Unumgängliche Heimkehr

Von Rabbiner Adin Steinsaltz, April 15, 2011
Das Zugehörigkeitsgefühl zur jüdischen Familie ist in uns vorhanden. Manchmal geht es verloren und dann müssen wir Wege suchen, es wieder zu finden. Zum Beispiel an Pessach, dem Feiertag für die Familie.
DDAS FAMILIENGEFÜHL DER JUDEN AN PESSACH Nicht nur eine soziologische, sondern auch eine theologische Definition

Die meisten Menschen jüdischen Glaubens leben derart zerstreut auf der Erde und sind so weit voneinander entfernt, dass sie kaum je eine gemeinsame Sprache finden oder irgendeine Sprache, die für sie als Juden Sinn machen würde. Das nennt man Assimilation, was im Wesentlichen gleichbedeutend ist mit dem Verlust des gemeinsamen Erbes. Um uns zu helfen, wieder miteinander zu reden, irgendeine Art von gemeinsamer Sprache zu haben, müssen wir deshalb versuchen, tiefere Ebenen der Seele zu finden, von denen viele ans Unterbewusstsein grenzen.
Auch wenn wir heute eine im Entstehen begriffene israelische Nation kennen, lassen Juden sich kaum als Nation kategorisieren. Wir können nicht einmal als Religion im gängigen Sinne gelten mit einer Botschaft, die wir anderen verkaufen können. Alles in allem sind wir eine ausgesprochen eigene Einheit.
Um genauer zu beschreiben, was wir sind, könnten wir mit der Feststellung beginnen, dass wir eine Familie sind. Einfach eine Familie, eine grosse, nicht unbedingt biologische Familie, im Wesentlichen aber eine Familie. Soziologisch gesprochen ist eine Familieverbindung etwas viel Grundlegenderes als eine Nation oder eine Religion. Die Familienverbindung ist zugegeben eine sehr primitive Art, Menschen aneinander zu binden, doch ist sie wahrscheinlich die stabilste, die erst noch externen Veränderungen und Einflüssen gegenüber am widerstandsfähigsten ist.
Mit dem Konzept der Juden als Familie definieren wir uns nicht nur soziologisch, sondern gewissermassen auch theologisch. Eigentlich benehmen wir uns nicht nur wie eine Familie – wir fühlen als Familie und bekämpfen und hassen uns gelegentlich auch familienintern, manchmal über lange Zeitspannen hinweg –, sondern es ist für einen Aussenstehenden sogar gefährlich, sich einzumischen. Jeder externe Druck stärkt die Einheit und das Familiengefühl nämlich nur. Es ist leicht, uns zu trennen oder auseinanderzubringen, doch an einem gewissen Punkt kommen wir wieder als Familie zusammen. Sogar wenn wir uns hinsichtlich der Bedeutung der Familie etwas vormachen, fahren wir auf eine gewisse Art fort, uns als eine solche zu benehmen.
Auch wenn wir manchmal das Gefühl haben, dass uns nichts Gemeinsames verbindet – das kommt in jeder normalen Familie vor –, so haben wir doch verschiedenste Verbindungen, die schwierig zu erklären sind. Irgendwie fühlen wir uns wohl in der Gesellschaft des anderen, auch wenn es hin und wieder zu Auseinandersetzungen in der Familie kommt. Verständlich ist auch, dass wir einen gewissen Grad an Sicherheit empfinden, wenn wir zusammen sind, und Kontakte innerhalb der Familie lassen sich leichter herstellen. Natürlich kommt es zwischen Geschwistern auch zu Entfremdung. Sie lassen sich in verschiedenen Ländern nieder, nehmen in ihrer Sprache verschiedene Akzente an, gewöhnen sich an unterschiedliche Lebens- und Verhaltensweisen. Dessen ungeachtet existiert aber dieses verbindende Urelement, das schwer zu definieren, aber unbestritten vorhanden ist.

