Verantwortung übernehmen!
Israels Innenminister Eli Yishai (Shas) gehört zu den kämpferischsten Mitgliedern des Kabinetts Netanyahu. Er weiss, wie er kämpfen muss für Anliegen, die ihm wichtig sind: ein die Charedim begünstigendes Gesetz nach dem anderen, noch mehr religiöser Zwang, noch mehr Gelder für Jeschiwa-Studenten, noch striktere Anwendung der Konversionsgesetze und möglichst wenig Aufhebens um Frauen, die sich um den Militärdienst drücken. Wenn es um die Themen geht, beendet er seinen Arbeitstag stets mit den Händen voller Beute, und er lässt keinen Zweifel daran aufkommen, dass sich besser niemand mit ihm anlegen soll.
Als es darum ging, Kinder von ausländischen Arbeitern abzuschieben, scheute Eli Yishai keine Mühe, um die Barrikaden zu besteigen. Als es darum ging, unter Missachtung von Beschlüssen des Obersten Gerichtshofs 110 Millionen Schekel für Jeschiwa-Schüler zu erpressen, investierte er viele Stunden in fieberhafte Diskussionen in Hinterzimmern. Wenn es andererseits um Angelegenheiten geht, die das Blut nicht durch die Adern rauschen lassen, beschränkt sich der Minister auf Warnungen, schreibt Briefe und bewahrt diese Dokumente für einen späteren Zeitpunkt auf.
Als die Bedürfnisse der israelischen Feuerwehr- und Rettungsdienste Gegenstand der Diskussion in der Knesset waren, dachte Yishai nicht daran, eine Regierungskrise von Zaun zu brechen. Weder verbreitete er Warnungen noch eilte er zu zu Rabbi Ovadia Yosef, um ihn zu drängen, ein halachisches Gesetz zu erlassen.
Am Wochenende überschwemmte Eli Yishais Sprecher die israelischen Medien mit beeindruckenden Warnbriefen, die der Minister im Verlaufe des letzten Jahres formuliert hatte. Das Büro des Premierministers reagierte mit eigenen Briefen. Archivbeamte in Regierungsbüros waren in den bisher 18 Monaten des zweiten Kabinetts Netanyahu extrem beschäftigt, doch ausser dem Entwerfen und Ablegen von Briefen geschah sehr wenig. Die Briefe werden seine Situation noch komplizierter machen, wenn er mit einer staatlichen Untersuchungskommission konfrontiert sein wird, an deren Bildung niemand zweifelt. Netanyahu selber ist zwar nicht schuldig, doch er trägt die Verantwortung.
Das ganze Syndrom amateurhaften Vorgehens, krimineller Fahrlässigkeit und die Haltung «Habt Vertrauen in mich!» oder jener von «Es wird schon in Ordnung kommen!», die sich in Dutzenden von Jahren entwickelt hat, scheint sich in dieser einen Katastrophe zu konzentrieren. Seit drei Jahren dürfen die Bürger des Staates Israel eine Ton- und Lichtschau mitverfolgen, eine Art Reality-Programm, dessen Star Binyamin Netanyahu ist. Man kann sich kaum einen anderen Fall in Israel vorstellen, in dem die Helikopterflüge eines Premierministers oder seine Konversationen mit seinem Militärsekretär in Live-Sendungen in jede gute Stube im Staat gelangten.
Zu Netanyahus Gunsten muss gesagt werden, dass er die Schwere der Situation gleich von Anfang an erfasst hat, im Gegensatz etwa zu US-Präsident George W. Bush während des Wütens des Hurrikans «Katrina». Schon in den ersten Stunden der Brandkatastrophe am Donnerstagnachmittag sprach Netanyahu von einer «nationalen» und einer «internationalen Krise». Er begab sich ins Zentrum des Geschehens und war sich nicht zu schade, politische Führer in aller Welt um Hilfe anzugehen.
Die Mobilisierung internationaler Hilfe für Israel bewies Netanyahu, dass sein Slogan «Die Welt ist gegen uns» nicht unbedingt richtig ist. Wenn Israel in eine humanitäre Krise solchen Ausmasses gerät, bieten sogar sonst feindlich eingestellte Nationen Hilfe. Und obwohl es schwer war, Präsident Obama ein einziges schmeichelhaftes Wort über Israel zu entringen, gewährte auch er Israel in dieser Situation seine Unterstützung.
Vielleicht bietet sich Netanyahu nun die Chance, die Gunst der Stunde zu nutzen, die Krise rund um die Verlängerung des Siedlungsstopps zu beenden und den Friedensprozess wiederzubeleben.
Jossi Verter ist Journalist bei «Haaretz».