«Vater, Mutter und Kindermädchen»

Von Valerie Doepgen, December 8, 2008
In den Jahren 1933 bis 1945 flüchteten etwa 135 000 deutsche und österreichische Juden in die Vereinigten Staaten. Die damalige Immigrantenzeitung aufbau spielte im Leben der Flüchtlinge eine zentrale Rolle und unterstützte sie in beachtlicher Weise bei ihrer Akkulturation und der Amerikanisierung in ihrer neuen Heimat. Ein historischer Rückblick.
ALBERT EINSTEIN Der Nobelpreisträger, hier im Kreise jüdischer Flüchtlingskinder in New York 1949, war einer der Autoren des aufbau

Nach der Ankunft glaubte nur eine Minderheit der deutschen und österreichischen Flüchtlinge, die zwischen 1933 und 1945 in die USA kamen, an eine baldige Rückkehr in ihre Heimat. Den Menschen war klar, dass die Flucht für sie Emigration und nicht Exil bedeuten würde. Daher versuchten sich die deutsch-jüdischen Flüchtlinge schnellstmöglich in die amerikanische Gesellschaft und in das amerikanische Wirtschaftsleben zu integrieren, was ihnen mit mehr Erfolg als irgendeiner anderen Gruppe von Einwanderern in den USA gelungen ist. Der aufbau unterstützte diesen Prozess in bemerkenswerter Weise: Im Dezember 1934 als kleines Vereinsblatt des German-Jewish Club ins Leben gerufen, stieg die Bedeutung des aufbau bereits kurz nach seiner Gründung mit der wachsenden Zahl der Einwanderer an – der aufbau sollte schon bald das wichtigste Presseorgan der deutsch-jüdischen Flüchtlinge in New York werden, und in den Zeilen der Zeitung spiegelt sich das Leben der Immigranten in den ersten Jahren nach der Flucht wider.

30 000 Exemplare pro Woche

Der aufbau erschien erstmalig zwölf Seiten stark am 1. Dezember 1934 mit dem Unter¬titel «Nachrichtenblatt des German-Jewish Club, Inc., New York». Ein erster Erfolg der Clubzeitung machte sich mit der Einstellung des Journalisten Rudolf Brandl als neuem Chefredakteur im April 1937 bemerkbar, als ihr Umfang auf bis zu 20 Seiten zunahm. Schon hier wird deutlich, dass das Wachstum des aufbau parallel mit dem Anwachsen der Immigration in die USA zu sehen ist. Die Einwanderung deutscher Juden in die Vereinigten Staaten stieg 1938 an und erreichte 1939 ihren Höhepunkt. Auch der aufbau vergrösserte sich in diesem Jahr erheblich in Umfang und Auflage.  Ab dem 15. Februar 1939 erschien die Clubzeitung nun alle zwei Wochen mit rund 20 Seiten und einer Verbreitung von 3000 Exemplaren monatlich, und ab Dezember 1939 erschien der aufbau wöchentlich mit bis zu 16 Seiten und einer Auflage von 12 000 Stück pro Woche. Im März 1939 wurde Brandls ¬Position durch den Berliner Journalisten Manfred George, der bis zu seinem Tod 1965 Chefredakteur des aufbau blieb, ersetzt. Die Auflage der Zeitung stieg weiter an: Im Jahre 1941 wurden weltweit wöchentlich 30 000 Kopien verkauft.

Eine Schicksalsgemeinschaft

In Stil, Niveau und Aufmachung war der aufbau eine Mischung aus Boulevardzeitung und Generalanzeiger, sensationelle Meldungen und seriöser Journalismus wechselten sich ab. Der stetig wachsende Umfang der Zeitung war neben der steigenden Zahl der Leserschaft vor allem durch das florierende Anzeigengeschäft bedingt. In den Jahren 1939 und 1940 bestanden teilweise über 50 Prozent des aufbau nur aus Anzeigen. Die Leserschaft arbeitete produktiv an dem wöchentlichen Erscheinen ihres Blattes mit. Das Mitarbeiterverzeichnis von 1934 bis 1945 weist 3000 Namen auf. Der aufbau sah seine Lesergruppe daher als «Schicksalsgemeinschaft» und betonte: «Die Vertriebenen Europas schrieben ihr Blatt gewissermassen selbst.» Gleichzeitig war die Zeitung auch das Forum für die literarisch-intellektuelle Prominenz. Es gelang dem ¬aufbau, bekannte Persönlichkeiten wie ¬Thomas Mann, Albert Einstein, Hannah ¬Arendt oder Oskar Maria Graf zu Artikeln und Vorträgen zu verpflichten. Daneben war der aufbau ein Organ der Selbsthilfe, ein Grossteil der Immigranten fand durch die Annoncen ihre erste Arbeitsstelle oder die erste Wohnung. In den ersten Jahren musste die Hauptaufgabe der Redaktion darin liegen, die unterschiedlichsten Kreise der Immigration für sich einzunehmen, da die Einwanderer ihre einzige Kundschaft waren. Es ist unbestritten, dass sie dieses Ziel erreichte. Die genannten Rubriken trugen dazu bei, von besonderer ¬Bedeutung für die Leser war die Aktion «Gesucht wird ...», die bis heute existiert.
Durch Anzeigen und Suchlisten brachte das Blatt Menschen zusammen, die sich seit der Flucht völlig aus den Augen verloren hatten. Das Rote Kreuz betonte gegenüber dem aufbau, dass es 80 Prozent seiner Anfragen durch diese Aktion positiv erledigen konnte. Hans Steinitz, Chefredakteur von 1965 bis 1986, behauptete sogar, dass es keinen einzigen unter den Einwanderern gab, der nicht mit dem aufbau irgendwann einmal in Kontakt gekommen sei, und ein Einwanderer erinnert sich: «Diese Zeitung war für uns Vater, Mutter, Lehrer und Kindermädchen.»

