Verkehrte Welt im Gerichtssaal
Deborah Lipstadt von der Emory Universität im amerikanischen Atlanta hat David Irving einen «gefährlichen Sprecher der Holocaust-Leugner» genannt. Irving (62) behauptet, das von Lipstadt 1994 veröffentlichte Buch habe seine Karriere unwiderruflich zerstört. Lipstadt und der Verlag Penguin Books, gegen den er ebenfalls Klage eingereicht hat, seien Teil einer «organisierten internationalen Bemühung», seinen Ruf als Historiker zu zerstören. Irving, der auf die Studien des 2. Weltkrieges spezialisiert ist, hat zwei Bücher veröffentlicht: «Hitler\'s War» und «Goebbels: The Mastermind of the Third Reich». Anlässlich der Prozesseröffnung vor dem Londoner Obergericht behauptete Irving, dank der Aktivitäten der Angeklagten sei seit 1996 «ein ängstlicher Verleger nach dem anderen» von ihm abgefallen, hätten sich geweigert, seine Bücher zu drucken oder neue Manuskripte zu akzeptieren. «Sie haben mir den Rücken zugekehrt, wann immer ich mich an sie wandte». Der Kläger, der sich selber vertritt, erklärte dem Richter, einst habe er im Jahr 100000 Pfund Sterling an Tantiemen verdient, doch das Vorgehen der Angeklagten hätte ihm «echten finanziellen Schaden» verursacht. Lipstadts Buch «Denying the Holocaust: The Growing Assault on Truth and Memory» beschuldige Irving nach seinen eigenen Aussagen der Leugnung des Holocausts, der Verzerrung von Dokumenten und Statistiken im Interesse seiner eigenen ideologischen Ziele, der Aufstellung unannehmbarer historischer Schlussfolgerungen und des vorsätzlichen Schulterschlusses mit Extremisten. Dazu meinte Irving vor Gericht: «Ich bin alles andere als ein Holocaust-Leugner. Meine einzige Absicht war, die Aufmerksamkeit auf wichtige Aspekte der Geschichte zu lenken und sie zu beschreiben. Selbstlos habe ich wichtige historische Forschungsarbeit geleistet. Kein geistig normaler Mensch kann die Tragödie leugnen, die tatsächlich stattgefunden hat, auch wenn wir dissidente Historiker noch so sehr über die Mittel, das Ausmass, die Daten und andere Details diskutieren mögen.» Richard Rampton, der Anwalt für Penguin und Lipstadt, wies diese Ausführungen zurück. Irving habe die Geschichte «verzerrt» und sei ein «Holocaust-Leugner», der die Existenz eines systematischen Plans der Nazis zur Vernichtung der Juden Europas ebenso bestreite wie die Tatsache, dass die Gaskammern zur Ausführung dieses Planes benutzt worden sind. Zudem seien seine extremistischen Ansichten eine bewusste Verzerrung der Geschichte. Der Prozess, der nicht vor Geschworenen stattfindet, dürfte 12 Wochen ohne Unterbruch dauern. Beide Seiten kamen überein, den Fall wegen der extrem vielen vorgelegten Dokumente von einem Richter behandeln zu lassen.
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