Vergessene Flipperkästen und stumme Kellner
Cafés in Paris – in meiner Kindheit bedeutete das: Flipperautomaten! Wir fuhren mit dem Zug von Wien in die schönste Stadt der Welt. Ein Mal jährlich wiederholte sich der gleiche Vorgang – Aufwachen im Schlafwagen, der Orient-Express hatte schon die grauen Ränder der Banlieue erreicht, Ankunft am Gare de l’Est. Frühstück in einem Café schräg vis-à-vis des Bahnhofs, am Boulevard Magenta. Frühstück? Ich stürzte mich zur Verzweiflung meiner Eltern auf den Flipperapparat «Dancing Lady» der Firma Gottlieb. Und spielte, spielte, bis man mich zwang, endlich mein frisches Croissant mit Kaka o zu verzehren. Ich ahmte die Pariser nach, sah hier und nur hier, dass man Butterbrote, Croissants und Kuchen tief in heisse Getränke tauchte, bevor man sie ass. Wäre ich für die Tagesabläufe in Paris allein zuständig gewesen, ich hätte sie vor den grellbunten Maschinen verbracht. Die Stadt war damals ein Flipper-Paradies. Beinahe jedes Café – und damals war die Zahl der Pariser Cafés noch um einiges grösser als heute – hatte einen dieser klingenden, knatternden Apparate aufgestellt. Die sehr wenigen Ausnahmen betrat ich nicht, brach in Schimpfmonologe aus, wenn man es wagte, mir eine Ruhepause in einem Café ohne Flipper vorzuschlagen. «Die Mammi und ich gehen zu einem Spielautomaten auf dem Schoss-Elise», lese ich in einem Tagebuch-Eintrag aus dem Jahr 1963, ich war damals zehn, «der Apparat ist sehr gefährlich, weil neben den Flippers sind zwei Löcher wo die Kugeln immer hineinfallen. Ich werfe nur einmal ein und kriege drei Freispiele!»
Über 45 Jahre sind seither vergangen – und in keinem einzigen der rund 10 000 Pariser Cafés (in keiner Metropole der Welt gibt es mehr Kaffeehäuser als hier) steht noch ein Flipperautomat. Als ich Ende der achtziger Jahre nach Paris übersiedelte, gab es hier und da, versteckt in einer Ecke, einen Apparat, von kettenrauchenden Männern im besten Alter gebeutelt und geschüttelt, bis das Tilt-Zeichen aufleuchtete. Seit vier oder fünf Jahren aber sind sie alle verschwunden, die Maschinen der Firmen Williams, Gottlieb und Bally.
Gewandelt hat sich allerdings auch meine Motivation, ein Café aufzusuchen. Kein Tag vergeht ohne mindestens einen Kaffeehausbesuch: um mich in aller Eile zu stärken, um mir Notizen für ein neues Vorhaben zu machen (ich zähle allerdings nicht zu jenen Autoren, die im Kaffeehaus dichten können oder wollen), um Freunde zu treffen, um zu flirten, um fremde Menschen zu beobachten. Für jeden Anlass gibt es eigene Etablissements. Gemütliche Cafés ohne Tresen und mit breiten Terrassen, oder schäbige kleine Stehcafés, in denen man gar nicht auf die Idee käme, sich niederzusetzen, wo man nur gegen den breiten Zinc lehnt, wie die Ausschankfläche hier heisst. Auf den Terrassen sitzen seit dem allgemeinen Rauchverbot die Nikotinsüchtigen, wird man von Tabakschwaden behelligt, ich meide sie in der Regel. Eine Ausnahme: das grosse, moderne Café Beaubourg, unmittelbar neben dem Centre Pompidou – hier zu sitzen und den Passanten, Gauklern, Touristen auf der Place Georges Pompidou zuzusehen, erinnert an Peter Handkes stummes Stück «Die Stunde, da wir nichts voneinander wussten». Menschen gehen aneinander vorbei, begegnen sich, lösen sich wieder voneinander. Wer auf dieser Terrasse sitzt, schärft den Blick für das Unbewusste, das gemeinhin Verborgene.