Frankfurt am Hudson

Die Zeitung half in nahezu allen praktischen Belangen, so auch bei der Wohnungssuche. 1939 führte der aufbau den grössten Wohnungsmarkt aller periodisch erscheinenden Zeitungen in Amerika, und auch hier spiegelt sich die steigende Zahl von Einwanderern wider: Im Januar 1937 gab es nur zwei Zimmernachweise, im August 1939 inserierten bereits 128 Vermieter.
Die alten Ausgaben des aufbau zeigen deutlich, dass immer mehr Einwanderer den New Yorker Stadtteil Washington Heights bevorzugten – 1939 die grösste und konzentrierteste deutsch-jüdische Gegend der Vereinigten Staaten. Tatsächlich lebten die rund 25 000 deutschen Juden dort mit einem Bevölkerungsanteil von zehn Prozent konzentrierter zusammen als vorher in Deutschland, und so wurde die Gegend oft auch nur «Frankfurt am Hudson» genannt. Die Einwanderer gründeten dort ihre eigenen deutsch-jüdischen Vereinigungen, Geschäfte und Gemeinden. In den Jahren von 1935 bis 1949 entstanden in Washington Heights zwölf grosse deutsche Synagogen, und die jeweiligen Rabbiner warben regelmässig im aufbau damit, dass sie ihre Predigten in traditioneller Weise und auf Deutsch hielten. Die Gründer waren ehemalige Rabbiner aus Deutschland wie Joseph Breuer, ehemals Frankfurt a. M. Der aufbau mahnte seine Leser zu einer Rückbesinnung auf deren jüdische Existenz. In einem Leserbrief wurde der Redaktion die Frage gestellt, ob sich die Flüchtlinge in New York nach allem in Deutschland Geschehenen noch als Deutsche fühlen könnten. Die Antwort darauf lautete: «Man muss wissen, dass man Jude ist. Dann ordnet sich die andere Welt allein.»

Diskussion um die Sprache

Die wichtigste Aufgabe, der sich die Einwanderer in New York stellen mussten, war das Erlernen der englischen Sprache, die der Grossteil von ihnen kaum oder gar nicht beherrschte. Englisch war für die Einwanderer die Voraussetzung für die gesellschaftliche und ökonomische Eingliederung in die USA. Rückblickend kann festgestellt werden, dass die deutschen Juden die Sprachbarrieren in beispielloser Geschwindigkeit bewältigten. Keine nicht englischsprachige Immigrantengruppe zuvor hatte sich die neue Sprache so schnell zu eigen gemacht – und die Mitarbeitenden des aufbau unterstützten ihre Leser von Anfang an. Es wurden Sprachkurse für die Einwanderer organisiert und Fragen beantwortet. Um die Ausdauer und Motivation der Lernenden zu unterstützen, führte der aufbau Anfang 1939 die neue Rubrik «Sag es auf Englisch» ein. Von nun an fand der Leser in jeder Ausgabe 24 Sprachaufgaben, deren Lösungen in der kommenden Woche abgedruckt wurden. Auch wenn der Grossteil der Immigranten die neue Sprache schnell lernte, kam unter ihnen doch immer wieder die Frage auf, inwieweit sie sich ihre deutsche Muttersprache erhalten sollten. Über dieses Thema wurde eine Diskussion im aufbau entfacht. Ziel der Zeitung war es zwar stets, die Flüchtlinge durch Sprachhilfen in das amerikanische Leben zu integrieren. In keinem Fall aber empfahl sie – sicher auch in eigenem Geschäftsinteresse – das Aufgeben der deutschen Sprache. Im Gegenteil war dem Blatt die Bewahrung und Pflege des kulturellen deutschen Erbes eine wichtige Aufgabe. Franz Werfel schrieb, dass dem aufbau «wie keiner anderen Zeitung die Pflicht der Bewahrung des deutschen Kulturgutes zufällt».
So legte die Zeitung neben aller Sprachhilfen doch grossen Wert auf Deutsch als «Ewigkeitsgut». Bereits 1937 erschien in der Zeitung der Artikel: «Bleibt Eurer Muttersprache treu.» Wiederholt sprachen die Redakteure von einem Sieg Hitlers, wenn es diesem gelänge, den Juden die deutsche Sprache zu nehmen. Es wurde betont, dass das Deutsch der Nationalso¬zialisten keineswegs mit der deutschen Sprache als Kulturgut gleichgesetzt werden könne. Unter der Überschrift «Juden müssen die deutsche Sprache bewahren» wurde den Einwanderern die Aufgabe erteilt, «die deutsche Sprache über eine Periode der Verschmutzung und Verwüstung hinweg zu tragen».

