Vielfalt dank mutiger Macher
von Veronica Grodzinski
Die jüdische Kultur im heutigen Grossbritannien lässt sich in ihrer Reichhaltigkeit kaum überblicken. Dazu gehören zweifellos die Literatur, die Künste, Museen und Musik, Theater und Film, Fotografie und die Presse. Aber zählt auch die Arbeit der zahlreichen Seminare für Jüdische und Hebräische Studien an den britischen Universitäten dazu? Und wie steht es mit den Debatten am Leo Baeck College, dem führenden Institut Europas für die Ausbildung von Rabbinern und Rabbinerinnen? Daneben wären jüdische Schulen zu nennen und Denkfabriken wie die Jewish Policy Research (JPR), die zudem die Vereinigung European Association for Jewish Culture betreibt. Auch an kleinen, «alternativen» Gruppen wie Grassroot Jews, Carlebach Minjan und Moishe House fehlt es nicht. Diese erfreuen sich als Veranstalter von Gottesdiensten, Happenings und Seminarwochenenden besonders bei einer jungen, kulturell interessierten und häufig alleinstehenden Klientel grosser Beliebtheit. Zweifellos zählt die 1980 gegründete und seither weltweit häufig kopierte LIMMUD-Konferenz zur jüdischen Kulturszene auf den Britischen Inseln. Diese der «Erweiterung jüdischer Horizonte» verpflichtete Organisation wäre einen eigenen Artikel wert. Und zu guter Letzt: Lässt sich der bedeutende Philanthrop und Kunstsammler Jacob Rothschild zur jüdischen Kultur zählen? Er hat unter anderem das gewaltige Somerset House im Herzen Londons in einen bedeutenden Museumsstandort verwandelt und ist nun dabei, die Rothschild-Stiftung Waddesdon Manor der modernen Kunst zu öffnen.
All diese Fragen führen fast immer zu der Diskussion um «jüdische Identität», die in der britischen Gemeinde ebenso unvermeidlich ist wie weltweit. Darüber hinaus unterliegt auch die jüdische Kultur im digitalen Zeitalter mit seiner blitzartigen Verbreitung von Information rund um den Globus einem rasanten Wandel. Gleichzeitig muss der hier unternommene Versuch einer Übersicht auf die britisch-jüdische Kulturszene die Tatsache berücksichtigen, dass ihr Leben hier die Juden sehr «britisch» hat werden lassen – so wie die Juden in Deutschland historisch – und darin liegt eine bittere Ironie – sehr «deutsch» geworden waren. Gleiches gilt oder galt natürlich für andere Gemeinden weltweit. Damit ist freilich die Frage noch nicht beantwortet, ob wir «Juden in Grossbritannien» oder «britische Juden» sind. Aber womöglich kann das jüngst eröffnete Jewish Museum in London bei der Antwort helfen – auch wenn diese kaum das letzte Wort dazu sein dürfte.
Vielfalt durch fünf Strömungen
Entgegen landläufigen Vorstellungen ist die jüdische Gemeinde in Grossbritannien zahlenmässig recht klein, obwohl sie gerade in der Hauptstadt prominent in Erscheinung tritt. Den aktuellsten Erhebungen zufolge leben auf den Britischen Inseln insgesamt 283 000 Juden, vor allem in London (93 000), Manchester (30 000), Leeds (unter 7000), sowie den kleineren Zentren Liverpool und Glasgow. Diese Zahlen sind allerdings irreführend, da sich nicht alle Juden Gemeinden anschliessen und etwa 110’000 Israeli hier leben, die häufig kaum Kontakte zu anderen Juden suchen.
