Vieles anders, aber doch vertraut
Wenn sich die einstigen zionistischen Träumer heute auf Israelreise begeben würden. Der springende Punkt, wie Marx ihn sah, ist, dass Träume niemals wahr werden.» Hannah Arendt
«Träume keine kleinen Träume, denn sie haben nicht die Kraft, die Herzen der Menschen zu bewegen.» Goethe
Anlässlich Israels 60. Geburtstags will ich dem kleinen Traum nachhängen, sechs grosse zionistische Träumer – Herzl, Achad Ha’am, Nordau, Bialik, Berl Katzenelson und Jabotinsky – auf einen langen Stadtbummel durch die Tel Aviver Innenstadt mitzunehmen. Wir treffen uns an einem milden Winterabend, trinken schon einmal eine erste Runde (einen ausgezeichneten israelischen Sauvignon Blanc) und schlendern durch die sechs Strassen, die ihre Namen tragen.Verkehr. Getriebe. Mode und Trends. Touristen in vielen Sprachen. Baumbestandene alte Alleen und renovierte Bauhausblocks. Überfüllte Cafés, israelische Gourmet-Restaurants und Falafel-Stände zur Genüge. Unseren alten Zionisten wird schwindeln vor Staunen über den halb europäischen, halb mediterranen Little Apple, der auf diesen Sanddünen gewachsen ist. Ich wette, Jabotinsky regt als Erster eine zweite Runde Getränke an.
Es wird Nacht in Tel Aviv. Zwei Gymnasiastinnen erklären Herzl mit russischem Akzent den Ursprung des Namens «Frühlingshügel», nach dem Titel der hebräischen Übersetzung von Altneuland, und er nickt überrascht: Hat mein kleines Buch so weite Folgen gehabt? In der Strasse, die nach ihm benannt ist, mischen sich tatsächlich Alt und Neu, ein Hauch gutbetuchter Stadtnorden mit Gastarbeitern und Trauergestalten aus dem Süden. Achad Ha’am, ein Mann des Geistes, wird die Immobilienpreise in «seiner» Strasse nicht glauben wollen. Aber sicher gefallen ihm die Architektur (hübsch in altem Glanz restauriert) sowie die Musikszene und das alternative Theater. Ach, Tel Aviver Nachtleben, wer hätte dich damals erträumt? Hippe Jugendliche flanieren vorüber, hübsche junge Dinger, Clubbers und Künstler und junge Soldaten auf Wochenendurlaub. Weisst du noch, Max Nordau, wie sehnlich du dir ein «Muskeljudentum» gewünscht hast? Komm mit ins nächste Fitness-Center, da sacken dir die Kinnmuskeln ab.
Tour durch Galiläa
Da unsere Nacht in Tel Aviv ein voller Erfolg war, bleiben unsere Frühzionisten, traumhaft, aber raumgreifend, noch ein wenig länger. Am nächsten Tag nehmen wir sie nach Ober-Galiläa mit und übernachten in einem Kibbuz-Gästehaus. Grüne Hügel. Rote Ziegeldächer. Ein schneebedeckter Berggipfel vor leuchtend blauem Himmel. Graue Flecke in den Wäldern, wo im Sommer 2006 Hizbollah-Granaten eingeschlagen haben. Mit dem Fernglas aber kann man weit schlimmere graue Flecken auf der libanesischen Seite der Grenze entdecken. Ein Jaccuzi-Spa inmitten saftiger Felder und Apfelgärten.
Am Hermon sehen unsere Gäste Skiläufer runter- und gepanzerte Fahrzeuge mit Soldaten in voller Montur rauffahren. Kein Frieden mit euren Nachbarn?, seufzen Herzl und Achad Ha’am in ungläubiger Bestürzung. Nicht einmal die volle Anerkennung von Israels Existenzrecht, antworten die Gastgeber. Und am östlichen Horizont lauern tödliche Waffen, die sich ein Visionär des 19. Jahrhunderts in seinen schlimmsten Alpträumen nicht hätte vorstellen vermögen. Der Antisemitismus grassiert wieder in der Welt, und es scheint, der jüdische Staat ist den Antisemiten zum neuen globalisierten Juden geraten. Sie hassen ihn ohne Zusammenhang, ohne Mass, weit hinaus über eine faire Kritik an seinen Taten und Untaten gegenüber seinen arabischen Feinden. Sie hassen ihn einfach, weil er da ist. Das hatte ich nicht beabsichtigt, rufen Herzl und Nordau gemeinsam. Aber ich wusste es, ich habe es erkannt, hält Jabotinsky dagegen: Juden werden sich noch lange verteidigen müssen.
