«Viele dunkle Gefühlsmächte»

von Alfred Bodenheimer, October 9, 2008
Sigmund Freuds «Ansprache an die Mitglieder des Vereins B’nai B’rith», die er am 6. Mai 1926 bei einer Feierstunde zu seinem 70. Geburtstag dort vorlesen liess, gehört inzwischen zu den vielbeachteten Dokumenten, was seine Beziehung zum Judentum betrifft. Es zeigt ihn zwischen tiefer Emotion und kühler Rationalität.
Sigmund Freud: «Das Judentum als Exilier der Psychoanalyse.» Foto Keystone

Der B’nai B’rith war, so schildert es Freud in seiner Ansprache, jener «Kreis von auserlesenen, hochgestimmten Männern», wo er nach 1895, nach dem Beginn der Entwicklung der Psychoanalyse Aufnahme und Gehör fand, als «ich den grössten Teil meiner damaligen menschlichen Beziehungen einbüsste». Tatsächlich hatte Freud im Laufe der ersten Jahre seiner Mitgliedschaft bei den B’nai B’rith etliche Vorträge dort gehalten.

«Kollektive Identität»
Es war, vielleicht, für Freud das Element, das ihn mit dem Judentum in Verbindung hielt - einer Verbindung, die gerade mit seinem Alter wieder sehr viel stärker in sein Leben trat. In seinem Text jedenfalls bezeichnet Freud, der offenbar seit etlichen Jahren, nachdem sein Weltruhm eingesetzt hatte, kaum noch mehr als ein Karteimitglied des B’nai B’rith war, das Judentum als jenes Element, das damals - und in gewissem Sinne noch zum Zeitpunkt der Ansprache selbst - entscheidend war für das gegenseitige Vertrauen. Das entsprechende längere Stück, das zu einem Herzstück der Freud-Forschung geworden ist, sei hier vollumfänglich zitiert:«-Dass Sie Juden sind, konnte mir nur erwünscht sein, denn ich war selbst Jude, und es war mir immer nicht nur unwürdig, sondern direkt unsinnig erschienen, es zu verleugnen. Was mich ans Judentum band, war - ich bin schuldig, es zu bekennen - nicht der Glaube, auch nicht der nationale Stolz, denn ich war immer ein Ungläubiger, bin ohne Religion erzogen worden, wenn auch nicht ohne Respekt vor den -ethisch- genannten Forderungen der menschlichen Kultur. Ein nationales Hochgefühl habe ich, wenn ich dazu neigte, zu unterdrücken mich bemüht, als unheilvoll und ungerecht, erschreckt durch die warnenden Beispiele der Völker, unter denen wir Juden leben. Aber es blieb genug anderes übrig, was die Anziehung des Judentums und der Juden unwiderstehlich machte, viele dunkle Gefühlsmächte, umso gewaltiger, je weniger sie sich in Worten erfassen liessen, ebenso wie die klare Bewusstheit der inneren Identität, die Heimlichkeit der gleichen seelischen Konstruktion. Und dazu kam bald die Einsicht, dass ich nur meiner jüdischen Natur die zwei Eigenschaften verdankte, die mir auf meinem schwierigen Lebensweg unerlässlich geworden waren. Weil ich Jude war, fand ich mich frei von vielen Vorurteilen, die andere im Gebrauch ihres Intellekts beschränkten, als Jude war ich dafür vorbereitet, in die Opposition zu gehen und auf das Einvernehmen mit der -kompakten Majorität- zu verzichten.»
Der deutsche Historiker Lutz Niethammer, der in seinem kürzlich erschienenen Buch «Kollektive Identität» wohl eine der luzidesten Interpretationen dieser Rede liefert, stellt fest, dass Freud sich in dieser Rede immer zugleich an die Ansprechpartner annähert und sich zugleich wieder von ihnen distanziert. Es ist ein intensives, und dennoch zugleich stark reduziertes Judentum, das die Zusammengehörigkeit begründet.

Versuch zum Brückenschlag
Ein Jude zu sein sowohl in der Resistenz gegen äusseren Druck als auch aufgrund einer kaum zu benennenden inneren Gefühlslage, was bedeutet das? Immerhin: Freud bezieht das Unbewusste (dunkle Gefühlsmächte), das Bewusste (Bewusstheit der inneren Identität) und die Konstruktion, sprich (in psychoanalytischer Fachanwendung) die aus dem Gedächtnis eines Einzelnen oder einer Gruppe rekonstruierte Wahrheit (die allerdings, wie er 1937 schreibt, auch zum Massenwahn entarten kann) in das Bekenntnis zum Judentum mit ein. Damit verschiebt er die Bedeutung des Judentums vom religiösen Ritual (von dem er von der Jugend her nicht so wenig wusste, wie er angab) und vom zionistischen Bekenntnis (das ihm auch nicht so fremd war, wie es hier scheint) in die Bereiche des seelischen Zustands. Dabei versuchte er einen Brückenschlag, der im Grunde der Freudschen Psychoanalyse nie ganz gelungen ist und den Carl Gustav Jung auf verhängnisvolle, für eine gewisse Zeit mit dem Nationalsozialismus verhängte Weise zu vollziehen suchte, nämlich die Verbindung der individuellen Psyche mit dem Kollektiv. Freud, der hier das einzige Mal in seinem Werk das Wort «Identität» gebraucht, schaffte den Schritt zur empirischen Erfassung des Judentums über dessen religiöse Eigenarten hinaus nicht. Doch es lässt sich sagen, dass diese in ihrer jüdischen Selbstdefinition noch recht diffuse Rede vielleicht am Anfang eines Denkprozesses stand, der ihn schliesslich zu seiner umstrittenen Studie «Der Mann Moses und die monotheisitische Religion» führte, die letztlich weniger der Moses-Figur gilt als dem Werden und Wesen des jüdischen Volkes. Nachdem Freud jahrelang versucht hatte, der Psychoanalyse den Ruf einer -jüdischen Wissenschaft- zu nehmen, weshalb er nicht zuletzt Jung als seinen Nachfolger aufgebaut hatte, bevor es zu unversöhnlichem Streit gekommen war, entdeckte und stilisierte er in den letzten gut zehn Jahren seines Lebens das Judentum als eigentliches Elixier der Psychoanalyse.


Die in der Serie «Texte aus der Moderne» bisher erschienenen Artikel sind auf http://juedische.rundschau.ch

Es wurde zitiert aus: Sigmund Freud: Gesammelte Werke, Bd. 17: Schriften aus dem Nachlass, London 1955 (3. Aufl.), 51f.