Trotz ihrer überschaubaren Zahl gehören die britischen Juden fünf grösseren Strömungen an. Dies erklärt den Reichtum ihres kulturellen Lebens. Als erste wäre die moderat-orthodoxe Gruppe United Hebrew Congregations of the Commonwealth zu nennen, der Lord Jonathan Sacks als Oberrabbiner vorsteht. Rechts daneben stehen die orthodoxen Charedim, während links neben den United Hebrew Congregations die Reform Synagogues, die Union of Liberal and Progressive Synagogues sowie die Assembly of Masorti Synagogues angesiedelt sind. Letzteres wurde in den 1960er-Jahren von Rabbiner Louis Jacobs gegründet und lässt sich mit der Konservativen Strömung in den USA vergleichen. Jede der Gruppierungen verfügt über eine repräsentative Körperschaft. Diese Fragmentierung führt zu Kontroversen, die in jüngster Zeit auch die nationale Presse erreichen. Dies ist nicht allgemein willkommen, da die jüdische Gemeinschaft historisch immer versucht
hatte, der Aussenwelt gegenüber ein geschlossenes Bild zu präsentieren, was nun nicht mehr möglich ist.
Überdies ist auch die lang währende, nicht hinterfragte Loyalität Israel gegenüber zerbrochen, seit die im Februar 2007 gegründete, 700 Mitglieder starke Gruppe Independent Jewish Voices für Kontroversen sorgt. Für mich steht das in der vertrauten Tradition «Stelle zwei Juden eine Frage, und du bekommst vier Antworten». So stellt sich das jüdische London unserer Tage dem Betrachter als in religiöser, kultureller und ethnischer Hinsicht enorm kreative Gemeinschaft dar, die zudem die älteste, kleinste, aber auch prominenteste Minderheit im Vereinigten Königreich ist.
Das intellektuelle Klima in Grossbritannien wird seit jeher von einer gewissen Sachlichkeit geprägt, die es der philosophischen Tradition des Empirismus verdankt. Davon wurden auch die kulturellen Ambitionen der britischen Juden geprägt. Dieser Fokus auf das «Machen» hat London eine so nie da gewesene Vitalität beschert. Dies gilt auch für die jüdische Kulturszene unserer Tage, die als ein Vorbild für andere Gemeinden weltweit gesehen werden kann. Gleichzeitig ist in der jüdischen Gemeinde Londons die Sorge um einen zunehmenden Antisemitismus, schwindende Mitgliederzahlen und Budges sowie Redundanzen oder Überlappungen bei kulturellen Institutionen weit verbreitet. Dem ist entgegenzuhalten, dass die meisten neue Projekte eher säkularer Natur sind, allen religiösen Strömungen offenstehen und die Stimmung einer zeitgenössischen jüdischen Gemeinde im postmodernen Grossbritannien insgesamt reflektieren. Auch hier hat die britische Präferenz für Individualität und Respekt vor Kultur positive Spuren hinterlassen.
Literatur
Gerade im letzten Jahrzehnt hat sich die Kultur zum «Kronjuwel» im dynamischen Gesellschaftsleben Londons entwickelt. Die Kunst- und Kulturszene der Metropole ist deutlich avantgardistischer als auf dem europäischen Festland. Dabei profitieren traditionelle und neue Projekte in Grossbritannien von Stiftungen, Einzelpersonen, gelegentlich aber auch von staatlichen Hilfen oder Zuschüssen aus der nationalen Lotterie. Für jüdische Institutionen gilt indes, dass sie meist der Vision und Hingabe einzelner Persönlichkeiten entsprungen sind. Deren Erfolg wird durch die tolerante, multikulturelle und demokratische Gesellschaft Grossbritanniens begünstigt, die seit jeher breite Entfaltungsmöglichkeiten für Unternehmerpersönlichkeiten bietet – unabhängig davon, ob sie nun christlich oder jüdisch sind.