Berufsfindung im neuen Land

Neben dem Erlernen der englischen Sprache lag die zweite Hauptaufgabe der deutschen Flüchtlinge in New York darin, sich eine Arbeit zu suchen. Den Immigranten gelang auch die Einordnung in die Wirtschaft des Landes mit grossem Erfolg. Nach ersten Schwierigkeiten konnten sie entweder umlernen oder in ihre ursprünglichen Berufe zurückkehren, obwohl die wirtschaftliche Lage in den USA zum Zeitpunkt der Einwanderung deutscher Flüchtlinge sehr schlecht war: Die Zahl der Arbeitslosen lag 1933 bei 24,9 Prozent.
Dieser Zustand verbesserte sich zwar, 1941 lag die allgemeine Arbeitslosenquote aber immer noch bei 9,9 Prozent. Dennoch gliederten sie sich in den ersten Jahren nach der Einwanderung so erfolgreich in das amerikanische Berufsleben ein, wie es nie zuvor einer Einwanderungsgruppe in den USA gelungen war. Als Einstieg nahmen Männer oftmals Gelegenheitsarbeiten als Laufburschen, Tellerwäscher oder Verkäufer an, Frauen arbeiteten als Wäscherinnen, Haushälterinnen, Schneiderinnen oder Pflegerinnen. Die Menschen arbeiteten kontinuierlich daran, den sozialen und materiellen Status der Mittelklasse zurückzugewinnen, den sie zuvor in Deutschland und Österreich gehabt hatten. Der aufbau warnte seine Leser aber vor einer zu grossen Erwartungshaltung und vor der Vorstellung, dass ein solcher Aufstieg selbstverständlich sei. So hiess es in einem Artikel: «Die neue Freiheit muss täglich erobert werden, sonst ist sie nicht verdient.» Die Leser nahmen sich diesen Rat zu Herzen, was zur Folge hatte, dass die deutsch-jüdischen Einwanderer, die in den Jahren 1937 bis 1940 in die USA kamen, nach einer schwierigen Anfangsphase tatsächlich das soziale und wirtschaftliche Niveau erreichten, das sie schon im Heimatland innehatten.

Eine veränderte Familiensituation

Neben der wirtschaftlichen Integration und materiellen Problemen hatten die Immigranten auch innerhalb der eingewanderten Familie Schwierigkeiten zu bewältigen. Bei der Flucht aus Deutschland handelte es sich jeweils vorwiegend um eine Familienemigration, und in den Vereinigten Staaten veränderte sich die Struktur der Familie bedeutend. Das gewohnte Rollenverhältnis von Mann und Frau wurde grundlegend in Frage gestellt. Der Grund dafür war, dass die Frau weniger Schwierigkeiten zu bewältigen hatte, als es darum ging, die Familie durch Gelegenheitsjobs zu ernähren. Die Frau musste zudem weitere Aufgaben übernehmen, sie war nicht mehr nur Hausfrau und Mutter, sondern anfangs oft auch Alleinverdienende. Als Folge der Verantwortung, die sie dadurch trug, mussten die Ehepartner sich mehr und mehr als ebenbürtig akzeptieren. Neben allen Belastungen schienen die Frauen ein grösseres Selbstvertrauen als ihre Männer zu haben. Erinnerungen wie diese von Leo Glückselig zeigen das deutlich: «Die (Mutter) ist hier in Amerika ausgestiegen, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt. Sie hat kein Wort Englisch sprechen können, aber sie war zwei Stunden später einkaufen mit den ersten paar Dollar, die wir ihr gegeben haben.»
So hing das Schicksal einer Familie in den ersten Monaten der Immigration sehr häufig mehr von der Frau ab als vom Mann. Dies findet sich auch im aufbau-Leitartikel «Problem der Frau in der Emigration»: «Gelingt es ihr, die Hindernisse zu überwinden, so wird die Familie wieder vorwärts kommen, stürzt sie, so wird sie die Familie mit sich reissen.» Der aufbau gab immer wieder praktische Ratschläge, die ab 1940 wöchentlich eine Seite der Zeitung füllten. Unter der Rubrik «Diese Seite gehört der Frau» wurde ein Querschnitt der amerikanischen Frauenmagazine gegeben. Zudem wurden Erfahrungen anderer Einwanderinnen veröffentlicht.

