Verkannter Denker
Georg Simmel gehört unbestritten zu den Klassikern der Soziologie. Neben Max Weber und Émile Durkheim ist es auch ihm zu verdanken, dass sich die Soziologie im ausgehenden 19. Jahrhundert als anerkannte Wissenschaft etablieren konnte. Dennoch erlangten seine Schriften nie die Beachtung und Wertschätzung wie etwa jene von Weber und Durkheim. Selbst in der Soziologie gilt er oft auch heute noch als Geheimtipp. Dass er nie ein systematisches Hauptwerk verfasste, hat sicherlich zu dieser Situation beigetragen. Simmel schrieb essayistisch, die behandelten Themen werden scheinbar willkürlich aufgegriffen. Oft wirkt er wie ein Wanderer zwischen den Disziplinen. Ästhetische, ethische, psychologische, soziologische, metaphysische oder geschichtsphilosophische Untersuchungen folgen in bunter Reihe. Schriften zu Themen wie der Arme, der Fremde, die Koketterie, die Mode, die Liebe, Florenz, Rom, Michelangelo, Rembrandt, die soziale Differenzierung oder Geld machen eine allfällige Systematik seines Werks so schnell nicht erkennbar.
Philosophie des Geldes
Die 1900 erschienene «Philosophie des Geldes» ist wohl seine systematischste sozialwissenschaftlich orientierte Schrift. Im Zentrum der umfangreichen Untersuchung steht die Frage nach den Auswirkungen des Geldgebrauchs auf den Lebensstil und die sozialen Beziehungen der Menschen. Geld pervertiert nach Simmel die Mittel-Zweck-Beziehung, indem es in der Wahrnehmung der Menschen zum Selbstzweck avanciert. Der Geldgebrauch führt zu einem Siegeszug der Quantität über die Qualität. Seine Indifferenz macht es letztlich zum Universalnenner aller Werte, wodurch es den Dingen ihre Einzigartigkeit abspricht und sie vergleichbar macht. Die Geldwirtschaft ist ein Motor und zugleich auch ein Symbol für die Versachlichung des Lebens. Sie ist entscheidend für die Überwindung des Feudalismus und führt zur Befreiung des Individuums aus den beengenden Kreisen moralischer Verpflichtungen. Zugleich füllt das Geld jedoch eine Leere aus, die durch den Verlust persönlicher und religiöser Bindungen erst entstanden ist. Geld also als eine Art Ersatzgott, welcher der Sehnsucht nach Sinn doch niemals gerecht werden kann. Simmel beobachtet und analysiert scharfsinnig die Entwicklungen seiner Zeit. Einen Gegenentwurf zum Kapitalismus bietet er jedoch nicht. Gerade seine Distanziertheit und ideologische Standpunktlosigkeit macht «Phi-losophie des Geldes» noch heute sehr lesenswert und in Zeiten von Wirtschaftskrisen und Börsencrashs hoch relevant.
Das Allgemeine im Besonderen
«Man könnte aber auch von den gleichen Voraussetzungen zu einem entgegengesetzten Ergebnis kommen», pflegte Simmel im Kolleg zu sagen. Das erinnert stark an den talmudischen Pilpul. Ein roter Faden, der sich durch Simmels Soziologie zieht, ist ohnehin die mehrschichtige, sehr differenzierte Betrachtungsweise: Der Fremde ist nah und fern zugleich. Er steht nicht einfach ausserhalb, erst ein gewisser Grad der Zugehörigkeit schreibt ihm den sozialen Status des Fremdseins zu. Der Konflikt ist nicht nur ein trennender Vorgang, sondern genauso eine Form der Vergesellschaftung. Gerade in der Untersuchung scheinbar unbedeutender Details des sozialen Alltags kommt dies sehr deutlich zum Tragen. Simmel sucht hier im Besonderen das Allgemeine. Diese «mikroskopischen» Untersuchungen fanden dann auch den weitreichendsten Anklang. Mit seiner Analyse verschiedener Formen des Streits wurde er zum Begründer eines Stranges der modernen Konfliktsoziologie. Die heute gängigste Definition von «Exklusion», wie sie etwa Ueli Mäder oder Martin Kronauer vertreten, basiert im Kern auf Simmels Ausführungen zum «Fremden». Unzählige aktuelle Studien und Theorien bieten letztlich lediglich angepasste Versionen von Erkenntnissen, welche Simmel mehr als ein Jahrhundert zuvor bereits ausformuliert hatte. Simmel selbst betrachtete seine geistige Erbschaft wie Bargeld, «das an viele Erben verteilt wird, und jeder setzt seinen Teil in irgendeinen Erwerb um, der seiner Natur entspricht: dem die Provenienz aus jener Hinterlassenschaft nicht anzusehen ist».