Eine der ältesten dieser säkularen Initiativen war die 1938 in Manchester von der B’nai Brith-Präsidentin Colette Hassan gegründete Jewish Book Week, die 11 000 Besucher zählen konnte. Nach dem Zweiten Weltkrieg griff der Rechtsgelehrte George Webber die Idee auf und seit 1952 findet die Book Week jeden März statt. Stets nehmen daran Akademiker, Schriftsteller, Journalisten und Filmemacher aus Grossbritannien und Übersee teil. Während der letzten Jahre zieht die Book Week auch zunehmend ausländische Besucher an. Zu den Höhepunkten in diesem Jahr zählten Auftritte des Anwalts Anthony Julius, der sein neues Buch über den historischen Antisemitismus vorstellte, während Michael Scammell als Biograf von Arthur Koestler das Verhältnis seines Protagonisten zu Intellektuellen analysierte. Daneben unternahm Eric Hobsbawm eine Neubewertung des «Kommunistischen Manifests» von Karl Marx, Abigail Green stellte ihre neue Biografie von Sir Moses Montefiore vor und der Harvard-Historiker Niall Ferguson sprach über «Aufstieg (und Untergang) des Geldes». Auch Oberrabbiner Jonathan Sachs nahm die Book Week wahr, um mit Susan Neiman die «Koordinaten eines moralischen Wertesystems» zu diskutieren. Ähnliche Veranstaltungen sind in Joseph’s Bookstore im Norden Londons an der Tagesordnung. Die kleine, unabhängige Buchhandlung wurde 1994 von Michael Joseph gegründet. Nebenan bietet das Bookstore Café
Literaturfreunden einen kongenialen Ort für Buchvorstellungen, Lesungen und Lyrik-Abende, aber auch für Jazz- und Klezmerkonzerte.
Erziehung
Zwei visionäre Erzieher, Nitza und Robin Spiro, haben Anfang der neunzehnachtziger Jahre Pionierleistungen bei der Vermittlung jüdischer Geschichte und Kultur vollbracht – zunächst in renommierten englischen Schulen, danach in dem von ihnen gegründeten Spiro Institute. Beide hatten in Oxford studiert, fielen jedoch mitten in ihrer Karriere in den Bann der geistigen Tradition des Judentums. Ihr Institut zieht mit Kursen in Jüdischer Geschichte und Kultur, Musik, Theater und Film ein grosses Publikum quer durch alle Strömungen an. Die Spiros taten sich zudem als innovative Veranstalter von Reisen an Orte von jüdischem Interesse hervor. Nachdem ihr Institut immer grösser und bürokratischer geworden war, verliessen es die Gründer und fingen mit der Spiro Ark noch einmal ganz von vorne an. Das Spiro Institut, nahm danach den Namen London Jewish Community Centre (LJCC) an und erfreut sich unter der Führung von Trudi Gold weiterhin grosser Beliebtheit und residiert jetzt im Ivy House, der ehemaligen Residenz der Ballerina Anna Pavlova. Das LJCC zieht mit rund 75 Kursen wöchentlich etwa 1’500 Besucher an. Jüdische und nicht jüdische Prominenz ist hier mit Vorträgen, Diskussionen oder Vorführungen präsent.
Die Kurse decken von Jüdischer Geschichte und Kultur, über Antisemitismus, Bürgerrechte bis hin zu Ernährung, Bridge, Kunst und Musik ein denkbar breites Themenspektrum ab. Darüber hinaus bietet das LJCC Kurse in Jüdischer Geschichte und Kultur für reguläre britische Schulen an, die inzwischen Bestandteil des allgemeinen staatlichen Lehrplans geworden sind. Das Zentrum hat zudem Augen-
zeugenberichte von Holocaustüberlebenden gesammelt und arrangiert Schulbesuche, bei denen Überlebende über ihre Erfahrungen sprechen. Das LJCC beherbergt mit der Florence Melton Adult Mini School zudem eine Dependance der Hebräischen Universität in Jerusalem, die einen zweijährigen Kurs in Judaismus anbietet. Wie die Spiro Ark veranstaltet auch das LJCC jüdische Studien-reisen.
Umstrittenes neues Projekt
Angesichts dieses reichen Angebotes ist es erstaunlich, dass das LJCC demnächst in Gestalt des viel diskutierten Jewish Community Centre (JCC) Konkurrenz bekommen wird. Das JCC geht auf die grosszügigste Philanthropin Grossbritanniens zurück, Dame Vivien Duffield, die 25 Millionen Pfund bereitgestellt hat, die grösste einzelne Spende in der Geschichte jüdischer Philanthropie. Zuvor hat Dame Vivien eine tragende Rolle bei der Renovierung des Royal Opera House, von Covent Garden, dem South Bank Center und beim Ausbau der Oxford University gespielt. Das JCC orientiert sich am Vorbild der gleichnamigen Institution in New York und scheint der Höhepunkt eines philanthropischen Lebenswerks zu sein, in dessen Rahmen Dame Vivien 178 Millionen Pfund gespendet hat. Allerdings deckt ihre einzigartige Spende nur die Hälfte der für den Bau DES JCC veranschlagten 50 Millionen Pfund. Dafür soll in prominenter Lage im Londoner Nordwesten ein spektakuläres Gebäude aus Stahl und Glas entstehen. Dame Vivien muss nun weitere, grosszügige Spender gewinnen, damit ihre Vision Realität wird. Das Zentrum soll Anfang 2013 vollendet werden und wird sich wahrscheinlich weniger pädagogischen als eher sozialen und kulturellen Themen widmen. Dass die Institution dazu in der Lage ist, demonstriert das JCC bereits gleichsam «ohne Mauern», da es bereits während vieler Jahre überall in London Veranstaltungen ausgerichtet hat.
