Vielfalt ohne Einheit
Die Geschichte der jüdischen Gemeinde in Hamburg nach 1945 ist geprägt vom Zusammenleben und den Auseinandersetzungen sehr verschiedener Gruppen (verschieden in Herkunft, Mentalität und Lebenserfahrungen) in einer zahlenmässig relativ kleinen Gemeinschaft. Aktuellen Schätzungen zufolge leben heute etwa 5000 Juden in Hamburg. Etwas mehr als die Hälfte von ihnen ist Mitglied in der jüdischen Gemeinde, die sich «Einheitsgemeinde» nennt. Diese Einheitsgemeinde bedeutet – in der Theorie – ein gemeinsames Dach für die verschiedenen religiösen Strömungen des Judentums. Mit der Ausnahme Berlins – der grössten jüdischen Gemeinde in Deutschland – ist dies allerdings überall tatsächlich nur Theorie. Die Berliner Gemeinde besteht zurzeit aus 14 Synagogen, die alle eigenständig ihre religiöse Ausrichtung bestimmen. Das Spektrum reicht hier von orthodox über konservativ, traditionell, reform bis hin zu sephardisch-orthodox. Für die Mehrheit der anderen Einheitsgemeinden in Deutschland gilt nach wie vor, dass Beterkreise anderer Strömungen ausgeschlossen sind.
Diese Praxis hat ihre Wurzeln in den Anfängen der jüdischen Gemeinden in Deutschland nach der Schoah. Bereits im Juli 1945 fanden sich zwölf überlebende gebürtige Hamburger zusammen mit dem Ziel, eine neue Gemeinde zu gründen. Einige von ihnen waren zu Fuss aus den Konzentrationslagern in ihre Heimatstadt zurückgekehrt, manche waren der Vernichtung nur entgangen, weil ihre Ehen mit nicht jüdischen Partnern, sogenannte Mischehen, ihr Leben gerettet hatten. Sie waren vor allem zu ihren in Hamburg lebenden Familien zurückgekehrt. Im September 1945 gründeten sie die Gemeinde mit 72 Mitgliedern neu. Zu Beginn wurde sie vom American Jewish Joint Distribution Committee und dem englischen Jewish Committee for Relief Abroad organisatorisch und finanziell unterstützt. Schon im Jahr 1947 war die Anzahl der Mitglieder auf 1268 angestiegen, eine Zahl, die in den folgenden 30 Jahren in etwa konstant blieb. Dieser sprunghafte Anstieg der Mitgliederzahlen hatte einen besonderen Grund. Wie auch in allen anderen jüdischen Gemeinden kamen zwischen 1947 und 1952 Familien, vor allem aber Einzelpersonen, aus den ehemaligen DP-Lagern (Displaced Persons Camps) der Alliierten nach Hamburg. Allein in der amerikanischen Zone war die Zahl der jüdischen DPs innerhalb des Jahres 1946 von knapp 40000 auf über 150000 angewachsen, eine Folge der Nachkriegs-Pogrome in Polen, die zu einer Fluchtbewegung in den Westen – ausgerechnet nach Deutschland – geführt hatten.
Schwieriger Anfang
Die zumeist von der Tradition der Haskala und des Reformjudentums geprägten altdeutschen Gemeindegründer wurden zu einer Minderheit in ihren Gemeinden, während die jetzt überwiegende Mehrheit der ostjüdischen Neu-Mitglieder orthodox geprägt war. In dieser Situation schien es sinnvoll, eine Aufsplitterung in kleinere Gruppen zu vermeiden und stattdessen eine orthodox geführte Einheitsgemeinde zu gründen. Ohnehin hatten die Gemeinden ernsthaftere Probleme, als sich in Richtungsstreitereien zu verlieren. Der Aufbau und die Betreuung einer jüdischen Gemeinde mit schwer traumatisierten und gesundheitlich angeschlagenen Mitgliedern in einer nach wie vor feindlichen Umgebung war eine Herkules-Leistung.