Leben
Georg Simmel wurde am 1. März 1858 als jüngstes von sieben Kindern in Berlin geboren. Beide Elternteile waren jüdischer Herkunft, traten jedoch schon früh zum christlichen Glauben über. Simmel wurde protestantisch getauft. Im Sommersemester 1876 begann er mit dem Studium der Geschichte, der Völkerpsychologie und der Philosophie in Berlin. Er promovierte 1881 mit einer Arbeit über «Das Wesen der Materie nach Kants Physischer Monadologie», nachdem eine zuvor eingereichte Arbeit abgelehnt worden war. Mit einer Studie über Kants Raum-und-Zeit-Lehre bewarb er sich im Oktober 1883 um die Habilitation. Auch sie wurde zunächst abgelehnt und erst nach Protesten von Zeller und Dilthey gutgeheissen. Wie Simmels Familienchronik berichtet, endete der Habilitationsvortrag zum Thema «Die metaphysischen Grundlagen des Erkennens» in einem Streit zwischen Simmel und Theobald Ziegler, bei welchem es um den Sitz der Seele ging. Ziegler vertrat die Auffassung, die Seele sei ein punktförmiges Wesen und ihr Sitz sei in der Mitte des Gehirns, wogegen Simmel heftig protestierte. Die Heftigkeit der Reaktion Simmels habe die anderen Kollegen dazu veranlasst, sein aufbrausendes Verhalten gegenüber dem älteren Kollegen mit der Ablehnung des Vortrags zu sanktionieren. Auch hier wurde erst ein zweiter Vortrag angenommen. 1985 nahm Simmel die Lehrtätigkeit als Privatdozent an der Philosophischen Fakultät der Universität Berlin auf. Im Jahr 1890 heiratete er Gertrud Kinel, mit der er einen Sohn zeugte. Gertrud Simmel wurde unter dem Pseudonym Marie-Luise Enckendorff selbst als philosophische Schriftstellerin bekannt. Ungewöhnlich lange blieb Simmel Privatdozent. Trotz grosser Hörerzahlen und einer regen Publikationsliste wurde er erst 1901 zum Extraordinarius für Philosophie ernannt – ein unbesoldeter Posten. Bis zu einer ordentlichen Professur musste er weitere 14 Jahre warten. Bei verschiedenen Berufungen in Berlin wurde er übergangen. Zwei Berufungen nach Heidelberg scheiterten an der Badischen Kultusbürokratie. Erst im Alter von 56 Jahren wurde ihm durch einen Ruf nach Strassburg endlich die äussere Anerkennung zuteil, die er lange zuvor bereits verdient hätte. Als im Jahr 1908 seine Berufung nach Heidelberg fast schon feststand und alles, was Rang und Namen hatte – Weber, Windelband, Rickert oder Jellinek – sich für ihn einsetzte, genügte ein einziges Gutachten des Berliner Historikers Dietrich Schäfer, um dies zunichte zu machen. «Ob Prof. Simmel getauft ist oder nicht, weiss ich nicht, habe es auch nicht erfragen wollen. Er ist aber Israelit durch und durch, in seiner äusseren Erscheinung, in seinem Auftreten und seiner Geistesart», schrieb Schäfer. Zudem kritisierte er an Simmels Soziologie, dass sie «die Gesellschaft als massgebendes Organ für menschliches Zusammenleben an die Stelle von Staat und Kirche» setzen wolle – eine Feststellung, die heute einen Soziologen gerade auszeichnen würde. Simmel starb im Alter von 60 Jahren, am 28. September 1918, an Leberkrebs.