Die Amerikanisierung der Leserschaft

Die Redakteure des aufbau betonten immer wieder, kein Exilblatt zu machen, sondern ein Blatt der Immigration, das sich in den Dienst der Amerikanisierung stelle. In Werbeanzeigen bezeichnete sich die Zeitung als «Amerikanisch im Geist – Deutsch in der Sprache». Der aufbau erleichterte den Einwanderern das Einleben in den USA auch durch praktische Hinweise und besondere Angebote von Broschüren über Amerika. Die Fibel «ABC für USA» erhielten aufbau-Lesende anstelle von 60 Cent zu dem Spe¬zialpreis von 20 Cent. Im November 1938 verteilte der Club kostenlos einen «Wegweiser durch New York» und klärte die Leser durch einen Wettbewerb unter dem Motto: «Was wissen Sie von Ihrer Heimat?» über die Geschichte und Politik der Vereinigten Staaten auf. Die Ende 1940 organisierte, preiswerte Reise in die Hauptstadt Washington verfolgte dasselbe Ziel. Die Redaktion des aufbau ging immer selbstverständlich davon aus, dass der in die USA gekommene deutsche Jude kein Gast, sondern künftiger Bürger dieses Landes war. In der Zeitung wurde immer wieder an die Immigranten appelliert, sich über die amerikanischen Verhältnisse «richtig, schnell und eingehend zu informieren».
Neben Tipps und Hilfen zu alltäglichen Problemen konnte sich der Leser über amerikanische Geschichte und den neuen Arbeitsmarkt informieren. In dem Kapitel: «Wie werde ich richtiger Amerikaner» fanden sich Leitsätze wie «Ich möchte Englisch sprechen» und «Ich möchte Amerikaner treffen». Um den Menschen das Einleben in New York zu erleichtern und sie von der Stadt zu begeistern, bot der aufbau Stadtführungen an. Pro Woche wurden bis zu acht Führungen organisiert, die schon nach kurzer Zeit ausgebucht waren. An jeder Besichtigung nahmen bis zu 100 Menschen teil.

Mission erfüllt

Andererseits konnte der aufbau die Amerikanisierung schon aus dem einfachen Grunde nicht zu engagiert betreiben, da es bei einer vollständigen Integration für den Immigranten die logische Konsequenz gewesen wäre, das deutschsprachige Blatt abzubestellen. So setzte sich die Zeitung auch für die Erhaltung der herkömmlichen Werte ein und betonte immer wieder die nicht zu leugnende Verbindung mit dem kulturellen deutschen Erbgut von Sprache und Geschichte. Schliesslich betonte aber auch Oskar Maria Graf, dass der aufbau sich in der Frage «Emigration oder Immigration (...) von Anfang an für die Letztere entschieden» habe. Mit seiner Hilfe gliederten sich die deutsch-jüdischen Flüchtlinge in New York innerhalb einer Generation vollständig und mit beispiellosem Erfolg in die amerikanische Wirtschaft und Gesellschaft ein. Auch wenn sich die erste Generation deutscher Juden in New York in den Jahren nach der Flucht hauptsächlich mit Schicksalsgenossen umgab, hinderten sie diese Treffen nicht an einer schrittweisen Integration in das amerikanische Leben. Die Idee einer pluralistischen Gesellschaft, in der unterschiedliche Kulturen nebeneinander bestehen konnten, ermöglichte den deutschen Juden eine Annäherung an die amerikanische Kultur ohne die völlige Aufgabe der mitgebrachten Werte. Der aufbau aber verlor immer mehr seiner Leser, da er seine Mission besser erfüllt hatte, als vielleicht erwartet.
Die Zeitung hatte sich in gewisser Hinsicht selbst überflüssig gemacht und konnte die zweite Generation der Einwanderer schon kaum noch erreichen. Aufgrund einer Neuausrichtung und des Engagements der Jüdischen Medien AG konnte sie aber «gerettet» werden, und somit lebt das legendäre Blatt heute – 75 Jahre nach seiner Gründung – als deutschsprachiges, internationales Monatsmagazin in neuer Gestalt und mit aktuellen Themen fort.   

Valerie Doepgen ist Historikerin und Redakteurin bei der JM Jüdische Medien AG und lebt in und lebt in Basel.