Aber seht euch doch um, ruft Katzenelson. Seht euch die Landwirte und die Urlauber und die Studenten an. Araber und Juden studieren Kunst und Technik, Frauen aus traditionellen Familien erhalten High-Tech-Ausbildungen. Und die Lastwagen voll frischer Äpfel und gutem Wein. Der Jordan ist tief und breit? Nein, eher nicht. (Unsere sechs Zionisten sausen jetzt in Kajaks die vom Schmelzwasser gespeiste schnelle Strömung hinunter.) Aber Milch und Honig gibt’s, keine Frage. Und der Finger Galiläas weit droben, wo Tel Chai standhielt und Metulla sich an den Erdboden krallte, strotzt von derselben Energie, die grosse Teile Israels durchströmt. Mit 60 ist diese Gesellschaft, trotz gewisser Unkenrufe und mancher Gerüchte, noch jung.
Und seht euch diese Kibbuzim an, schiebt Berl nach. (Wir sind mit den Kajaks durch, haben Bialik gerettet.) Wir haben sie als Mustergesellschaften aufgebaut. Modelle halten niemals ewig. Sie sind nicht mehr die radikalen Experimente in sozialistischer Gleichheit, deren Pioniere wir mit Leib und Seele waren. Die Kibbuzim sind nicht mehr marxistisch, streben nicht länger nach Perfektion. (Berl seufzt, aber tut er es nicht augenzwinkernd?) Sie verkaufen Land, zahlen gestaffelte Löhne, betreiben Einkaufszentren. Aber sie sind da, grün und wunderbar, privatisierter, aber immer noch lebendig. Immer noch engagiert. In aller Stille gewähren sie Flüchtlingen aus Darfur Unterkunft und Verpflegung, senden ein Signal menschlicher Solidarität an die israelische Gesamtgesellschaft. Junge Familien kommen jetzt in Scharen, um beizutreten.
Die Kreativität ist mächtig am Werk
In Unter-Galiläa sehen sich die zionistischen Träumer ein arabisches Dorf und eine jüdische Entwicklungsstadt an. Dort werden sie hart mit der sozialen Wirklichkeit konfrontiert, die subtiler, vielschichtiger ist, als sie es je hätten ahnen können. Herzl wird traurig feststellen, dass Israels arabische Staatsbürger noch nicht den Wohlstand und die Gleichstellung erreicht haben, die der Zionismus seines Stils ihnen hätte bescheren sollen. Katzenelson wiederum rügt bitter die Armut vieler Juden und Araber und beklagt, dass Israels jüngere, sozialdemokratische Vision im Argen liegt. Doch Bialik wird halb sarkastisch, halb weise vor sich hin murmeln: Das hier ist eine normale Gesellschaft. Ein Staat unter anderen. Und sicher nicht der schlechteste.
In Kfar Vradim besuchen sie Stef und Eitan Wertheimers glänzend florierenden Industriebetrieb, und die ganze Strecke nach Süden zu Herzlias High-Tech-Bastionen wittern sie den Hauch von Wirtschaftserfolg, Intelligenz, harter Arbeit und regem Verstand. Weiter südlich dann, in den nanotechnischen Laboren des Weizmann-Instituts und noch weiter unten, im Negev, wo ihre europäischen Augen in der Sonne blinzeln, sehen sie neue hydrotechnische Projekte, die ersten Ansätze grosser zukunftsweisender Anlagen, die an der israelisch-jordanischen Grenze entstehen. Und Herzl, ganz in seinem Element unter den technikbegeisterten Träumern jüngerer Generationen, wird erkennen, dass die neue Gesellschaft, die er sich erträumte, niemals ihre Vision verloren hat. Dass auch heute, von Shimon Peres über die Wertheimers bis hin zu zahlreichen jungen Männern und Frauen, die Kreativität mächtig am Werk ist. Ich war wie ihr, wird man Herzl zu einem jungen Ingenieur in einer kleinen Start-up-Firma in Haifa sagen hören: Ich habe auch unkonventionell gedacht.
