«Vernunft des Herzens»
Verlag Simon & Schuster seine Autobiografie. Das war 1954, und die Autobiografie ging um die Welt. Der 54-jährige Diplomat schrieb darin über seine abenteuerlichen Erlebnisse in der Wüste Arabiens, über komplexe politische Verhältnisse und das Freiheitsstreben der islamischen Länder. Ausserdem erzählte er in «Der Weg nach Mekka», was ihn selbst einst aus der literarischen Bohème Europas in die muslimische Welt des Morgenlandes geführt hatte: Ein emotionales wie philosophisches Erweckungserlebnis hatte den Mittzwanziger mit seiner Herkunft radikal brechen lassen – und aus ihm, dem Juden, einen frommen Muslimen gemacht.
Muhammad Asad wurde 1900 als Leopold Weiss in eine wohlhabende, jüdische und sehr fortschrittlich gesinnte Anwaltsfamilie geboren, die im österreichisch-ungarischen, heute ukrainischen Lemberg in Galizien lebte. Sein Grossvater war Rabbiner, auch Leopold lernte fliessend Hebräisch. Reisen mit den Eltern führten ihn, damals nicht selbstverständlich, etwa an die Nordsee, «in so ferne Gegenden, dass sie beinahe schon neuen Welten glichen». Nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges brannte der 14-Jährige aus Lust auf «Tat und Abenteuer» zur österreichischen Armee durch, wurde nach einer Woche aber aufgegriffen und heimgeschickt. Die Familie lebte seinerzeit schon in Wien, im Wien des Aufbruchs in die Moderne, als der Glanz der k. u. k. Metropole verblasste und der Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn längst dem Untergang geweiht war. Vielseitig talentiert und auf der Suche nach Orientierung stürzte Leopold sich in die akademische Welt. Er lernte Sprachen, studierte dies und das, vor allem Philosophie und Kunstgeschichte, immer umgeben vom legendären «Geist Wiens» und einem Kulturleben, das sich grossenteils im Kaffeehaus abspielte. Zu dem, was die literarisch-künstlerische Revolution Wiens um die Jahrhundertwende hervorbrachte, gehörten auch Theodor Herzls Zionismus und die Psychoanalyse Sigmund Freuds. All das wurde zum Sinnbild für die Wiener Moderne, die nicht nur den Studenten Weiss, sondern ganz Europa beeinflusste bis die boomende Metropole Berlin nach 1918 die Rolle des Schrittmachers übernahm.
Der grossen Anziehungskraft der deutschen Hauptstadt erlag um 1922 auch der junge Wiener, der zum Journalismus gefunden hatte und als Reporter der renommierten «Frankfurter Zeitung» nach Berlin kam. Dort wie in Wien lockten Kaffeehäuser das Künstlervölkchen. Im legendären Café des Westens beziehungsweise im Romanischen Café traf der sprachgebildete Korrespondent Schriftsteller wie Hugo Ball und Maxim Gorki. Geld verdiente er als Drehbuchautor und Assistent des Stummfilmregisseurs Friedrich Murnau. In Berlin lernte Weiss auch Elsa Schiemann kennen, eine fünfzehn Jahre ältere Malerin.
Vom Juden zum frommen Muslim
Im Frühjahr 1922 erhielt Weiss einen Brief seines Lemberger Onkels Dorian Feigenbaum. Der Arzt und Psychoanalytiker hatte in Wien bei Freud studiert, in München und der Schweiz gearbeitet und war nach Dienst im Ersten Weltkrieg nach Palästina gegangen, wo er bis 1924 die Psychiatrische Klinik in Jerusalem leitete. Auch sein Neffe hatte sich als Student für die Psychoanalyse interessiert und Feigenbaum lud ihn ein, ein paar Monate in Jerusalem zu verbringen. Der 22-Jährige war gerade in einer Sinnkrise und offen für eine Veränderung: Unter dem Trotzoptimismus und der Geschäftigkeit auch der Künstler nach dem Ersten Weltkrieg spürte er eine erdrückende «seelische Leere» und «zynische Gleichwertung aller Werte und Unwerte».
