Veränderte Werte
Zwar gibt es andere Erklärungen, historische Berichte und Geschichten über die Wunder von Chanukka, doch – und das geht klar aus den speziellen Gebeten für Chanukka hervor, die von altersher in der jüdischen Liturgie integriert sind – diese Siege sind der Hauptgrund für den Festtag.
Die Siege als solche sind nicht das herausragende Merkmal von Chanukka. Eher ist es die Art der Kriege, welche den Feiertag so einzigartig gemacht hat. Bis zu den Hasmonäern waren alle Kriege eine ausgesprochen simple Angelegenheit: Die Menschen zogen wegen echten oder imaginären Bedrohungen in den Krieg, aus Gier nach den Besitztümern anderer, oder wegen dem persönlichen beziehungsweise dem nationalen Wunsch nach Ruhm. Dieser Aspekt des Krieges hat sich nicht wesentlich verändert: Die meisten Kriege, seien sie offensiver oder defensiver Natur, brechen bis heute wegen diesen politischen und ökonomischen Faktoren aus.
Die Hasmonäer-Kriege waren die ersten ideologischen Kriege der Geschichte. Sie wurden ausgetragen, weil das jüdische Volk die fremde Ideologie zurückwies und gewillt war, viele bittere Kriege auszufechten, um seine ideologische Unabhängigkeit zu bewahren. Natürlich spielten auch hier nationale und wirtschaftliche Elemente eine Rolle, doch sie waren im Verhältnis zu den zentralen Motiven, welche diese Revolte geschaffen und die Kriege am Leben erhalten hatten, sekundär. Die Tatsache aber, dass das Gefühl eines Volkes seiner Religion gegenüber nicht nur eine rein sentimentale Sache ist, sondern dass vielmehr Religion und Lebensstil wichtig genug sind, um für sie zu kämpfen und zu sterben – das war bis dahin etwas völlig Unbekanntes.
Für den Glauben sterben
Bei einer etwas tieferen Betrachtungsweise besteht die Wichtigkeit der Hasmonäer-Kriege allerdings nicht nur in der Tatsache, dass sie einen neuen «Grund» für die Kämpfe einführten. Vielmehr geht es darum, dass sie eine grundlegende Veränderung in der Perspektive der Menschen lancierten. Von da an waren Religion und Glaube nämlich nicht mehr nur ausschliesslich eine Angelegenheit von Gewohnheit und Konvention, sondern wurden zu essenziellen Komponenten des Lebens. Diese Kriege waren ein Symptom für eine tiefer gehende Veränderung – im Verständnis nämlich für das, was wichtig ist, und was nicht. Wenn Menschen nun in den Krieg ziehen, um ihren Glauben zu schützen oder zu verbreiten, heisst das, dass der Glaube zu einer zentralen Triebkraft im Leben der Menschen geworden ist. Wenn Menschen bereit sind, für ihren Glauben zu sterben, heisst das, dass ihre Bereitschaft, für ihn zu leben, noch grösser ist.
Das alles erscheint auf den ersten Blick wie eine Sache der Vergangenheit, doch die Botschaft von Chanukka ist heute genauso gültig. In vielen Teilen der Welt sind die Menschen durch Krieg zu den elementarsten körperlichen Bedürfnissen zurückgelangt. In unserer Zeit scheinen wir von Ängsten vor einer erschütterten Welt und einer unsicheren Zukunft dominiert zu werden. Da ist es wichtig, den fundamentalen Strömungen der Gesellschaft viele Gedanken zu widmen. Ein Tsunami oder der Ausbruch eines Vulkans verursachen Veränderungen in der Umwelt. Nach einer Überschwemmung ist die Veränderung noch viel tiefgreifender. Nun ist es an der Zeit, die Werte neu zu überdenken und neu zu ordnen, die unsere Gesellschaft steuern.
Zeiten wie die unsrigen schaffen wenigstens die Möglichkeit der Suche nach neuen Paradigmen für die Gesellschaft. Der leichte Weg, den die mächtigen Elemente unserer Zeit verfolgen und predigen, besteht darin, an der alten Ordnung festzuhalten und je nach Bedarf unwesentliche Korrekturen anzubringen: Bedrängte Grossbanken und Multikonzerne erhalten Geldmittel, und sogar einigen der Unglücklichen, die von der Flut erfasst worden sind, wird Hilfe gewährt. Solche Veränderungen und Korrekturen mögen die Ordnung für eine Weile aufrechterhalten, doch wir stehen hier vor einem alles umfassenden Erdbeben. Wer die Spalten an einer Wand mit Mörtel bestreicht, dem kann es gelingen, den Einsturz des Hauses für eine Weile aufzuhalten, doch eine gründliche Reparatur erfordert das Eindringen unter die Oberfläche und die erneute Untersuchung der Fundamente.
Revision der Werte
In der Vergangenheit wie heute dominierte beziehungsweise dominiert die Einstellung, dass effektiv nur zwei Dinge von Belang sind: Geld und der individuelle Fortschritt. Offensichtlich haben sich in diesen beiden Elementen heute so viele Brüche und Spalten entwickelt, dass es mit einem einfachen Übertünchen alleine nicht getan ist. Die Zeit für uns ist daher reif, in ganz anderen Dimensionen zu denken. Begriffe von gut und böse sollten jene von legal und illegal ersetzen, nicht nur aus moralischer, sondern auch aus praktischer Sicht. Das allgemeine Wohlbefinden und der Wiederaufbau von Begriffen wie Familie und Gemeinde sollten den übermächtigen Wunsch nach individuellem Erfolg beiseite drängen.
Diese Revision sollte auch der «vertikalen» Beziehung wieder viel mehr Platz einräumen, also der Beziehung zwischen dem Menschen und dem Himmel. Dies würde auf Kosten der «horizontalen» Beziehungen gehen, welche das Leben vieler Individuen über lange Zeit hinweg bestimmt haben. Diese Ideen sind nicht gänzlich neu. Man kann sagen, dass die Hasmonäer-Kriege gewissermassen das Todessignal für die heidnische Gesellschaft bedeuteten, die seither durch andere Arten der Ideologie ersetzt worden ist. Die Ereignisse unserer Zeit könnten auch mithelfen, die neu-heidnische Gesellschaft westlichen Stils zu zerstören, und der Gesellschaft die Werte von «richtig und falsch» einzuimpfen anstelle von Durchführbarkeit und praktischer Möglichkeit. Heute ist es vielleicht an der Zeit, so wie es anlässlich von Chanukka der Fall war, eine neue Art von Kerze zu entzünden.