Unser Weg geht weiter
Es ist nicht leicht für mich, über das zu sprechen, was brennt wie Feuer. Ich bin nur einer von jenen Hunderttausenden, welche das betäubende Schicksal unseres Stammes an sich selbst erlitten haben, einer von jenen Unzähligen, denen ihr früheres Leben in schmerzlichen Nebel sich aufgelöst hat, Heimat, Sicherheit, Haus, Besitz, Familie, Werk und Namen. Immer wieder gilt es, Antwort zu geben auf die furchtbare Frage: «Was sollen wir tun?» Ich kann nur zaghaft versuchen, der anderen Frage ins Antlitz zu schauen: «Wie sollen wir es verstehen?» Wie sollen wir verstehen, was da geschieht, beinah schon seit einem Jahrzehnt? Wie sollen wir diesen Hass des Abgrunds verstehen, der sich schrecklicher als je um eine Menschenart sammelt, die einige Jahrtausende schon ihr Leben unter den Völkern erhält? Antisemitismus? Was für ein törichtes, schwaches und ungenaues Wort für dieses diabolische Phänomen! Die Juden, diese Blutzeugen der Rassentheorie, mögen sein, was sie wollen, eine Rasse sind sie nicht. Das beweist in seinen Werken kein Geringerer als Professor Günther, das Oberhaupt der nationalsozialistischen Rassenforschung. Beruht also der Antisemitismus nur auf ökonomischen und soziologischen Ursachen? Sind die jüdischen Kaufleute, Industriellen, Bankiers etc. ausschliesslich als Parasiten reich geworden, während die nicht jüdischen Millionäre ihr Geld einzig und allein durch Ethik verdient haben? Ich habe gefunden, dass in der Welt seit eh und je zwei schlimme Märchen umgehen: Erstens, dass die Juden so besonders reich und zweitens, dass sie so besonders gescheit sind. Der Hass ruht immer auf einer Überschätzung des von ihm gewählten Objekts. Oberflächlich gesehen spielen Artverschiedenheit, Konkurrenz, Neid, die sogenannten biologischen Gründe eine Rolle im Antisemitismus, sie erklären ihn aber keinesfalls. Sie sind das moderne Kostüm einer tausendjährigen Erscheinung, die sich den historischen Bedingungen gemäss immer anders zu verkleiden wusste.
Mit der Grösse der Wohltat
In früheren Zeitläufen war der Judenhass jeweils provinziell begrenzt. Heute, in unserer technischen Zeit, ist er planetar. Möge niemand glauben, dass es auf dieser Erde einen Fussbreit gesellschaftlichen Bodens gibt, der nicht vulkanisch unterwühlt ist! Möge niemand mutmassen, dass hier oder dort, wo Juden leben, nicht dasselbe geschehen könne wie in Europa. Es kann geschehen, schlimmer noch und in unbekannten Ausmassen. Wie also sollen wir diesen unwandelbaren Hass verstehen? Ich werde so unbescheiden sein, einige Zeilen zu zitieren, die ich vor mehr als 20 Jahren niedergeschrieben habe. Sie lauten: «Israel hat der Welt einen Gott geschenkt. Jedes Geschenk bedeutet eine Art von Demütigung des Beschenkten. Proportional mit der Grösse der Wohltat wächst der seelische Widerstand des Empfängers.»
Israel hat der Welt einen Gott geschenkt, ohne es selbst zu wollen. Es ist ein merkwürdiger Gott, ein Gott, der im aufreizendsten Widerspruch steht zu allen anderen Göttern vor ihm. Diese babylonischen, ägyptischen, griechischen Gottheiten gaben sich zufrieden mit den ihnen gewidmeten Opferdiensten und Mysterien, sie griffen sozusagen nicht über ihr Fach als Götter hinaus. Israels Gott hingegen greift unablässig über sein theologisches Fach hinaus. Er stellt das Menschentier auf den Kopf. Er ist ein ewiger Forderer. Da fordert er zum Beispiel: «Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.» Warum soll ich meinen Nächsten lieben, fragt das Menschentier im Naturzustand, «ich muss mich ja vor diesem bösen Kerl verteidigen und auf meiner Hut sein». Der Forderer aber fordert noch Verrückteres: «Du sollst den Lohn des Arbeiters nicht nach Sonnenuntergang im Hause behalten!» «Du sollst den Fremdling, der in deinen Toren weilt, nicht unterdrücken!» Dem Menschentier im Naturzustand brummt der Kopf von all diesem – Du sollst – du sollst. «Wen andern bitte soll ich unterdrücken», fragt er naiv, «als den Fremdling in meinen Toren? Er hat ja keine Waffen und ist schwach.»