Im Jahr 1960 wurde in der Stadt die erste neue Synagoge, die Synagoge «Hohe Weide», gebaut und geweiht. In den Festreden zu diesem besonderen Anlass war viel von neuem Vertrauen und guter Nachbarschaft zwischen den Hamburgern und ihren jüdischen Mitbürgern die Rede. Die Realität sah jedoch anders aus. Das Klima in Hamburg war in den ersten Jahrzehnten nach 1945 – wie überall im Land – geprägt von den alten NS-Eliten, die ihre Positionen in Justiz, Medizin und Verwaltung gehalten hatten. Als ein Beispiel nur sei hier die Hamburger Polizei genannt, die nahtlos von den ehemaligen Mitgliedern von Gestapo und SS wieder aufgebaut und geführt wurde. Zu trauriger Berühmtheit gelangte das Verhalten der Hamburger Staatsanwaltschaft, namentlich Oberstaatsanwalt Harald Duhn, der noch in den achtziger Jahren eine Anklageerhebung gegen SS-Hauptsturmführer Arnold Strippel, einen der Mörder von 20 jüdischen Kindern im Keller einer Hamburger Schule, verhinderte. In einer Begründung der Staatsanwaltschaft hiess es dazu: «Den Kindern ist über die Wegnahme ihres Lebens hinaus kein weiteres Übel zugefügt worden.» Eine Entschuldigung – zumindest für diese Formulierung – hat die Staatsanwaltschaft bis zum heutigen Tag nicht veröffentlicht.
In dieser Zeit hat sich die Gemeinde konsequenterweise zu öffentlichen Diskussionen oder Initiativen der Stadt nicht geäussert oder beteiligt. Im Laufe der siebziger Jahre schien sich deutschlandweit das jüdische Leben aufgrund von Emigration der jungen Generation und Überalterung der Gemeindemitglieder aufzulösen. In vielen Gemeinden wurden die Gottesdienste eingestellt. Zu einer Wende in dieser Entwicklung kam es erst durch neue Einwanderungswellen. Für Deutschland einmalig ist die Zuwanderung von 150 persischen Familien nach dem Sturz des Schah-Regimes 1979. Orthodox orientiert, waren sie innerhalb der Hamburger Gemeinde aktive Träger des religiösen Lebens.
Reibungen nach Einwanderung
Die grösste Umwälzung erlebte die Gemeinde aber durch die Einwanderungswelle aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion zwischen 1991 und 2004. Das Zusammenleben in der jüdischen Gemeinschaft hat sich seither grundlegend verändert. Nicht nur die Sprachbarriere spielte und spielt hier eine wichtige Rolle – der überwiegende Teil der Immigranten sprach und schrieb kein Deutsch –, die neuen Mitglieder, von denen die älteren ein ganzes Leben unter einem kommunistischen Regime gelebt hatten, kamen mit einer völlig anderen Mentalität und Einstellung zum Judentum nach Deutschland. «Wir dachten, es kämen Juden, doch es kamen Russen», ist ein typisches Zitat in diesem Zusammenhang.
Daraus entstand der Mythos, die Immigranten seien an Judentum gar nicht interessiert. Das Gegenteil ist der Fall. Allerdings ist die Mehrheit tatsächlich weniger bis gar nicht am religiösen Leben interessiert, stattdessen ist sie tief in der jüdischen Kultur und den Traditionen verwurzelt, in der Musik, Literatur und Kunst. Vielen von ihnen waren in ihren Herkunftsländern Akademiker und Musiker, zum Grossteil mit hervorragender Ausbildung. Da ihre Berufsabschlüsse in Deutschland nicht anerkannt wurden, bedeutete die Immigration für die erste Generation einen sozialen Abstieg. Als ein weiteres trauriges Kapitel erwies sich besonders die Behandlung eines Teils der Zuwanderer durch die jüdischen Gemeinden; jener, die keine jüdische Mutter «vorweisen» konnten. Zu Zeiten der Sowjetunion wurde als «jüdisch» in den Papieren geführt, wer einen jüdischen Vater hatte. Solange beide Elternteile jüdisch waren, gab es bei der Aufnahme in eine jüdische Gemeinde in Deutschland keine Schwierigkeiten. Wer aber «nur» einen jüdischen Vater anführen konnte, wurde von den Gemeinden abgelehnt.
Sicherlich entspricht dieses Vorgehen den Vorschriften der Halacha. Aber zu den hervorragenden Traditionen des Judentums gehörte von jeher die Fähigkeit, in aussergewöhnlichen Situationen menschliche Lösungen zu finden. Leider haben sich die Vertreter der Orthodoxie in Deutschland von Anfang an gegen diese Möglichkeit entschieden, ohne dass die Erfahrungen der Folgen dieser Entscheidung in den letzten 20 Jahren zu tieferen Erkenntnissen geführt hätten.
