Untilgbare Kränkung

von Alfred Bodenheimer, October 9, 2008
Der Brief des exilierten Dichters Karl Wolfskehl (1869-1948) an seinen in Deutschland verbliebenen einstigen Freund Emil Preetorius zwei Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs zählt zu jenen Dokumenten, die auf selten präzise Weise darlegen, wo der Bruch zwischen jenen verlief, die das Dritte Reich - im besten Fall - in der Emigration überlebt, und jenen, die sich auf irgendeine Weise mit dem NS-Regime arrangiert hatten.
Karl Wolfskehl (l.) hier u.a. mit Stefan George (2. v. r.): «Das mache ab mit Dir selbst, am Ende mit Deinem echten Selbst». - Foto Archiv BAZ

In der Abgeschiedenheit seines Neuseeländer Exils, wo er seit 1938 in grosser Bedürftigkeit lebte, erhielt Karl Wolfskehl nach dem Krieg wieder Lebenszeichen ehemaliger Gefährten und Freunde aus Deutschland. Einer von ihnen war Emil Preetorius (1883-1973), ein Jurist, der aber in der Weimarer Republik auch eine Künstlerkarriere als Zeichner begonnen hatte und der 1931 von Wilhelm Furtwängler als Bühnenbildner an die Wagner-Festspiele nach Bayreuth geholt worden war, jenes ebenso berühmte wie als eine Keimzelle des Nationalsozialismus verschrieene Grossereignis. Im Jahre 1935 hatte Preetorius den brieflichen Kontakt zu Wolfskehl, der damals als Emigrant in Italien lebte, abgebrochen. Nun, da er sich wieder meldete, suchte Preetorius nach Rechtfertigung für sein Verhalten. Wolfskehls Antwort ist eine Abrechnung, keine bösartige oder gnadenlose, sondern eine aus bewusst subjektiver Sicht, eine Buchung und ausführliche Erläuterung der erlittenen Kränkung. Wolfskehl blendet zurück zum «Schicksal der Entscheidung» von 1933, das ihn selbst, den ausgegrenzten Juden, gar nicht treffen konnte. Preetorius, der Nichtjude, war es, der damals vor der «Wahl zwischen dem Absoluten und dem Bedingten, dem Ja-oder-Nein und dem Immerhin, dem Wenn-Auch, dem Dennoch, dem Vielleicht» stand, jenem Wörterbuch der Opportunisten, dessen Vokabular er sich aneignete. Der - anders als andere nichtjüdische Mitglieder des Rotary-Clubs München 1933 auch nicht ausgetreten war, als das jüdische Mitglied Karl Wolfskehl ausgeschlossen wurde.
Wolfskehls Kränkung ist eine persönliche, die Abrechnung ist keine Aufrechnung, die das Versagen in einem Moment mit dem Verdienst in einem späteren misst. Wolfskehl zerpflückt deshalb auch Preetorius’ Legitimationsstrategien: «Was hat das damit zu tun, dass Du mit israelischen Herren und Damen in verschiedenen Auslandsplätzen in Korrespondenz bliebst? Und dass es Dir gelang, israelitische Herren und Damen vor dem Sechs-Millionen-Mord zu bewahren, dank Deiner Beziehung zu Königshäusern? Was hat das alles überhaupt mit mir zu tun, mit Dir und mit mir? Mit wem verwechselst Du mich eben? Bin ich ein Hilfskomitee? Eine Rechtfertigungsbehörde?» Gerade indem er sich die Kompetenz einer objektiven Instanz zur Beurteilung des anderen abspricht und nur über die rein persönliche untilgbare Kränkung spricht, zeigt er auf, dass es «Wiedergutmachung», auch im Seelischen, nicht gibt und dass begangene Vergehen haften bleiben, und sei es durch die Empfindlichkeit dessen, den sie betroffen haben; «nur vor mir hattest und hast Du unbedingt zu sein, denn nur ich war Dein Anderer, Du!»
Oswald Spengler (1880-1936) ist das grosse Gegenbeispiel Wolfskehls. Der konservative Philosoph, der einen von den Nationalsozialisten ihm angetragenen Ministerposten ausgeschlagen hatte, er «hat zeitlebens nicht aufgehört, mit mir Post zu tauschen, geschriebene wie gedruckte. Seine letzte Karte, ein ergreifendes Bekenntnis zur Freundschaft, das dieser wortkargen, verhaltenen, wirklich deutschen Natur wie der Vorahnung sich enthub, erhielt ich einen Monat vor seinem Tode.»
Demgegenüber findet Wolfskehl bei Preetorius laue Ausreden und Larmoyanz. «Nur das kann mich nicht sehr ins Mitschwingen versetzen, dass Du \"nahezu\" alles verloren hast, denn mir scheint, Du meinst hier irdischen, wenn auch köstlichen Besitz.» Dem Emigranten, und gerade ihm, der auf eine schier unendlich lange Ahnenkette in Deutschland zurückblicken konnte, soll damit keiner kommen: «Ich habe nämlich die Heimat verloren. Weisst Du, was das heisst für einen Dichter? Ich habe die Heimat verloren, darin ich, ich meine das Geschlecht, dem ich entstamme, seit Karl dem Grossen im gleichen Rhein-Main-Eck ansass. Aber ich habe noch mehr Heimat verloren. Ich habe die Stätte verloren, wo ich gewirkt habe ein langes Menschenalter durch, die Stätte der Arbeit, der Freundschaft, der Liebe, des Überschwangs. Ich habe mir selber Welt werden müssen, Geistraum, Wiege des Worts. Weisst Du, was all dies bedeutet in Ja und Nein?» Die Frage ist - und das ist ihre versteckte Spitze - nicht einmal mehr rhetorisch, denn gerade dies kreidet Wolfskehl dem einstigen Freund an: Dass er weder ja noch nein sagen konnte, dass er sich vor diesen Wörtern eindeutiger Stellungnahme ins Luftige, Diffuse, Biegsame flüchtete, aus dem es ein Entkommen nicht mehr gibt.
Bei aller Härte von Wolfskehls Urteil mag es aber vor allem der letzte Abschnitt gewesen sein, der Preetorius vielleicht insgeheim zustimmen liess in Wolfskehls einleitende Bemerkung, dass er, Preetorius, das über zehnjährige Schweigen womöglich am besten gar nicht «aufgestört» hätte. Am Ende nämlich schreibt Wolfskehl, die ganze Machtlosigkeit vor der ihm zugemessenen Rolle des Verzeihenden noch unterstreichend, das Unerwartete. «Aber es ist wahr, ich habe Dich lieb. Ich kann’s mir nicht absprechen, ich will es auch gar nicht. Und so gesehen Wünsch zu Dir, und das Herz pocht. Ich verwehre auch nicht, dass Du wieder Dich herwendest. Wenn Du es kannst nach alledem, wenn, was Ihr so \"Ehrgefühl\" nennt, wenn das Besserwissen, der gekränkte Stolz und jenes übliche \"wie missversteht man mich\" Dir’s nicht verbieten. Das mache ab mit Dir selbst, am Ende mit Deinem echten Selbst.»
Wolfskehl starb ein Jahr später, Preetorius lebte noch ein Vierteljahrhundert, im Angesicht entschwundener Argumente, zurückgeworfen auf sich selbst.

Alle Zitate stammen aus: Karl Wolfskehl: Gedichte Essays Briefe, hrsg. v. Cornelia Blasberg und Paul Hoffmann, Jüdischer Verlag im Suhrkamp-Verlag, Frankfurt a.M. 1999, S. 204-208.