Der motorisierte Golem
In seiner evangelischen Ausweitung wird Israels Gott noch paradoxer: «Liebe deine Feinde», befiehlt er, «verzeihe denen, die dich hassen! Wenn dich einer auf die rechte Backe schlägt, so reiche ihm die linke dar!» Das Menschentier blinzelt hilflos. Diese Forderungen sind praktisch so unerfüllbar, dass sie gerade dadurch eine mythische Heiligkeit gewinnen.
Seit 2000 Jahren ist Israels Gott mittels der grossen biblischen Religionen der offizielle Gott dieser Erde. Das heisst, seit 2000 Jahren bestimmt der jüdische Geist die innere Haltung und das moralische Schicksal der wichtigsten Nationen. Der jüdische Geist ist ein paradoxer Geist. Er will den natürlichen Menschen vom Zwang der Natur befreien und ihn zum Ebenbild dessen emporheben, was er als das nächste Gute und Heilige erträumt. 2000 Jahre schon seufzt der natürliche Mensch, «der Mensch der Völker», «der Goy», unter diesem ihm aufgezwungenen Paradoxon des ewig unerfüllbaren «Du sollst – du sollst – du sollst». Er sehnt sich danach, das zu sein, was er ist, Natur, ein Wesen jenseits von Gut und Böse, spielend-schöpferische Kraft, wie Meer und Wolken, Fluss und Gebirg. Die Wissenschaft kommt seiner dumpfen Rebellion zur Hilfe. Sie hat ihm die metaphysischen und theologischen Hemmungen aus dem Weg geräumt. Die Philosophie der letzten Generationen vollendete das Befreiungswerk. Man denke nur an Nietzsche! Und jetzt ist der technische Fortschritt sein stärkster Verbündeter im Kampf gegen die alten Werte. Als eine soziale Revolution von ungeheurer Tragweite erscheint uns das, was heute in der Welt vorgeht. Es ist auch in der äusseren Form eine soziale Revolution. In der innersten Wirklichkeit ist es viel mehr. Es ist der gewaltigste Religionskrieg aller Zeiten, den die Menschheit gegen das 2000-jährige Paradox führt, gegen Israels Geist, den biblischen Geist in all seinen Ausprägungen. Keine schrecklicheren Kriege kennt die Geschichte als Religionskriege. Und nun begreifen wir auch, warum der moderne Antisemitismus, der Judenhass unserer Tage so unausdenklich grauenhafte Formen annimmt.