Auf einem Universitäts-Campus hält Achad Ha’am inne, um sich mit ein paar sogenannten postzionistischen Historikern und Soziologen zu unterhalten. Er ist ein weiser Mann, der alte Ascher Ginzberg, kommt gut mit ihnen zurecht, wie sie auch mit ihm. Er weiss, dass nur eine winzige Minderheit der heutigen Zionismuskritiker wirklich dem umgekehrten Traum nachhängt, den jüdischen Staat in den Nebel der Geschichte entweichen zu sehen wie ein in die Flasche zurückgezwungener Geist. Er weiss, dass manche Interpretationen des jüdisch-arabischen oder palästinensisch-israelischen Konflikts heute mit empörender, schwindelerregender Schlichtheit vorgebracht werden. Aber Achad Ha’am weiss ebenso wie viele Israeli im Inneren ihres Herzens, dass manche Kritik berechtigt, seriös und hilfreich ist, dass die israelische Öffentlichkeit sie aufgreifen kann, dass Israel sie sich heute leisten darf.
Achad Ha’am verlangt, dass wir eine schwierige Tour durch die West Bank unternehmen, und ich willige ein. Judäa und Samaria sollen wir auf Jabotinskys ausdrücklichen Wunsch sagen. So besuchen unsere frühen Zionisten denn jüdische Siedlungen (einige von ihnen richtige Städte) und arabische Städte und Dörfer. Sie verbringen ein paar Stunden an einer Strassensperre, einer Einrichtung, die durchaus jüdische Leben vor Terroristenangriffen schützen mag, aber auch viele arabische Leben elend macht. Unnötig elend, erlaube ich mir einzuwerfen. Meine frühzionistischen Reisegefährten werden mir mit Sicherheit alle etwas darauf erwidern, die Aussichten auf einen israelisch-palästinensischen Frieden in unserer Zeit jeder auf seine Weise analysieren. Ja, sie werden sich sogar ziemlich vehement untereinander streiten, typisch israelisch, könnte man sagen. Aber ich will ihnen in diesen heutigen Fragen, die offene Wunden berühren, keine Worte in den Mund legen. Das wäre unfair.
Und nun auf nach Jerusalem. Zuerst besichtigen sie Yad Vashem. Von meinen sechs Gefährten hat nur Berl die Schoah zu Lebzeiten vor Augen gehabt. Er schickte jüdische Fallschirmspringer ins besetzte Europa und machte sich für die illegale Einwanderung von Überlebenden stark. Aber er starb zu früh, 1944, um sich das unvorstellbare Ausmass vorzustellen. Allerdings hat Berl vorausgesagt, dass danach ein jüdischer Staat entstehen müsse und werde. Keiner unserer frühen Zionisten konnte den Holocaust kommen sehen. Ihr Besuch in Yad Vashem wird in erschütterter Stille enden müssen – der Stille derjenigen, die auf tragische Weise recht gehabt haben, weit über ihre schlimmsten Erwartungen hinaus.
Herzl hat sich in Jerusalem nie wohlgefühlt, weder persönlich noch in seiner literarischen Phantasie. Auch heute wird er sich, meine ich, in dieser Stadt mit ihrer Ultraorthodoxie, ihrer fanatischen Ader, ihrem streng historischen Blick eher verloren vorkommen. Jabotinsky hingegen ist sicher begeistert, vielleicht sogar zu Tränen gerührt, wie grossartig alles ist: die goldenen Lichter der Altstadtmauern bei Nacht, der gediegene Glanz des Obersten Gerichtshofs, die hübsch alternden Steinhäuser in Rehavia, die optimistische Architektur der Knesset und des Israel Museum. Achad Ha’am wird besorgt sein über die Beziehungen zwischen Orthodoxen und Freidenkern, über die zahlreichen Jerusalemer, die die Wahrheit gepachtet zu haben meinen und nicht zuhören wollen. Aber wie in Tel Aviv ist Achad Ha’am auch hier nicht vergessen. Er wird zitiert, studiert, diskutiert. Sein Bemühen um ein kulturelles, geistiges Judentum taucht aus der Versenkung auf, erwacht zu neuem Leben, zieht im Verborgenen Kreise.
Irgendwann lassen Katzenelson und ich die grossen alten Männer im Rosengarten spazieren gehen und sehen uns ein Fussballspiel an. Es gibt eine neue Mannschaft in der Stadt, Hapoel Katamon, eine Basisinitiative, ein waschechtes rotes Erbe der grossen Hapoel-Tradition. Und sobald das Knuffen und Bolzen losgeht, bin ich mit Herz und Seele dabei, mit Berl.