Das JCC muss sich nicht über mangelnde Kritik beklagen: Wozu ein neues jüdisches Zentrum, wo sich bestehende Institutionen überall in England immer noch mit den Folgen der Finanzkrise schwertun? Und ist es angesichts einer schrumpfenden Gemeinde überhaupt sinnvoll, an so prominenter Stelle ein neues jüdisches Kulturzentrum zu gründen? Doch das JCC will nicht nur säkulare und religiöse Juden anziehen, sondern auch Leute aus der Nachbarschaft. Damit soll sich die älteste Minorität Grossbritanniens der Aussenwelt weiter öffnen und grösseres Verständnis gewinnen. Wer wollte die Demystifizierung der Juden und der jüdischen Kultur kritisieren?
Kunst und das Jüdische Museum
Derartige Sorgen lassen die Ben Uri Gallery unberührt. Sie ist die einzige Galerie in ganz Europa, die sich ohne Rücksicht auf Stile und Themen allein Künstlern jüdischer Herkunft widmet. Gegründet wurde die Ben Uri Gallery 1915 von Lazar Berson, der aus Osteuropa immigrierten jüdischen Handwerkern und Künstlern, die aufgrund des damaligen Antisemitismus keinen Zugang zu britischen Kunstvereinen fanden, eine Plattform geben wollte. Inzwischen umbenannt in London Jewish Museum of Art. An Art Museum for Everyone – Bridging Communities, sucht die Institution derzeit nach einer Heimat für ihre Sammlung, die rund tausend Werke so bedeutender Künstler wie Jacob Epstein, Jacques Lipchitz, Mark Gertner, Jacob Kramer, Solomon J Solomon, Abram Games, David Bomberg, Frank Auerbach, Leon Kossoff und R.B. Kitaj umfasst.
Derweil hat jüngst in Camden Town das Jewish Museum nach einer zweijährigen Renovierung neu eröffnet. Das Projekt wurde von der staatlichen Lotterie mit zehn Millionen Pfund unterstützt und umfasst das vorherige, kleinere jüdische Museum. Nun hat die Institution in eine nebenan gelegene, ehemalige Klavierfabrik expandiert. Diese Erweiterung ist mehr als willkommen, da London viel zu lange als einzige europäische Metropole kein bedeutendes jüdisches Museum aufweisen konnte. Das neue Gebäude ist dank seiner Konstruktion aus Stahl, Glas und Holz hell und offen und beherbergt fünf Galerien über drei Stockwerke sowie einen grosszügig bemessenen Souvenirladen und ein Café. Im Gegensatz zu anderen Häusern dieser Art im übrigen Europa halten sich die Sicherheitsmassnahmen hier in engen Grenzen.
Das Museum will «das Leben und die kulturelle Vielfalt der Juden vor dem Hintergrund der allgemeinen Geschichte der Einwanderung nach Grossbritannien erforschen und feiern» und tut das, indem in der lichtdurchfluteten Eingangshalle Porträts von Menschen gezeigt werden und deren Stimmen ihre Lebensgeschichten erzählen. Besucher schätzen die Exponate im Erdgeschoss und die Begleittexte durchwegs als leicht zugänglich und «nicht übermässig akademisch». Das Museum zeigt grossartige jüdische Kunst- und Kultgegenstände, die aus dem Kontext des jüdischen Kalenders erklärt werden. Interaktive Medien bieten Besuchern Zugang zu ausführlicheren Informationen. Eine kleine Shoa Galerie ist den Erfahrungen des britischen Holocaust-Überlebenden Leon Greenman (1910–2008) gewidmet, der für sein Engagement gegen Rassismus mit dem Order of the British Empire (OBE) ausgezeichnet worden ist. Das Museum wendet sich allem Anschein nach an Nichtjuden, aber dennoch bietet es jüdischen Besuchern eine Fülle an Informationen über ihre Geschichte. Um mit anderen vergleichbaren
Institutionen mitzuhalten, gibt es auch neu einen Film-Club, der Filme in Englisch, Hebräisch und Jiddisch zeigt.