Seine Reise führte Weiss über Kairo. Dort erlebte er die Menschen als überwältigend anders: «warm». Nicht traumatisiert und neurotisch. Dort spürte er die «Gespenster der Angst, Gier und inneren Verdrängung» der Europäer nicht. «In den Arabern begann sich mir etwas zu offenbaren, wonach ich immer unbewusst gesucht hatte», schrieb er später. «Eine Vernunft des Herzens». Er erlag dem märchenhaften Zauber des Orients, reiste bis Persien und Afghanistan und schickte von unterwegs Artikel an die «Frankfurter Zeitung». In Palästina suchte er den Kontakt mit Juden und Arabern. Er empfand und bekannte sich als jüdisch, aber ging auf Distanz zum Zionismus. Denn dieser verlagere die Probleme der europäischen Gesellschaft nach Palästina. Dies schreibt Biograf Günther Windhanger 2008 in seinem Buch über die Auffassung des späteren Konvertiten. In einem Streitgespräch mit Chaim Weizman, damals Präsident der Zionistischen Weltorganisation, äusserte Weiss sich später denn auch kritisch zum Konstrukt eines jüdischen Heimatlandes nach europäischem Modell und ohne Klärung der arabischen Interessen.
Hatte Weiss sich auf dieser ersten Orientreise den Einheimischen – und dem Bild, das er sich von ihnen machte – emotional angenähert, öffnete er sich auf seiner zweiten 1924 der Gedankenwelt und Lehre des Islam, der sich ihm als ein «wunderbar harmonisches Lebenssystem» immer tiefergehend erschloss. Als er diesmal aus dem Morgenland zurückkehrte, war aus dem Berliner Nahost-Korrespondenten aus dem Wiener Bildungsbürgertum ein der westlichen Zivilisation überdrüssiger Europa-Dissident geworden. 1927 konvertierte Weiss in Berlin, einige Wochen später trat auch seine Gefährtin Elsa zum Islam über. Sie heirateten, allerdings verstarb Elsa während der anschliessenden gemeinsamen Pilgerfahrt nach Mekka an Malaria.
Von nun an unter seinem muslimischen Namen engagiert, sah Muhammad Asad die islamische Welt als einen Halt und Orientierung gebenden Gegenentwurf zum von Umbrüchen und Werteverlust gezeichneten Europa, als Gesellschaft ohne Klassen- und sonstige Statusunterschiede, die den Einzelnen annehme wie er ist – was in Österreich und Deutschland seinerzeit angesichts antisemitischer Tendenzen immer weniger der Fall war. Asad spürte noch immer innere Rastlosigkeit und eine Verlorenheit und konnte sich beide erst erklären, als er erkannte, dass er gewagt hatte, «eine Welt gegen eine andere einzutauschen» und dafür seine alte, die er «nie wirklich besessen» habe, aufzugeben. Und dass Ringen um Zugehörigkeit «tatsächlich ein ganzes Menschenleben beansprucht». So kam der Islam dem jüdischen Konvertiten als ideales Weltbild, als Antwort auf eine verstörte europäische Gesellschaft mit wachsender Judenfeindlichkeit genauso entgegen wie als Antwort auf persönliche Sinnfragen und Sehnsüchte.
Asad vertiefte seine arabischen Sprachstudien sechs Jahre vor Ort, um sich Weltbild und Kultur des Orients zu eigen zu machen. Ab 1927 wurde der Witwer ein immer engerer Freund und Berater von Ibn Saud, dem späteren König Saudi-Arabiens. Er lernte zudem seine zweite Frau Munira, eine Beduinentochter, kennen. Beider 1932 geborener Sohn Talal Asad wurde ein an US-Eliteuniversitäten tätiger Professor für Kulturanthropologie, der sich unter anderem mit Themen wie «Blasphemie und säkulare Kritik» beschäftigt und ein Buch über Selbstmordattentäter veröffentlicht hat.
1932 lud der Poet Muhammad Iqbal, ein muslimischer Dichterphilosoph indischer Abstammung und heute als Nationaldichter und Vordenker Pakistans verehrt, den Konvertiten nach Indien ein. Dort erschien 1934 Asads Buch «Islam am Scheideweg». Anschliessend widmete Asad sich der Übersetzung von Zitaten des Propheten Mohammad. Kriegsbedingt konnte er dieses Mammut-Projekt nicht wie geplant vollenden: Ende der dreissiger Jahre wurde der jüdische Muslim für fünf Jahre interniert, zumal er 1938 mit dem «Anschluss» Österreichs automatisch deutscher Staatsbürger geworden war. Infolge der Unruhen in Indien 1947 floh Asad nach Pakistan, wurde Leiter der Nahost-Abteilung im Aussenministerium und 1953 zum Uno-Gesandten des Landes in New York berufen. Asad war der erste, der den jungen Staat – Pakistan entstand 1947 aus den mehrheitlich muslimischen Teilen Britisch-Indiens – bei den Vereinten Nationen vertrat. Der Heirat mit seiner dritten Frau, einer muslimischen Amerikanerin polnischer Herkunft, folgte wenig später sein Ausscheiden aus dem diplomatischen Dienst.
