Viele offene Fragen

September 26, 2008
Thierry, der Vater von Dan, dem jüngsten Opfer von Strassengewalt im Pariser 19. Bezirk (vgl. tachles 37/08), hat weder die Absicht, nach einer neuen Wohnung Umschau zu halten, noch will er seinen Sohn ersuchen, seine jüdische Identität zu verbergen.

Zusammen mit zwei anderen Teenagern - sie trugen alle eine Kippa - war der 17-jährige Dan am 6. September an der gleichen Stelle im 19. Bezirk von Paris zusammengeschlagen worden, wo schon im Juni ein anderer jüdischer Junge das Opfer antisemitisch motivierter Gewalt geworden war. «Wir lassen es nicht zu, dass sie unser Leben zum Stillstand bringen», meinte Thierry in dem Laden für Computer-Software, in dem er arbeitet. Seinen Familiennamen möchte er aus Sicherheitsgründen nicht nennen.

Zwei Thesen

Im 19. Bezirk im Nordosten von Paris ist Antisemitismus keine neue Erscheinung. Mit 30 000 Menschen lebt dort die grösste jüdische Gemeinschaft der französischen Hauptstadt - mehrheitlich orthodoxe Juden der unteren Einkommensschicht. Frankreich beherbergt mit rund 600 000 Seelen die grösste jüdische Einwohnerschaft Westeuropas. Die Kette von Gewaltakten im abgelaufenen Sommer entfachte eine Debatte über die Frage, ob antijüdisches Verhalten ein tief verwurzeltes Problem unter Jugendlichen in den Arbeitervierteln sei, oder ob zufallsgesteuerte von aussen her gelenkte Gewalt zwischen jüdischen und muslimischen Banden für die ethnische Spannung verantwortlich zeichneten, deren Bedeutung einige französische Juden in diesem Falle übertreiben würden.

«Wir stehen an einer Wegscheide», sagte Raphael Haddad, Präsident des jüdischen Studentenverbands von Frankreich. «Heute werden diese beiden Thesen in Frankreich diskutiert, und unsere Aufgabe besteht darin, aufzuzeigen, was rassistisch motivierte Verbrechen sind, und wo es sich um Bandenkriege handelt», betont der 26-Jährige. Inzwischen sind aber ernsthafte Zweifel an den rassistischen Motiven des jüngsten Zwischenfalls laut geworden, hat die Polizei doch durchblicken lassen, dass einer der mutmasslichen Angreifer selber jüdisch ist. Die Skepsis wuchs, als der Pariser Staatsanwalt erklärte, die Attacke gegen die Teenager sei nicht antisemitisch motiviert gewesen. Fünf der sechs Verdächtigten im Alter von 16 bis 23 Jahren sind laut Presseberichten für «freiwillige Gruppen-Gewalt» unter Anklage gestellt worden. «Haben es die politische Welt und die Organisationen an Vorsicht fehlen lassen?», fragte die Zeitung «Le Monde». Im gleichen Artikel werden Sprecher des Pariser Bürgermeisters und des Innenministeriums zitiert, die erklärten, ihre Schlussfolgerungen basierten auf Polizei-Informationen.

Grosses Unbehagen

Als zwischen den Jahren 2000 und 2004, dem Höhepunkt der Spannungen zwischen Israel und den Palästinensern, antisemitische Zwischenfälle scharf zunahmen, wurde die Atmosphäre oft mit den Schrecken des Zweiten Weltkriegs verglichen, was Unbehagen in Frankreich auslöste. Dabei wurde aus dieser Skepsis oft eine eigentliche Feindseligkeit den französischen Juden gegenüber, die sich bereits den Vorwurf gefallen lassen mussten, ihnen wichtige Themen zulasten anderer Minderheiten zu fördern und die Regierung beeinflussen zu wollen.

Der 19. Bezirk leidet allgemein unter einer hohen Kriminalitätsrate, doch jüdische Persönlichkeiten des Quartiers weisen das Argument zurück, bei den Angriffen handle es sich um reine Bandentätigkeit. Auch Thierry will von solchen Gedankengängen nichts wissen. «Diese Banden existieren nicht, das ist alles reiner Medienzirkus.» Damit reagiert er auf einen TV-Bericht, der eine Polizeistelle zitiert, welche meint, der Zwischenfall vom 6. September sei vielleicht nicht antisemitisch gewesen, sondern «einfach eine Abrechnung zwischen Banden». Auch zahlreiche Beamte und Medienberichte spekulierten angesichts der Tatsache, dass alle der Verdächtigten sich in geregelten akademischen Programmen befinden, dass sich der jüngste Fall von früheren unterscheide. Für Richard Pasquier, Präsident der jüdischen Dachorganisation CRIF, habe die Vermutung, dass einer der Verdächtigen vielleicht Jude sei, die Sache «komplizierter gemacht». Dessen ungeachtet hält er am antijüdischen Charakter des Überfalls fest. «Die Polizei behauptet, ein Zwischenfall sei nicht antisemitisch», sagte er, «wenn ein Jude auf der Seite der Angreifer entdeckt wird. Für mich aber bleibt eine Attacke antisemitisch motiviert, wenn ein Stein auf einen Jugendlichen geworfen wird, der eine Kippa trägt.»

Flucht in andere Bezirke

Eine Sprecherin der Pariser Untersuchungsbehörde bestätigte, dass sechs Verdächtigte sich in Gewahrsam befinden würden, doch es sei noch zu früh, um weitere Details über die Tat und hinsichtlich des Glaubensbekenntnisses der Betroffenen bekannt zu geben. Die Polizei bestätigte aber immerhin, dass die Verdächtigten im 19. Bezirk wohnen. Thierry, dessen Familie aus Algerien nach Frankreich eingewandert war, unterstrich, dass er seinen Sohn nie auffordern würde, seine religiöse Identität zu verstecken, und obwohl viele seiner jüdischen Nachbarn genug von der Sache haben und in andere Viertel umgezogen seien, habe er keine derartigen Pläne. Die Erklärungen des Vaters haben für Dani nicht verständlicher gemacht, weshalb das Tragen der Kippa ein Fehler sein kann. «Ich bin stolz auf mein Käppchen», sagt der Junge mit geschwollener Lippe. «Warum soll das eine Provokation sein? Ich verstehe das nicht. Schliesslich handelt es sich um meine Religion.»

Devorah Lauter