Die Familie und ihre Lebensart

Man kann so weit gehen zu behaupten, das Judentum sei als Religion in vielerlei Hinsicht die Art unserer spezifischen Familie. Es ist die Art, wie wir gewisse Dinge tun. Wir bewegen uns wie jeder andere mit Gott und den Menschen und sprechen mit ihnen, doch wir haben unsere ureigenen Methoden. Wenn wir jung sind, versuchen wir manchmal, wie dies in jeder anderen Familie auch vorkommt, wegzurennen und unsere Eltern zu bekämpfen. In späteren Jahren entdecken wir, dass wir ihnen mehr und mehr ähnlich sind. Diese spezifische Art, die man Judentum nennt, ist manchmal genau die Art, in der wir uns als Familie bewegen, beten, kleiden, essen und zahlreiche andere Dinge tun. Wir haben unsere eigenen Methoden für die verschiedensten Sachen. In unserer Familie essen wir beispielsweise gewisse Speisen nicht. Das heisst aber nicht, dass wir uns deswegen als «die beste aller existierenden Familien» betrachten. Wie in jeder anderen Gruppe von Menschen haben wir vielleicht aber dieses Gefühl, was uns niemand zum Vorwurf machen kann. Wenn ich mir sage, mein Vater oder mein Bruder seien anders als andere Väter oder Brüder, dann ist das immer noch eine sehr menschliche Präferenz.
Auf einer viel tieferen Ebene liegt es, wenn wir sagen, dass unsere Leute – durch Verwandtschaft wie durch Lebensstil verbundene Brüder und Schwestern – tatsächlich unsere Familie seien. In der Bibel wird dies das «Haus Jakob» oder das «Haus Israel» genannt, und diese Begriffe klingen nach Familie, nach Stamm. Auch wenn der Stamm noch so ausgeweitet sein mag, ist es immer noch ein Stamm mit gemeinsamen Zielen, und er ist auch dann irgendwie vereint, wenn diese Einheit durch eine grosse Zahl individueller Ausdrucksweisen getrübt wird. Die Verbindungen sind derart tief, dass wir sie in der Regel gar nicht bewusst zur Kenntnis nehmen. Manchmal werden sie aber wach und wir haben das Gefühl, der Clan rufe uns. Und zu unserer eigenen Überraschung stossen wir dann auch dazu.

Untrennbar verbunden

Möglicherweise ist das Familiengefühl einer der Hauptgründe dafür, dass das Judentum als Religion nie sehr aktiv war im Bekehren von Leuten. Familienmitglieder würden ja auch nicht einfach auf der Strasse Menschen dazu überreden, der Familie beizutreten. Das heisst nicht, dass wir Juden uns über- oder unterlegen fühlen. Vielmehr bedeutet es, dass die Familie von Anfang an ihre eigenen Verhaltensmuster und Lebensarten hatte. Sogar wenn die Mitglieder einer solchen Familie das Familienhaus verlassen und in die Ferne wandern, folgen sie dem Lebensstil theologisch, soziologisch und verhaltensmässig. Natürlich können Familienangehörige streng bestraft werden, und zwischen Individuen und Gruppen können sich Gräben auftun, doch das Verlassen der Familie ist undenkbar. Man kann sie sogar hassen, doch kann man nicht von ihr getrennt werden. Nach einiger Zeit gelangt man, ob jung oder alt, zur Schlussfolgerung, dass man faktisch von der Familie nicht loskommt. Deshalb ist es weitaus besser zu versuchen, Wege in die Verbindung zu finden. Diese steht nämlich über der freien Wahl, in diese Verbindung wird man hineingeboren. Und da man nun einmal diese Verbindung mit sich trägt, ob man will oder nicht, ist es viel besser, herauszufinden, wo man herkommt und wer man ist.
Für einige von uns ist es fast wie die Geschichte vom jungen Entlein, das von einem Huhn ausgebrütet wurde. Oft genug wachsen unsere Entlein in einer anderen Atmosphäre auf. Man lehrt sie, auf eine ihnen völlig fremde Weise zu denken und zu handeln. Juden haben viele andere Kulturen, nationale Identitäten und manchmal auch Religionen angenommen. Manchmal kommt es zu einer höchst wundervollen Erkenntnis und Rückkehr. Öfter jedoch geschieht es in Form einer sehr unangenehmen Entdeckung: Irgendwie bin ich anders, mein Medium ist ein anderes Medium. Wenn ich wirklich Wasser finde, will ich in ihm schwimmen, obwohl die­jenigen, die mich erzogen und unterrichtet haben, dies nicht tun. Die Entdeckung der Familienzugehörigkeit ist ein bekanntes Thema in der Literatur, und im Leben beginnt jede Person irgendwann, bewusst oder unbewusst, diese Entdeckung zu machen. Geschieht dies früh genug, dann ist die betroffene Person nicht nur imstande, die Tatsache anzuerkennen, dass sie irgendwohin gehört (und sei es auch nur, um auf dem richtigen Friedhof beerdigt zu werden), sondern sie kann ihrem Leben gewissermassen mehr Sinn verleihen. Es mag paradox klingen, doch die Freiheit kommt mit der Akzeptanz eines klar umrissenen Rahmens, von dem wir uns nicht entfernen können.
Normalerweise ist eine Familie eine biologische Einheit; die jüdische Familie ist eine biologische Einheit und ist es gleichzeitig aber auch nicht. Wir sprechen von uns als von den Kindern Abrahams oder Jakobs. Sicherlich sind viele von uns biologisch gesehen die Kinder einer anderen Vatergestalt, doch unser wirkliches Vermächtnis ist alles andere als biologisch. Unser Stamm ist eine total andere Art von Stamm. Um eine alte Quelle zu zitieren: Wenn wir vom Vater oder von der Mutter unserer Familie sprechen, dann sagen wir unser Familienvater ist Gott, und die Mutter unserer Familie ist das, was man den Gemeinschaftsgeist Israels nennt. Das ist mehr als nur eine mystische theologische Erklärung. Es ist die Art, wie unsere Familie gebaut ist, und diese Art bestimmt, wie sich die Familie benimmt und wie sie empfindet.