Leitfigur fortschrittlicher Muslime
Sodann, 1954, begann Asads Karriere als Bestsellerautor. Den Ausschlag dafür hatte seine vorangegangene Versetzung nach New York gegeben: Nach 25 Jahren erstmals ins Abendland zurückgekehrt und dann in so exponierter diplomatischer Stellung wuchs das Interesse am Werdegang des Muslim, der ein Jude war. Seine Lebensbeschreibung «Der Weg nach Mekka» öffnete Millionen Menschen eine Tür zum Islam. Und durch seine ausgedehnten Reisen des klassischen Arabisch ebenso mächtig wie vieler Dialekte der Beduinenstämme gab Asad in seinem umfangreichsten Werk, der 1980 publizierten englischen Fassung des Koran, neue Impulse für das interreligiöse Verständnis. Asad versah seine Übersetzung mit Kommentaren, um die islamische Schrift und Tradition so authentisch wie möglich wiederzugeben. Wiederum in viele weitere Sprachen übersetzt verhalf Asads Interpretation der islamischen Schrift zu neuer Geltung in der modernen Welt und war selbst in Saudi-Arabien populär.
Den Islam verstand Asad als Glaubens- und Moralsystem. Ihm schwebte die Errichtung einer politischen Gemeinschaft vor, in welcher die Menschen nicht etwa durch gemeinsame Abstammung aneinander gebunden sein würden, sondern durch ihre gemeinsame Weltanschauung. «Aber gerade weil die Ideologie des Islam so vollkommen und in sich geschlossen ist, können seine Anhänger durch blosses Festhalten am islamischen Glauben kein wahrhaft islamisches Leben führen. Sie müssen weit mehr tun als das.» Asad verlangte den mündigen Muslim, der sich traut, traditionelle Korandeutungen neu zu fassen. Eben weil der Koran nach seinem Verständnis eine ideale, egalitäre Gesellschaftsordnung begründe stiess Asad sich am gelebten Islam und trat für Neuerungen ein. Er erinnerte an die kulturellen und wissenschaftlichen Grosstaten der Muslime, etwa auf dem Gebiet der Astronomie, Mathematik, Medizin und Physik. Er betonte, dass der Islam dem Menschen nicht auferlege, um angeblicher Erlösung willen an schwer begreifliche Dogmen zu glauben und danach zu leben. Die Botschaft des Propheten verkünde keinerlei Dogma. Und so habe der Wissensdurst der früheren Muslime es auch nicht nötig gehabt, sich im erbitterten Kampf gegen andere Glaubensrichtungen durchzusetzen, verdankt er doch seine eigene Existenz auch ausschliesslich dem Glauben. Wissensdrang sei die heilige Pflicht eines jeden gläubigen Muslims, auch der Frau. Glaube wiederum sei ein Lebensziel, das immer wieder errungen werden müsse; wo solche Anstrengung unterbleibe, versiege die Kultur, drohten Trägheit, Geistesstarre und Niedergang.
Seine Erkenntnisse und Analysen verquickte der Islamgelehrte mit modernstem Denken der Wiener und Berliner Schule. Gefragt, wie er sich das «tiefverwurzelte abendländische Misstrauen und Vorurteil dem Islam gegenüber» erkläre, antwortete Asad, Zeitzeuge zweier Weltkriege, dieses wurzle «in Eindrücken, die während der Kreuzzüge lebendig wurden». Ob er behaupten wolle, Jahrtausende Zurückliegendes beeinflusse noch heute die Menschen? «Sie sind erstaunt?», gab Asad zurück – und verwies auf Freuds Psychoanalyse und deren Erkenntnis, dass ein Grossteil menschlichen Erlebens auf frühe und unbewusste Eindrücke des Individuums zurückgehe. Völker und Zivilisationen seien «im Grunde Sammel-Individuen», so Asad. Aus dem «traumatischen und im geschichtlichen Sinne höchst positiven Erlebnis der Kreuzzüge» entstand Europas Kultureinheit, aber die einstigen Kriege, das Blutvergiessen seien unbewusst präsent und rückten den Islam «in ein falsches Licht».
Der jüdische Muslim sah es als seine Bestimmung, den Islam dem Abendland verständlich zu machen. Als er 1992 im andalusischen Granada starb, galt er als der bedeutendste islamische Gelehrte der jüngeren Moderne. 2008 erinnerte ein österreichischer Film von Georg Misch an Asad, der heute, fast 20 Jahre nach seinem Tod, beinahe vergessen ist – und zum Nahostkonflikt wohl viel zu sagen hätte. ●
Katja Behling ist Journalistin und Publizistin und lebt in Hamburg.