Zuwanderer-Familien leben mit der Situation, dass die Mutter von einer Gemeinde als Jüdin anerkannt ist, während der Familienvater nicht Mitglied der Gemeinde werden kann, weil er zwar von einem jüdischen Vater, aber nicht von einer jüdischen Mutter abstammt. Welche Wirkung das auf Kinder und andere Familienmitglieder hat, ist offensichtlich. In der Folge hat sich ein Grossteil der jungen Generation der Zuwanderer von den jüdischen Gemeinden abgewandt. Es wäre sicher nicht unangemessen gewesen, den patrilinearen Einwanderern eine Brücke zu bauen, in dem man ihnen Wege zu einem unkomplizierten Giur (Konversionszertifikat) eröffnet hätte.
Neue Wege in der religiösen Praxis
Deutschland hat sich im Zuge des Generationswechsels besonders der politischen Eliten in den neunziger Jahren verändert. Die nach 1945 geborenen Generationen haben sich im Kontakt mit den sich entwickelnden internationalen Jugend- und Protestkulturen weit von den Erziehungsprinzipien der Vorgängergenerationen entfernt. Die Mentalität des preussischen Obrigkeitsstaates ist passé. Im gleichen Zug veränderte sich langsam auch der Umgang zwischen der jüdischen Gemeinde und der Stadt Hamburg. Seit Anfang der neunziger Jahre ist die jüdische Gemeinde bei verschiedenen Anlässen in der Öffentlichkeit präsent gewesen. Die Stadt Hamburg schloss 1993 mit der jüdischen Gemeinde einen Fünf-Jahres-Vertrag, durch den die Gemeinde pro Jahr einen finanziellen Zuschuss «für die Erfüllung ihrer kulturellen und sozialen Aufgaben» erhielt. Erweitert wurde diese Vereinbarung im Jahr 2007 mit dem Abschluss eines Staatskirchenvertrags zwischen dem Land Hamburg und der Jüdischen Gemeinde in Hamburg. Der Vertrag vom 29. Juni 2007 beinhaltet unter anderem einen festgesetzten jährlichen Leistungsbetrag an die jüdische Gemeinde.
Parallel dazu entwickelte sich in der jüngeren Generation das Bedürfnis nach neuen Wegen in der religiösen Praxis. In Hamburg wie in vielen anderen Städten entstanden ausserhalb der Einheitsgemeinden kleinere Gemeinden und Betkreise mit egalitärer, konservativer oder liberaler Ausrichtung. Eine kuriose Hamburger Spezialität ist die Gründung einer «Liberalen Jüdischen Gemeinde e.V.» im Jahr 2005, die tatsächlich ein jüdisch-russischer Kulturclub ist. Zu dieser Finte zu greifen wurde notwendig, weil die Gesetzeslage vorsieht, dass nur Gemeinden die Berechtigung haben, Mittel aus der staatlichen Unterstützung zu beziehen. Die Religiosität wird hier zum grundsätzlichen Kriterium erhoben. Alle anderen traditionellen Aufgabenbereiche jüdischer Gemeinden wie Kultur, Sport oder soziale Betreuung der Mitglieder sind nachrangig. Wer also Judentum ohne Religiosität leben will, hat das Nachsehen – oder wird erfinderisch. Das Verhältnis von Einheitsgemeinden und den von ihnen als «Abspaltung» oder «Konkurrenz» wahrgenommenen Neugründungen ist diffizil. Positive Ausnahme ist hier nur die Einheitsgemeinde Frankfurt, die den Frankfurter Egalitären Minjan in die Gemeinde aufgenommen hat.
Wie eine zeitgemässe Form der Organisierung des religiösen Lebens für alle religiösen Juden, des allgemeinen Umgangs untereinander sowie der deutschen Öffentlichkeit gegenüber aussehen könnte, ist in Hamburg so wenig geklärt wie in Deutschland insgesamt.
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Yohana Hirschfeld ist von Beruf freie Malerin und Autorin. Als Gründungsmitglied und künstlerische Leiterin des «Kunsthaus Finkels – Jüdischer Kulturverein e.V.» organisiert sie in Hamburg jährlich den «Europäischen Tag der Jüdischen Kultur».