Komplizierte, unvollkommene, liberale Demokratie
Gefällt ihnen das, was sie in der Knesset zu hören bekommen, wo man sie unauffällig auf die Besuchergalerie winkt? Was halten sie von der israelischen Psyche, wie sie sich in den hehren Hallen des Obersten Gerichtshofs offenbart? Ich kann es nicht wissen und traue mich nicht zu raten. Sollen die zionistischen Träumer zuschauen und zuhören, wie Jerusalem dem alltäglichen Regierungsgeschäft nachgeht. Pst: Eine komplizierte, unvollkommene, liberale Demokratie ist am Werk. Sie ringt mit zahlreichen Kräften, die feindselig, antiliberal, antidemokratisch oder schlichtweg antiisraelisch sind. Manchmal ringt sie auch mit sich selbst. Unsere zionistischen Träumer sind zähe Kämpfer: Sie werden begreifen müssen, dass ihr Traum Wirklichkeit eworden ist, morastige und trübe und ständig wandelbare Realität. Keine Utopie. Kein Arkadien. Kein Paradies auf Erden.
Wir verzehren am Machane-Jehuda-Markt ein einfaches, aber schmackhaftes Mahl – Herzl tut sich schwer mit Humus, Nordau lässt sich das Goldstar-Bier schmecken – und danach gehen wir zum Busbahnhof, um einen Egged-Überlandbus zu nehmen. Meine zionistischen Träumer können sich alle gemeinsam auf die Rückbank zwängen. Die gesamte erste Alija, daran muss man in diesem Augenblick denken, würde sich heute mühelos in ein oder zwei Strassen in Beersheva unterbringen lassen. So können wir es uns gemütlich machen, und der Fahrer stellt das Radio schön laut an.
Linguistische Start-up-Unternehmen
Während der Bus die kiefernbestandenen Hänge hinabfährt, die jetzt grün und mit Blumen und Pilzen übersät in der barmherzigen Wintersonne liegen, werden unsere Frühzionisten kurz mit israelischer Musik konfrontiert. Fusion klingt dagegen wie ein Understatement. Sie übersteigt Alt und Neu, Ost und West, Jazz und Folk, Äthiopisch und Spanisch und Russisch und Marokkanisch. Die Texte sind hervorragend, ausdrucksvoll. Und ich kann Bialik schon im Takt mitwippen sehen, denn hier macht eine junge Rockgruppe etwas völlig Neues mit einem seiner Gedichte. Stört es dich, Chaim Nachman? Was, über 70 Jahre nach meinem Tod vertont und neu interpretiert zu werden? Willst du mich aufziehen?
Eine Reihe vor meinen müden Frühzionisten sitzt ein junges Paar. Stammen seine Vorfahren aus Tunesien, die ihren aus der Ukraine? Wer kann das noch wissen, ausser beim Schabbatessen am Freitagabend? Aber hört euch das Hebräisch der beiden an, und horcht genau hin. Es ist nicht direkt biblisch, nicht direkt zweite Alija. Es ist lebendig, sprühend, slangdurchsetzt. Dieses Hebräisch, dieses grösste linguistische Start-up-Unternehmen des 20. Jahrhunderts! Herzl setzt sich verwirrt im Sitz auf. Ich hatte gedacht, sie würden hier deutsch reden, murmelt er. Aber Bialik und Jabotinsky, beide grosse Hebraisten, feixen ihn an. Heute machen mehr Menschen Liebe auf Hebräisch als auf Dänisch, musst du wissen. Mehr Menschen schreiben Bücher und Aufsätze in Hebräisch als in österreichischem Deutsch. Gewiss, lieber Theodor, lieber Benjamin Se’ev, dein Traum ist gründlich verändert, aber quicklebendig. Selbst Träume, die du nie geträumt hast, sind hierzulande lebendig.
Und so verlasse ich sie, die vergangenen Träumer des jüdischen Staates, steige still und leise an meiner Haltestelle aus und lasse die Gründerväter des Zionismus in den Dunst entschwinden. Mich faszinieren sie alle. Sie sind so unterschiedlich. Das heutige Israel spiegelt ihre Verschiedenartigkeit wider – und viele andere Träume obendrein. Natürlich ist dieser Staat nicht aufgrund eines einzelnen Traums oder einer einzelnen Person entstanden, obwohl Herzl dem manchmal erstaunlich nahe kommt. Während ich dem entschwindenden Bus nachwinke, möchte ich jedoch Folgendes sagen: Wenige Träumer haben so gut geträumt – vielleicht, weil sie so hellwach waren. Wenige Träumer waren so hoffnungsvoll, so optimistisch, so naiv wirksam angesichts der dunklen Wolken, die sie an Europas Horizont aufziehen sahen. Wenige Träumer in der Weltgeschichte sind so ungeheuer weit gegangen.
Kommt in zehn Jahren wieder, lieber Theodor, Ascher, Max usw. Es wird nicht langweilig werden, das kann ich euch schon jetzt sagen. Lehitraot – auf Wiedersehen.