Film, Musik und Presse
Beim Thema Film darf Judy Ironside nicht fehlen, die das UK Jewish Film Festival (UKJFF) seit 1996 zur grössten Veranstaltung ihrer Art auf den britischen Inseln gemacht hat. Es findet im November in etwa zehn Londoner
Kinos statt und bot zuletzt über 17 Tage ein imposantes Programm mit mehr als fünf Dutzend Werken, darunter auch Dokumentar- und Kurzfilme. Im übrigen Jahr zeigt das UKJFF ältere und aktuelle Filme in London, tourt daneben aber auch durch andere Städte des Vereinigten Königreiches. Die Organisation ist auch in Übersee aktiv und stand an der Wiege der jüdischen Filmfestivals von Amsterdam und Zagreb. Derzeit führt das UKJFF Gespräche in Südafrika und Japan.
Im Jahr 2000 gegründet, ist das Jewish Music Institute (JMI) jetzt der University of London angegliedert und ist der unternehmungslustigen – ursprünglich aus Südafrika stammenden – Geraldine Auerbach zu verdanken. Sie hat sich seit den neunzehnachtziger Jahren als Veranstalterin einen Namen gemacht. So organisierte sie zum Beispiel ein «Kaddish Oratorio» in der Kathedrale von Canterbury, eine Gedenkfeier zum 800. Jahrestag des berüchtigten Massakers an den Juden von York sowie zahlreiche andere beeindruckende Konzerte und Feierlichkeiten. Auerbach engagiert sich erfolgreich für die Integration jüdischer Musik in das britische Kulturleben. Es ist ihr zu verdanken, dass sich London zu einem internationalen Zentrum für das Studium und die Aufführung jüdischer Musik entwickelt. Im Jahr 2000 wurde sie dafür von der Queen zum Member of the British Empire (MBE) ernannt. Das JMI unterrichtet und archiviert aschkenasische und sephardische, aber auch kantorale, liturgische Musik und Folklore. Neben Klezmer und jiddischer Tonkunst darf auch die israelische nicht fehlen. Das Institut verfügt über eine bis ins Mittelalter zurückreichende Bibliothek für Manuskripte, Bücher und Tonträger jeder Art. Dazu kommen persönliche Sammlungen aus dem Besitz britischer Kantoren, Chorleiter und Enthusiasten der synagogalen Musik. Zukünftig sollen ein Archiv und eine online zugängliche Datenbank für die im Dritten Reich geschmähte Musik eingerichtet werden.
Auch auf dem Gebiet der Medien kann sich das jüdische London sehen lassen. Hier wäre die 1953 vom unerschütterlichen Sozialisten Jacob Sonntag gegründete «Jewish Quarterly» zu nennen, bis heute unbestritten die führende literarische und kulturelle Zeitschrift der anglo-jüdischen Intelligenzia. Das Magazin kämpft stets mit finanziellen Sorgen und wird zumeist von unbezahlten Freiwilligen für nur noch etwa 2000 Leser herausgegeben. Wesentlich jünger ist das 2001 von Janet Levin gegründete Blatt «Jewish Ren aissance», das die Leser «ermutigen will, ihr Wissen und Verständnis für jüdische Kultur zu erweitern und deren Reichhaltigkeit und Bedeutung zeigen» will. Es ähnelt der heutigen jüdischen Gemeinde Grossbritanniens in vielerlei Hinsicht, sprüht es doch vor Lebendigkeit und Selbstbewusstsein. ●
Veronica Grodzinski M.A./Ph.D. (UCL), ist Historikerin, Kuratorin und Schrifstellerin. Sie lebt in London.