Jugendlichen sich angenähert hätten und sich gut verstünden, so sei es im israelischen Alltag schwer, Kontakt zu halten. Das Internet biete hier eine gute Möglichkeit, so Bloch, und die Jugendlichen chatteten via Facebook und hielten so regelmässig Verbindung.
Für Völkerverständigung
Für das Management des gesamten Projekts ist der Verein Salam-Shalom mit Sitz in Arlesheim verantwortlich. Präsidentin ist Dalit Bloch, die den gemeinnützigen Verein vor zwei Jahren lancierte und seither bemüht war, das von ihr erdachte Theaterprojekt zu realisieren (vgl. tachles 05/09). Wie sie gegenüber tachles betont, war es zu Beginn alles andere als einfach, Gelder in der Schweiz zu mobilisieren. «Nachdem das Theaterstück fertig geprobt und das ganze Projekt erfolgreich umgesetzt war, wurden wir hingegen stark unterstützt und unsere Tournee durch die Schweiz wurde gefördert.» Ein erstes Startgeld von 50 000 Franken habe ihr schliesslich eine Stiftung gegeben, die anonym bleiben möchte, ohne die «Yalla» aber wohl kaum in der kommenden Woche ihre Premiere in der Schweiz feiern könnte. Vom Erfolg ermutigt möchte Dalit Bloch sich auch weiterhin auf dem Gebiet der Friedensförderung und der kulturellen Verständigung engagieren – geplant ist das Tanztheater «Friends and Freaks», das erneut arabische und jüdische Israeli vereinen wird. «Ich möchte nicht diskutieren, sondern handeln», so die Regisseurin, die an die Völkerverständigung glaubt und überzeugt davon ist, dass viele kleine Projekte wie «Yalla» zeigen können, dass Frieden möglich ist.
Premiere am Freitag, 18. Januar, 20.00 Uhr, Vorstadtheater, St. Alban-Vorstadt 12, Basel. Samstag, 29. Januar, 20.00 Uhr, Israelitische Cultusgemeinde, Lavaterstrasse 33, Zürich. Weitere Termine, Austragungsorte und
Tickets unter www.yalla-gastspiel.ch.