Unterscheiden, nicht spalten

von Rabbiner Michael Goldberger, Düsseldorf, October 9, 2008
Ganz anders als alle anderen Völker der Welt führen die Juden die gegenwärtige Jahreszahl auf die Schöpfungsgeschichte zurück. Die Zeitrechnung der Christen beginnt mit der Geburt von Jesus. Moslems begingen im vergangenen April ihr Neujahr. Sie schreiben seither das Jahr 1420. Ihre Zeitrechnung geht auf die Reise Mohammeds von Mekka nach Medina zurück. Auch die anderen Völker bestimmten für den Beginn ihrer Zeitrechnung ein für sie spezifisches Ereignis. Im Gegensatz dazu zählen wir die Jahre seit der Schaffung der ersten Menschen.
Wunderbare Vielfalt: «Wir sind nicht alle gleich». - Foto KY

Adam und Eva waren keine Juden. Sie sind vielmehr die Ureltern aller Menschen dieser Welt. Das jüdische Volk wählte also ein Ereignis als Beginn der Zeit, welches alle Völker verbindet und drückt damit gleichsam aus, wie wichtig uns das Wohl der gesamten Welt ist. Wenn wir Rosch Haschana begehen, dann feiern wir nicht etwa den Geburtstag unseres Volkes, sondern den Geburtstag der gesamten Menschheit. Die Hohen Feiertage rufen Jahr für Jahr erneut dazu auf, uns auf die gemeinsamen Wurzeln zu besinnen. Auch dieses Mal sollten wir die Chance wahrnehmen, das Verbindende zwischen allen Menschen zu erkennen. Wir sind von Gott nicht auserwählt, weil wir besser sind als die anderen, sondern weil wir anders sind, wie alle anderen auch. Wir alle sind die Äste des gleichen Stammes, gespiesen von der gleichen Quelle.Wie Sie wissen, drücken wir im Hebräischen die Zahlen nicht durch Ziffern, sondern durch Buchstaben aus. Die jeweilige Jahreszahl ergibt also immer auch ein Wort. Ich versuche immer herauszufinden, ob aus der Bedeutung des entsprechenden Wortes nicht etwas gelernt werden könne oder ob es gar als Leitmotiv für das folgende Jahr taugt. Wir schreiben bald das Jahr 5760, ausgeschrieben «Taschas». In diesem Wort hört man «Schessa», und das bedeutet «Riss», «Spaltung». Als ich dies entdeckte, bin ich zunächst ziemlich erschrocken. Ich fragte mich, ob im kommenden Jahr alte Querelen zu neuen Zerwürfnissen wachsen werden. Potenzielle Differenzen, die bis zur Entzweiung führen könnten, gibt es sowohl in Israel wie auch in der jüdischen Gemeinschaft ausserhalb Israels. Inzwischen allerdings empfinde ich den Sinn von «Taschas» nicht als Prophezeiung, sondern als Warnung, allerdings eine, die wir nötig haben und ernstnehmen sollten. Wie oft lerne ich etwa anlässlich von Trauerfällen zerrissene Familien kennen, die selbst angesichts des Todes von Angehörigen kaum miteinander sprechen können. Viele Gemeinden sind innerlich gespalten und mir scheint, dass auch ihnen einige Zerreissproben bevorstehen. Wir werden viel Zeit, Geduld, Toleranz und Willen brauchen, die bestehenden Differenzen als Chance wahrzunehmen und ihnen mit Neugier zu begegnen, anstatt sie als Anlass zur Zerwürfnis und Entzweiung zu nehmen. Ich fühle oft, dass wir uns des Trennenden mehr bewusst sind als des Vereinenden. Das kommende Jahr Taschas bietet nun die Chance, uns dieser Gefährdung gewahr zu werden.
«Schessa» ist allerdings nicht ausschliesslich schlecht. Erinnern wir uns daran, welche Kriterien ein Säugetier erfüllen muss, damit wir es essen dürfen. Es muss Wiederkäuer sein und gespaltene Hufen haben. Letzteres heisst auf Hebraïsch «Schossa’at Schessa». Wiederum erkennen wir dieselbe Wurzel wie in unserer Jahreszahl «Taschas». Was für ein wunderschönes Bild! Erst ein gespaltener Huf macht das Tier koscher. Dieser Spalt ist jedoch nicht zerstörerisch, weil er ja nicht das Tier als solches teilt. Die gespaltenen Hufen reissen das Tier nicht auseinander. Sie sind Segmente eines Organs und verleihen ihm Sicherheit.
Wir sind nicht alle gleich. Gott schuf verschiedenartige Menschen, die sich unterschiedlich entwickeln. Ich bin sicher, dass sich Gott über diese wunderbare Vielfalt freut. In Einheitsgemeinden leben Menschen mit abweichenden Interessen und Vorlieben. Unsere Aufgabe ist es, den Nächsten in seiner Andersartigkeit zu lieben und zu fördern. Wir alle sind Äste des gleichen Baumes. Möge es uns im kommenden Jahr Taschas - 5760 - gelingen, in unserer Verschiedenartigkeit die Voraussetzung zu erkennen, koscher vor Gott zu sein, indem wir unterscheiden, aber nicht spalten.