«Verhandelt wird erst, wenn die Waffen schweigen»

von Gisela Blau, October 9, 2008
Der grosse Saal der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich (ICZ) war am Dienstagabend gut besetzt. Sogar Pensionäre des Alterswohnheims Sikna waren mit Direktor Kaufmann und Jolanda Emch gekommen, um die Meinungen der zweibekannten Israel-Korresspondenten Jacques Ungar (JR undRadio DRS) sowie George Szpiro (NZZ und JR) zu hören. Das Thema des von der scheidenden ICZ-Kulturchefin Gabrielle Rosenstein organisierten Abends lautete: «Wie weiter in Nahost?» Die Fragen aus dem Publikum moderierte zum Schluss der Journalist Sacha Wigdorovits.

Die Palästinenser hätten den israelischen Rückzug aus dem Libanon als Lehrstück betrachtet, und ihr Präsident Yassir Arafat habe beim Treffen von Camp David keine Vollmacht für Kompromisse besessen. Ausserdem schiesse er gerne aus der Hüfte und habe sich die Gewalt immer als Hintertür offengelassen, weil er lieber kämpfend untergehe, als Kompromisse zu schliessen. So skizzierte George Szpiro einige Hintergründe der gegenwärtigen Gewalttätigkeiten im Nahen Osten. Die palästinensischen Kinder würden von der bewaffneten Fatah-Jugendorganisation Tanzim instrumentalisiert und an die Front geschickt, wobei bei den Israelis schon 1948 Jugendliche gekämpft hätten und auch die Kibbuz-Jugend Gadna das Schiessen lerne.
Jacques Ungar berichtete von üblen, rassistischen Witzen, die seine Kinder täglich aus der Schule heimbrächten. Sie hätten sich in ihrer renommierten religiösen Schule Unwillen zugezogen, weil sie keine Flugblätter verteilen mögen. Die elterliche Bitte an die Lehrer, die Politik nicht ins Schulzimmer zu tragen, ernte nur Kopfschütteln. Die unabsehbaren Langzeitfolgen der vielen Fronten sieht Ungar im Dialog mit den Kindern. Es sei gegenwärtig schwer für sie zu begreifen, dass nicht jeder Palästinenser ein Terrorist sein kann, weil sie ihres Vaters langjährigen Tankwart in Ostjerusalem und den palästinensischen Ausläufer des Supermarkts gut kennen. Aber es sei eine Tatsache, dass er selber weder seine Freunde in Ramallah oder den besten Hummus-Laden in Hebron nicht mehr aufsuchen könne. Noch überspitzter ein Erlebnis von George Szpiro, als Freunde seiner Tochter nicht zu deren 18.Geburtstag aus Petach Tikwa anreisen mochten, weil sie Jerusalem für gefährlich betrachten. Ungar hält dagegen, dass es immer noch sicherer sei nachts in der Jerusalemer Jaffa-Strasse zu spazieren, als tagsüber durch den New Yorker Central Park zu wandern. Dennoch seien sonst chronisch überfüllte Parkplätze und Restaurants halb-leer, müssten Hotels schliessen und Mitarbeiter entlassen, und dem Tourismus drohe ein Milliardenverlust. Ungar beklagte die schlechte oder nicht existierende Eigenpropaganda der israelischen Diplomaten gegenüber den Auslandkorrespondenten wie gegenüber der Welt. Der Ruhm der vergangenen Jahre sei schliesslich längst verblichen.Und Szpiro beklagte, dass internationale Beobachter immer erst dann reagierten, wenn Israel nach einem palästinensischen Angriff zurückschlage. Er sieht als Ausweg am ehesten eine wirklich internationale Konferenz, die beiden Seiten eine Lösung diktiere, denn die Amerikaner hätten bei den Palästinensern ausgespielt. Eine hermetische Abriegelung hält er für eine Kurzschlusslösung. Für die israelische Linke, so Ungar, sei eine Welt zusammengebrochen; sie befände sich mitten in einem Richtungswechsel. Und die Rechten, so Szpiro, könnten jetzt sagen, sie hätten es schon immer gewusst.
Beide Korrespondenten betrachten die Siedlungen in den besetzten Gebieten, die unter Barak als Morgengabe an den Eintritt der Nationalreligiösen Partei in die Koalition so stark ausgebaut wurden wie nie zuvor, als ein riesiges Problem. Sie seien keine sicherheitspolitische Notwendigkeit, sondern binden gewaltige Armee-Kräfte, die an Anzahl die zu beschützenden Siedler weit übertreffen. Ungar erwog einen Tausch: die arabischen Israeli, die es wünschen, übersiedeln ins Westjordanland, und die dortigen Siedler nach Galiläa. Für Szpiro wäre im Moment eine Räumung der Siedlungen allerdings nicht opportun, weil sie eine Belohnung für Gewalt darstellen könnte. Die Palästinenser mit israelischem Pass seien ihren jüdischen Mitbürgern keineswegs gleichgestellt, sagte Ungar, und es gehe ihnen auch weit weniger gut, wenn auch immer noch besser als ihren Verwandten jenseits der grünen Linie. Die grosse Summe, welche die Regierung kürzlich für die arabischen Bürger gesprochen habe, wäre ohne Aufstand wohl kaum je bewilligt worden.
Jacques Ungar befürchtet eine Eskalation der Gewalt, die schon lange keine Intifada mehr sei, und ihr langes Andauern; Szpiro tönte etwas optimistischer. Beide sehen einen Ausweg nur im Frieden. Aber in einem Punkt waren sie sich einig: Verhandelt wird erst wieder, wenn die Waffen schweigen.