Vier Brüder, eine Erfolgsstory
Die Brüder Georges, Armand, Paul und Maurice Marciano wanderten in den siebziger Jahren aus Frankreich nach Kalifornien aus und hatten schon bald die Idee, der Jeans ein «neues Gesicht» zu geben. Ein geniales Vorhaben, wie sich bald herausstellen sollte, denn damit legten sie den Grundstein für die erste Designerjeans, ein bis heute anhaltender Trend. Zu dieser Zeit zeichnete sich die Mode nicht gerade durch eine eindeutige Designlinie aus, und bezüglich der Jeans glaubten Fashionexperten, damit ohnehin keine modischen Akzente mehr setzen zu können, da Denim nicht mehr en vogue war. Das sollte sich durch die Marciano-Brüder für immer ändern, denn sie stellten ihren Instinkt über die Vernunft. Das erste Modell, das sie entwarfen, war eine sogenannte Slim-Fit-Jeans namens Marylin mit drei Reissverschlüssen und für Frauen gedacht, die damit ein Statement setzen wollten. Anfangs hielt sich die Begeisterung der Einkäufer gegenüber diesem neuen Modestil eher in Grenzen. Um den Marciano-Brüdern aber einen Gefallen zu tun, war Bloomingdale’s damit einverstanden, ein paar der Modelle ins Sortiment aufzunehmen. Binnen weniger Stunden waren alle Hosen ausverkauft, die Nachfrage übertraf alle Erwartungen.
Von Marseille nach Los Angeles
Ein Riesenerfolg für die Brüder, die in Algerien geboren und in Marseille aufgewachsen waren. Wahrscheinlich hatte sich keiner der vier vorstellen können, eines Tages als Designer die Modewelt nachhaltig zu beeinflussen, waren doch ihr Vater, ihr Grossvater und ihr Urgrossvater angesehene Rabbiner gewesen. Die Brüder wurden streng orthodox erzogen worden und lebten mit ihren Eltern in einer Wohnung in Marseille, welche sich im Synagogenkomplex befand. Das ruhige Leben der Familie änderte sich plötzlich, als Paul mit 15 Jahren einen schweren Motorradunfall hatte. Die Ärzte machten ihm damals wenig Hoffnung, jemals wieder laufen zu können. Dank eiserner Disziplin und Willensstärke konnte Paul nach sieben Monaten im Rollstuhl wieder selbständig gehen. Allerdings hatte er aufgrund der langen Abwesenheit in der Schule sehr viel versäumt und entschloss sich deshalb, auszuwandern. 1977 ging er ohne Geld und berufliche Ausbildung nach Amerika und war sehr glücklich, als seine Brüder ihm folgten. Schon vier Jahre nach ihrer Ankunft gründeten sie die Marke Guess – eine der einflussreichsten und bekanntesten Marken unserer Zeit. Drei Jahre nachdem sich das Unternehmen in Los Angeles mit Damenmode etabliert hatte, brachte Guess mit ebenso grossem Erfolg die erste Herren-Jeans auf den Markt. Inzwischen beschränkt sich Guess längst nicht mehr nur auf Jeans, sondern stellt neben Damen- und Herrenbekleidung auch Kindermode, Schuhe, Brillen, Bademode und Accessoires her. Vor allem die ausgefallene Uhrenkollektion erreichte in den letzten Jahren eine Art Kultstatus.
Schnell wachsendes Unternehmen
Abgesehen von dem Wiedererkennungswert der Marke, welcher nachhaltig zum grossen Erfolg des Unternehmens beigetragen hat, ist es vor allem die geschickte Aufgabenverteilung unter den Brüdern, die den Erfolg von Guess ausmacht. Paul Marciano, der dem Unternehmen sein Image verlieh, fungiert als Geschäftsführer. Darüber hinaus ist er für die weltbekannten Werbekampagnen verantwortlich, die mehrfach mit Designerpreisen ausgezeichnet worden sind. Paul ist es auch, der für den Vertrieb der Produkte zuständig ist, Lizenzverträge aushandelt und die Export-Geschäfte vorantreibt. Präsident des Unternehmens ist Maurice Marciano. Er ist die treibende Kraft im geschäftlichen und administrativen Bereich. Unter seiner Führung entwickelte sich der Jahresumsatz innerhalb von 28 Jahren von anfänglich sechs Millionen auf 2,1 Milliarden Dollar. Armand Marciano, der Senior Executive Vice President, koordiniert die Grundstücke und Bauvorhaben sowie die Produktion, die Warenverteilung und die Betreuung mit den weltweit verzweigten Lizenznehmern. Georges Marciano, der seit der Gründung vor allem für das Design verantwortlich war, verliess die Firma 1993.
Guess, seit 1996 ein börsennotiertes Unternehmen, ist heute in 80 Ländern der Welt vertreten und hat etwa 9000 Angestellte. Allein in den USA und Kanada ist das Label in 448 Läden zu finden, dazu in 844 Geschäften im Ausland, darunter in 153 eigenen Filialen. Im letzten Jahr hat der amerikanische Modekonzern auch eine Niederlassung in Russland gegründet und plant, in den nächsten drei bis fünf Jahren dort weitere 50 Läden zu eröffnen. Privat sind die Brüder Marciano aktiv in das jüdische Leben von Los Angeles eingebunden und unterstützen seit vielen Jahren tatkräftig das Wiesenthal-Center.
Am vergangenen Mittwoch wurde im Zürcher Niederdorf die neue und grösste Guess-Filiale in der Schweiz eröffnet.