Viel Historie bei den ­Academy Awards

von Simon Spiegel, March 4, 2010
Das Rennen um die Oscars ist dieses Jahr so offen wie schon lange nicht mehr. Und gerade bei den ­historischen Stoffen hat die Academy einige erstaunlich radikale Filme nominiert.
EIN MODERNER HIOB Michael Stuhlbarg in «A Serious Man»

Dass die Einschaltquoten bei den Academy Awards nicht so sind, wie sie sein sollten, ist bekannt, die Ursache offensichtlich: Im Grunde ist die Veranstaltung sterbenslangweilig und viel zu lang; auch regelmässige Zuschauer schauen sich die Gala primär aus einer masochistischen Faszination heraus an. Letztes Jahr versuchte das Allroundtalent Hugh Jackman für Kurzweil zu sorgen, und für die 82. Aufgabe war dem Vernehmen kurz Borat-Darsteller Sacha Baron Cohen als Gast im Gespräch. Der Academy war diese Wahl aber dann doch zuriskant, stattdessen entschied man sich für ein Moderatorenduo: Komiker Steve Martin übt das Amt bereits zum dritten Mal aus, an seiner Seite agiert der Oscar-Neuling Alec Baldwin.

Auch andernorts setzt man auf eine Verdoppelung: Statt fünf sind dieses Jahr zehn Filme für die Kategorie «Bester Film» nominiert. Nicht zuletzt wegen dieser Änderung ist das Rennen dieses Jahr deutlich spannender als in vergangenen Jahren. Neben dem obligaten «Avatar» hat die Academy einige erstaunlich widerborstige Filme nominiert: etwa «District 9» von Neill Blomkamp gewissermassen das Gegenstück zu «Avatar» – ebenfalls Science Fiction, doch von der bitterbös-trashigen Sorte. Wo Cameron dümmlichen Ethnokitsch zelebriert, inszeniert Blomkamp eine rabenschwarze Apartheidsparabel. In den technischen Disziplinen dürfte zwar kein Weg an «Avatar» vorbeiführen, doch es wäre wahrlich ein Armutszeugnis für die Academy, wenn der inhaltlich enttäuschend platte Film auch in den anderen Kategorien obenauf schwingen würde.

Ein zweiter Oscar für Morgan Freeman?

Hoch im Kurs sind dieses Jahr geschichtliche Stoffe: Neun Nominationen – gleich viele wie ihr Ex-Mann James Cameron – heimste Kathryn Bigelow für «The Hurt Locker» ein, ein formal stellenweise überragendes Porträt eines Bombenetschärfungsteams in Irak. Zur jüngeren Zeitgeschichte gezählt werden kann auch «Invictus» von Clint Estwood über das erste Amtsjahr Nelson Mandelas. Schauspieler-Oscars werden ja besonders gerne für die Verkörperung historischer Figuren vergeben; Morgan Freeman hat somit beste Chancen, zum zweiten Mal eine goldene Statue in Empfang zu nehmen.

Der Zweite Weltkrieg ist bekanntlich ein filmischer Dauerbrenner; dass diesem dunkelsten Kapitel der Menschheitsgeschichte noch immer sehenswerte Werke abgerungen werden können, beweisen zwei nominierte Filme, die sich dem Thema auf ganz unterschiedliche Weise nähern. «Inglorious Basterds» demonstriert sein historisches Bewusstsein gerade dadurch, dass er sich dem Anspruch auf Authentizität verweigert. Unter der poppigen Oberfläche ist Quentin Tarantinos Film eine erstaunlich kluge Mediation über die Frage, ob und wie Geschichte überhaupt erzählbar ist. Für die Königsdisziplinen «Bester Film» und «Beste Regie» wird es allerdings kaum reichen, dafür ist Tarantinos Film wohl doch zu respektlos. «Bestes Originaldrehbuch» ist aber möglich, und die Auszeichnung für die beste männliche Nebenrolle darf eigentlich nur an Christoph Waltz für dessen Darstellung des SS-Offiziers Hans Landa gehen. Hannah Arendts Diktum von der Banalität des Bösen ist selten so eindrücklich auf Zelluloid gebrannt worden.

Eine deutsche Kindergeschichte

Während sich Tarantino mit der medialen Verarbeitung von Geschichte auseinandersetzt, widmet sich Michael Haneke in «Das weisse Band» gewissermassen den Vorformen das Nazismus. Seine bereits in Cannes prämierte «deutsche Kindergeschichte» ist ein Sittengemälde jener Generation, die zwei Jahrzehnte später für die Greueltaten des Dritten Reichs verantwortlich sein wird. Mit einem Oscar für «Das weisse Band» würde nicht nur ein formal und schauspielerisch vollendeter Film, sondern auch einer der kompromisslosesten europäischen Regisseure geehrt.

Der «jüdischste» Film, der dieses Jahr ins Rennen geht, ist zweifellos «A Serious Man» von Joel und Ethan Coen, der nach einem jiddisch gesprochenen Prolog im Schtetl in einer jüdischen Vorstadtgemeinde der sechziger Jahre spielt. An Glaubensgenossen mangelt es in der Academy ja nicht, und vielen dürfte der spiessige Albtraum der Coens aus der eigenen Kindheit nur allzu vertraut sein. Ihren Triumph von 2008, als «No Country for Old Men» mit vier Oscars ausgezeichnet wurde, dürften die Brüder dabei kaum wiederholen. Denn auch wenn «A Serious Man» vielerorts als Komödie bezeichnet wird, ist der Film von einer geradezu existenziellen Hoffnungslosigkeit durchzogen. Dem modernen Hiob Michael Stuhlbarg bleibt hier gar nichts erspart und das Happy-End scheinen die Coens endgültig abgeschafft zu haben. Dem Kino wird ja oft unterstellt, das Publikum mit eskapistischen Fantasien einzulullen – zumindest im jüngsten Werk der Coens scheint die Realität aber für einmal freundlicher als die Fiktion. Schliesslich ist im Abspann folgender Satz zu lesen: «Bei der Entstehung dieses Films sind keine Juden zu Schaden gekommen.»