Familienmitglied sein

Wenn wir von Gott, unserem Vater sprechen, dann ist das nicht nur ein Bild, sondern das Gefühl der integralen Zugehörigkeit zur Quelle der Familie. Das sollte natürlich eine stärkere Familie garantieren, doch wir fahren fort, uns wie eine gewöhnliche Familie zu benehmen. Wie alle Kinder durchleben wir Phasen, in denen wir den Vater bewundern, bekämpfen oder sogar hassen. Wir können aber nie so weit gehen, die Existenz eines Vaters, unseres Vaters zu leugnen. Einige Kinder mögen diese Leugnung als eine Form der Revolte zum Ausdruck bringen, und die verschiedenen Familienmitglieder werden unterschiedlich reagieren. So kommt es vor, dass Familienagehörige sehr zornig sind angesichts solcher Blasphemie, während andere wiederum einfach warten, bis das heisse junge Blut sich etwas abgekühlt hat. Immer aber bleibt man das Kind seines Vaters, egal, ob man liebt oder hasst, ein feuriger Glaubender ist oder ein überzeugter Ketzer.
Diese elementare Verbindung – Mitglied dieser Familie zu sein – nennt man die jüdische Religion. Wir haben unsere eigene Geschichte, doch das ist nicht das Wichtigste an der Sache. Im Mittelpunkt steht unsere Beziehung zum Vater und zur Mutter der Stammeseinheit, zu welcher wir alle auf die eine oder andere Weise gehören.
In unserer recht grossen, verzweifelten und nicht immer sonderlich glorreichen Familie gibt es Teile, die wenig Ähnlichkeit haben. Inwieweit sind wir uns dieser Verbindungen bewusst und inwieweit sind wir uns der Existenz des anderen bewusst? Wir versuchen oft und manchmal ausgesprochen hartnäckig, jede Art der Zugehörigkeit zu dieser Familie zu ignorieren, zu verleugnen und von uns abzuspalten. Andererseits gibt es in unserem Volk viele, die bewusst in den Schoss der Familie zurückkehren. Das muss nicht unbedingt gleichbedeutend sein mit der Suche nach Gott. Oft ist es das Resultat eines langen Wanderns und weitreichender Erforschungen und des Gefühls des Heimkommens, das sich nicht immer beschreiben lässt.
Bestimmt gibt es prächtigere Villen und aufregendere Stätten, doch können sie das Heim nicht ersetzen. Wie bei jeder herumwandernden Person und allen von ihrer Familie getrennten Individuen führt nämlich der verzweifelte Versuch, unabhängig  zu sein, letztlich nur zur Entdeckung, dass man sich irgendwo bemühen muss, zurückzukommen und die Wahrheit des Zuhauseseins herauszufinden.
Das wirkliche Wesen eines jüdischen Menschen ist also die Erkenntnis «Ich gehöre dazu», ob ich will oder nicht. Das ist der tiefste und wichtigste Teil meiner Existenz, und ich kann ihn nicht überdecken mit Ansichten über Sprache, Kultur, Nation oder Religion. Letzten Endes gehöre ich zur Familie. Je tiefer ich in mich gehe, umso wichtiger wird die Vergangenheit. Ich kann diese Vergangenheit zurückweisen und kann sie sogar völlig von mir abtrennen, indem ich Rollen spiele und versuche, andere zu imitieren. Das ändert aber nichts an dem, was ich bin. Und dann, sollte ich je mehr darüber in Erfahrung bringen wollen, folge ich dem langen Weg nach Hause. Der Weg ist kein leichter, doch er hat seine Kompensationen und seine eigene Wahrheit.
Wenn Tiere, die in einem Zoo aufgezogen wurden, freigelassen werden, wissen sie oft nicht einmal, ob sie Wölfe oder Rehe sind. Sie müssen herausfinden, wer und was sie sind. Es ist sehr bedeutend, herauszufinden, was man ist, und das richtige Verhaltensmuster für die eigene Art zu erforschen. Das ist das Schicksal eines jüdischen Menschen, der sich abgewandt hat. Vielleicht findet er Helfer, vielleicht aber auch nicht. Vielleicht begibt er sich fast instinktiv in sein natürliches Habitat, oder dann empfindet er die verschiedensten Widerstände, die stets sein Verhalten beeinflussen werden, das möglicherweise erst in einer späteren Generation korrigiert werden kann.
Wenigstens kommt er, was immer auch geschieht, klar mit dem Problem.
Sehr oft ist der Prozess begleitet von tragischem Missgeschehen, von Finden, Verlieren und erneutem Finden. Effektiv aber handelt es sich um den Menschen, der aufwacht und zum Schluss kommt, dass er zwar irgendwo im amerikanischen Mittleren Westen aufgewachsen ist, in Wirklichkeit aber zu dieser alten Familie gehört, mit diesen komischen Eltern, diesen manchmal liebevollen, manchmal blöden Brüdern und Schwestern. An diese Idee muss er sich gewöhnen. Und dann muss er herausfinden, was er damit macht.