Warten auf Samuel Beckett
Stammcafé des Schriftstellers und Dokumentarfilmers Georg Stefan Troller ist das Flore, in unmittelbarer Nachbarschaft der Kirche Saint-Germain-des-Prés. Einmal in der Woche hält er hier Hof, ab zwölf Uhr mittags, im ersten Stock, ganz hinten. 1921 in Wien geboren, lebt er seit 55 Jahren in Paris. «Ich liebe das Flore – es ist im Grunde das letzte Literatencafé», sagt Troller, nachdem er seine Omelette nature bestellt hat, «jeden Herbst wird hier der Prix du Flore vergeben, ein Literaturpreis, der immerhin mit über 6000 Euro dotiert ist » Wir sind uns einig: In das berühmte Café Les Deux Magots, gleich nebenan, geht man nicht: «Das ist viel zu touristisch geworden!», schimpft Troller. Der Nimbus des Flore hat nicht zuletzt mit Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir zu tun, die jeden Abend hier zu Gast waren, über Jahrzehnte hinweg. «Sie sassen immer unten», wie mein Freund zu berichten weiss, «da stand der Ofen, oben gab’s früher keine Heizung.» Mir fällt auf, dass keiner der Kellner uns besonders freundlich oder gar zuvorkommend bedient. Troller bestätigt meinen Eindruck: «Seit 30 Jahren komme ich regelmässig hierher. Und manche der Ober sind auch schon so lange da. Sie bleiben ausnahmslos distanziert, grüssen zwar, aber das ist auch schon alles.»
Die Begrüssung mit Händedruck durch einen Kellner oder Cafétier gleicht wahrlich einem Ritterschlag. Wem solche Auszeichnung widerfährt, zählt zu den Auserwählten dieser Stadt. Nur in einem der vielen Cafés, die ich regelmässig aufsuche, reicht mir ein junger Mann die Hand, und auch das erst seit kurzer Zeit – Said stammt aus Marokko. Wer kein Einheimischer oder wenigstens gebürtiger Franzose ist, muss in der Regel Jahre warten, bevor ein Wunder dieser Art geschieht. Die österreichisch-amerikanische Fotografin und Filmproduzentin Lillian Birnbaum zählt zu den Ausnahmen: Sowohl Monsieur Toni, der gnomenhafte Kellner im Aux Cadrans, gegenüber dem Gare de Lyon, der sieben Tage in der Woche zur Arbeit hinter dem Zinc erscheint, als auch Monsieur Étienne im schönen Café de la Mairie an der Place Saint-Sulpice reichen ihr sofort die Hand, sobald sie auftaucht und ihren Café bestellt. Das mag aber nicht zuletzt daran liegen, dass Lil-
lian, meine Frau, auffallend attraktiv ist. (Das Café de la Mairie zählte übrigens zu den Lieblingsadressen der amerikanischen Dichterin Djuna Barnes, sie verewigte es in ihrem höchst unkonventionellen, 1936 erschienenen Roman «Nightwood».)
«Das Flore ist heute der wichtigste Treffpunkt der Intellektuellen dieser Stadt», fährt Troller fort, «die Schriftsteller Philippe Sollers, Jorge Semprun, Marc Halter oder der Philosoph Bernard-Henri Lévy sind Stammgäste.» Geht man in den ersten Stock, trifft man nicht selten Filmschauspieler aus ganz Europa bei einem Glas Wein, einer Tasse Kaffee oder der köstlichsten heissen Schokolade an: Catherine Deneuve, Yvan Attal, Charlotte Gainsbourg sind sogenannte «habitués» des Flore. «Als ich in Paris ankam», erinnert sich Troller, «versuchte ich mit meiner Wahl der Kaffeehäuser bestimmte Vorbilder nachzuahmen. Damals gab es noch das Café Le Dupont, am Boulevard Saint-Michel, das Verlaine einst frequentiert hat. In der Bar Vert, die es auch längst nicht mehr gibt, verkehrten Jacques Prévert und Juliette Gréco. Oder ich ging in die Coupole am Boulevard Montparnasse, setzte mich auf die Terrasse, in der Hoffnung, Samuel Beckett zu sehen, der dort öfters auftauchte.»