Es geht diesmal nicht wie früher um Entrechtung und Ausplünderung von jüdischen Volksteilen in gewissen Ländern. Es geht um weit mehr. Das Ziel des Feindes ist die völlige Ausrottung des jüdischen Geistes von diesem Planeten, und zwar in all seinen Formen und Konsequenzen. Damit aber Israels Gott und Geist von diesem Planeten verschwinde, muss vorerst der physische Träger dieses Geistes bis zum letzten Mann vernichtet sein, das jüdische Volk. Denn solange noch ein einziger Jude lebt, kann die Flamme des fordernden Geistes weiterzünden. Hierin sieht der Judenhass diabolisch klar. Wie Israels Geist seinen physischen Träger, so besitzt auch der Antisemitismus den seinen. Dies ist nicht nur der Nationalsozialismus, der Faschismus in seinen verschiedenen Farben, es ist ein neuer biologischer Typus der heutigen Jugend, der sich quer durch alle Kontinente und Völker und Klassen erstreckt. Man kann diesem neuen Typus dutzendweise auf der Strasse begegnen. Er wartet hier und überall auf seine Stunde. In meinem letzten Buch habe ich diesen Typus «den motorisierten Golem» genannt. Er träumt mit sonderbarem Fanatismus von einer wertfreien, geist- und seelenlosen Welt, die einer technisch durchorganisierten Gefrierhölle gleicht. Gegen diesen entsetzlichen Feind geht der Krieg. Er ist wahrhaftig ein heiliger Krieg. Wie furchtbar nur, dass die Fronten so sehr verwischt sind und dass der Feind überall in den eigenen Reihen steht. Im vordersten Sturm dieses heiligen Krieges kämpft England. (Ist es nur ein symbolischer Zufall, dass die Puritaner den Ursprung der britischen Nation von den zehn verlorenen Stämmen Israels herleiten?) Fällt England, so fällt die amerikanische Demokratie. Fallen England und die amerikanische Demokratie, so hat die letzte Stunde des jüdischen Volkes geschlagen und sein langer Wanderweg hat das Ende erreicht. Sinkt das Judentum dahin, so verblassen die christlichen Kirchen zu leeren Schatten und verschwinden schnell. Die Anstrengung jeder geistigen Kultur wird abgeworfen und der Mensch darf wieder sein, was er auf seiner niedrigsten Stufe war, ein technisch begabtes Tier.
Alles zu wenig, was geschieht
Es darf nicht geschehen! Dieser verzweifelte Schrei entringt sich unsrer Brust. England darf nicht fallen! Die amerikanische Demokratie darf nicht nachstürzen. Der Weg des jüdischen Volkes, des biblischen Geistes darf nicht zu Ende sein! Wir Juden kämpfen heute um mehr als um den Bestand unserer Gemeinden in der Diaspora, um mehr als um das Aufbauwerk in Palästina, ja, um mehr als unser Leben. Wir kämpfen den Gotteskampf um das Heil der ganzen Welt.
In diesen Worten liegt mein Glaube! Es ist eines der grossen Geheimnisse der Menschheitsgeschichte, dass Israel von Zeit zu Zeit immer wieder den Gotteskampf um das Heil der Welt kämpfen muss, ob dieses Volk will oder nicht. Darin, wenn irgendwo, liegt der Beweis seiner «Auserwähltheit», oder richtiger und bescheidener gesagt, seiner «Ausgesondertheit» unter den Völkern. Es wäre aber ganz und gar verfehlt, wenn dieser Glaube uns hochmütig und stolz machen sollte. Nein, er ruft uns zur Selbsterkenntnis auf, zur Busse und zum Opfer. Als Individuen sind wir keineswegs besser, sondern in mancher Beziehung schlechter, schwächer, unvollkommener als jenes Wesen, das ich den «natürlichen Menschen» genannt habe. Mit ironischer Zweideutigkeit gesagt, wir verdienen es gar nicht, dass es uns so schlecht geht, dass wir so viel leiden müssen. Als Einzelne verdienen wir es gar nicht, dass vom Sein oder Nichtsein unseres sonderbaren Stammes das geistige und politische Schicksal des ganzen Menschengeschlechtes abhängt. Wer solchen Erkenntnissen wirklich nahe kommt, erschauert bis ins Herz vor dieser Verkettung.
Darum ist alles zu wenig, was geschieht. Darum genügen die Opfer nicht an Geld und Gut, an Unterstützung und Hilfe, die unser Gewissen so schnell beruhigen. Allzu viele glauben noch, ihnen persönlich gelte der Vernichtungswille des Feindes nicht. Solange wir unser Bewusstsein noch nicht vollgetrunken haben mit dem Sinn dieses Geschehens, mit der furchtbaren Notwendigkeit, in die wir geschleudert sind, solange werden wir schlechte Krieger sein. Wir aber haben gute Krieger zu sein in diesem grössten und gefährlichsten Augenblick unserer Geschichte!