Vergangenheitspolitik am Ground Zero
So irrational und grausam sie gewesen sind, so waren die Anschläge vom 11. September 2001 doch weltanschaulich motivierte Taten, die sich ebenso in eine Geschichte der amerikanischen Nahostpolitik wie in die des politischen Islam einordnen lassen. Ohne Kenntnis der Vorgeschichte von «9/11» sind auch die Reaktionen der Bush-Regierung darauf kaum verständlich. Die Anschläge haben in Amerikas schockierter Öffentlichkeit zunächst eine spontane Diskussion über die Frage «Why do they hate us?» ausgelöst: «Warum hassen uns Araber und Muslime so, dass sie ein derartiges Verbrechen begehen?» George W. Bush und sein Kriegskabinett konzentrierten sich dagegen ganz auf ihren massiven Gegenschlag und fabrizierten dafür mit Saddam Hussein eine Zielscheibe, die mit «9/11» nicht im Geringsten zu tun hatte.
Darüber ist schon Monate vor der Irakinvasion eine politische Diskussion entbrannt, die unter anderem den Weg von Barack Obama ins Weisse Haus geebnet hat – der obskure Staatssenator in Illinois hatte sich im Oktober 2002 gegen den Krieg ausgesprochen und damit im Wahlkampf 2007/08 die wesentlich erfahrenere Hillary Clinton ausgestochen. Erinnerungsstätten für den amerikanischen Bürgerkrieg – etwa die in Charleston, South Carolina, wo der blutigste Konflikt der amerikanischen Geschichte begann – oder den Zweiten Weltkrieg blenden die politische Dimension dieser Geschehnisse dagegen nicht aus.
Obendrein ist 2008 auf republikanischer Seite der ehemalige New Yorker Bürgermeister Rudolph Guiliani gescheitert, da er im Vorwahlkampf ausser seiner Entscheidungsstärke an «9/11» kaum Motive für eine Präsidentschaftsbewerbung vorgebracht hat. Vermutlich hat «9/11» als Argument angesichts der für Amerika selbst verheerenden Kriege in Afghanistan und Irak schon damals politisch sogar bei Konservativen an Zugkraft verloren.
Vor diesem Hintergrund wird die Frage spannend, wie das zum zehnten Jahrestag der Anschläge am Ground Zero eröffnete Memorial mit diesen einzigartigen, politischen Gewalttaten umgeht. Gestaltet von Michael Arad und Peter Walker ist das Memorial von Sumpfeichen umgeben, die es in einen von der Betriebsamkeit des neuen Geschäftszentrums an Ground Zero abgeschiedenen Hain verwandeln sollen. Die Gedenkstätte geht zudem gezielt auf Distanz zu den politischen Dimensionen von «9/11» – vermutlich gerade weil die politischen Entscheidungen Amerikas nach diesen Tag im Gegensatz etwa zu der Reaktion auf das japanische Bombardement von Pearl Harbor im Dezember 1941 so umstritten sind.
Der heute 42-jährige Arad hat die Anschläge unmittelbar miterlebt und stand 2001 nach einem Architekturstudium in den USA ganz am Anfang seiner Karriere. Bei dem international ausgeschriebenen Wettbewerb für eine Gedenkstätte am Ground Zero erhielt der Sohn eines israelischen Diplomaten dann unter 5200 Mitbewerbern für ein ebenso schlichtes wie monumentales Konzept mit dem Titel «Reflecting Absence» den Zuschlag. Dieses hat etliche Veränderungen erlebt. Aber die heutige Form ähnelt Arads Idee weitgehend: Quadratische Becken sollen in den Fundamentgruben der World-Trade-Center-Türme deren Abwesenheit reflektieren. An den zehn Meter hohen Granitwänden der Becken hinabstürzende Vorhänge aus Wasser verewigen deren Kollaps, der fast 3000 Menschen in den Tod gerissen hat. Das Wasser verschwindet in viereckigen Einlassungen im Zentrum der Becken. Die in Folge langer Streitigkeiten schliesslich nach verschiedenen Kategorien sortierten Opfernamen stehen auf einer Umrandung der Becken.
Dies war jedoch nur einer der um die Gestaltung der Gedenkstätte entbrannten Konflikte zwischen verschiedenen Interessen, etwa dem Immobilienunternehmer Larry Silverstein, Angehörigenverbänden und der Polizei und den Feuerwehren von New York. Dennoch versteht sich die Gedenkstätte nun als ein Ort, an dem Betroffene, Einheimische und Menschen aus aller Welt das Gefühl der Verbundenheit erfahren können sollen, dass die Amerikaner in den Monaten nach «9/11» ja tatsächlich empfanden. Die Anschläge werden damit jedoch aus dem Gang der Geschichte ausgegliedert. So soll das Museum zwar knapp über den Hintergrund von Al Kaida Auskunft geben. Aber eine Diskussion um die Nahostpolitik Washingtons wird es am Ground Zero ebenso wenig geben wie eine Betrachtung des von der Bush-Regierung als Antwort auf die Anschläge lancierten «Kriegs gegen den Terror».
Doch indem das Memorial und das zugehörige Museum – es soll erst in einem Jahr eröffnet werden – die politische und historische Dimension von «9/11» ausblenden, versetzen sie den Schrecken und den Heroismus jenes Tages in einen künstlichen Zustand der Reinheit und Unberührtheit. Damit wird der Besucher zwar womöglich in die Lage versetzt, tiefe Anteilnahme mit Opfern und Helfern zu verspüren. Aber das Memorial gaukelt der Nation auch vor, dass ihr ein quasi natürlicher Zustand der Unschuld eigen ist, der jede Handlung von vornherein legitimiert. Damit könnte die Gedenkstätte den Weg zu politischen Einsichten verbauen, der von menschlicher Anteilnahme eröffnet wird.
Andreas Mink ist Redaktor bei der JM Jüdische Medien AG und lebt in den USA.