Anonym, wenn man es wünscht
Eines meiner Lieblingscafés liegt unmittelbar vis-à-vis der Coupole und des geschichtsträchtigen Dôme: das elegante, 1925 eröffnete Le Select. In den zwanziger Jahren war es Stammplatz von Picasso, Matisse, Léger, Cocteau, aber auch von F. Scott Fitzgerald, Ernest Hemingway und dem berühmten Aktmodell Kiki de Montparnasse. James Joyce sass lieber in der nahe gelegenen Brasserie Closerie des Lilas, die auch Hemingway frequentierte – er hat sie in seinem bukolischen Pariser Journal «A Moveable Feast» («Ein Fest fürs Leben») wunderbar beschrieben. Das Select sieht heute noch genauso aus wie vor 80 Jahren. Hier treffe ich mich regelmässig mit Peter Handke, bevor wir in der nahe gelegenen Brasserie La Rotonde zu Abend essen – auch er schätzt das Select ganz besonders. Man kennt ihn hier seit vielen Jahren, die Begrüssung bleibt dennoch auffallend verhalten. Das stört Handke nicht, im Gegenteil, das Schöne an Paris, sagt er, sei nicht zuletzt, hier anonym bleiben zu können, falls man es wünsche. Ein schwerer, alter Kater liegt neben dem Tresen, tagaus, tagein, er streckt sich, gähnt. Er sieht uns aus trüben Augen an. Auch er grüsst nicht. «Ich finde, die Kaffeehauskultur als solche ist vorbei», meint der aus Brüssel gebürtige, in Wien aufgewachsene Maler, Bildhauer und Experimentalfilmer Pierre Weiss. Seit über 30 Jahren ist er in Paris zuhause. Wir sitzen in einem Café im zwölften Arrondissement, das Le Penty ist auf maghrebinischen Minztee spezialisiert. «Nicht nur hier, in Wien ist es ja ähnlich: Man kann nicht mehr sicher sein, an einem bestimmten Ort die besten Freunde oder auch nur gute Bekannte anzutreffen. Niemand hat mehr Zeit, ein richtiges Verhältnis zu einem Stammcafé aufrecht- zuerhalten. Allerdings muss ich zugeben: Ich selbst hasse jede Form von Gewohnheit. Kaum fühle ich mich an einem Ort pudelwohl, muss ich ihn verlassen.» «Dich liesse also der Handschlag eines Kellners gleichgültig?» «Mehr als gleichgültig», lässt Pierre mich wissen. «Im Gegenteil: Wenn so etwas geschieht, suche ich gleich das Weite, kehre nicht mehr zurück.»Weit oben auf meiner Liste Pariser Cafés steht das womöglich traurigste und kleinste von allen, die ich kenne: Le Charolais, von den Verkäufern des Marché d’Aligre bevorzugt. Sonderbarerweise empfinde ich die hässliche Altmodischkeit gerade dieser Kaffeestube als besonders inspirierend. Vor dem Eingang steht eine schäbige, dicke Kochpuppe aus Pappmaché. Im immer-finsteren Inneren herrscht ab zwölf Uhr Mittag die betörende, sommersprossenübersäte Besitzerin Delphine. Sie hat mich noch nie eines Blickes gewürdigt. Ihren Vater sehe ich jeden Sonntagmorgen, sehr früh, bevor ich am Markt einkaufen gehe. Er dreht mir meist den Rücken zu. «Un double s’il vous plaît et une tartine», bitte ich ihn jedes Mal. Er lässt sich nicht anmerken, mich je zuvor gesehen zu haben. Erst als ich ihm die Frage stelle, ob in seinem Etablissement je ein Flippergerät gestanden habe, dreht er sich zu mir um, seine Augen leuchten: «Leben Sie denn schon so lange in Paris», fragt er, «dass Sie sich an Flippermaschinen in den Cafés erinnern?»
Peter Stephan Jungk ist Schriftsteller in Paris.