«Unser Rat ist weltweit gefragt»

Interview Yves Kugelmann, January 29, 2009
Efi Stenzler, Vorsitzender des Keren Kayemeth Leisrael (KKL), über die Konsequenzen der Finanzkrise für die Organisation und die Ökologie in Israel.
INTERKULTURELLE ZUSAMMENARBEIT Der KKL-Vorsitzende Efi Stenzler überreicht Papst Benedikt XVI. eine KKL-Büchse

tachles: Der Raketenbeschuss durch die Hamas im Süden Israels hat auch KKL-Projekte betroffen. Welche?
Efi Stenzler: Ein Wasserreservoir, das vom KKL Schweiz finanziert wird, ist glücklicherweise unbeschädigt geblieben, obwohl die nahliegende Stadt unter Raketenbeschuss war. Der Hügel, von dem aus die Medien derzeit berichten, gehört übrigens zu einem KKL-Projekt, das unsere Freunde aus Italien tragen. Wir nennen ihn den Kamel-Hügel.

Vor zwei Wochen waren Sie bei Papst Benedikt XVI. im Vatikan. Was waren die Gründe für diesen Besuch?
Ich möchte versuchen, auf der Basis von ökologischen Projekten Brücken zwischen dem Christen- und dem Judentum zu bauen. Dazu gehört zum Beispiel die «Olivenstrasse» vom Süden bis in den Norden Israels, zu der Olivenbaum-Haine, aber auch die entsprechenden Verarbeitungsbetriebe gehören. Dazu zählen nebst Ölfabriken etwa die Käseherstellung, die zum Olivenöl passt, oder Gasthäuser in den Hainen. In den darin einbezogenen Gebieten gibt es religiöse Stätten, die für die Christen sehr wichtig sind. Wir wollen, dass der Papst darüber informiert ist, und ich hoffe, dass er im Rahmen seines Besuchs in Israel im Mai zumindest auch dieses Projekt besichtigen wird. Er hat mir sein Einverständnis dazu gegeben.

Gibt es gemeinsame Projekte mit Muslimen?
Ja. Wie Sie wissen, ist der Negev eine Halbwüste mit weit weniger als 300 Millimeter Niederschlag im Jahr. Wir sammeln dort das Regenwasser, ehe es abläuft, reinigen es und pumpen es in Reservoirs. Danach benützen wir es für die Landwirtschaft und die Wälder, von denen die Schweiz den grössten unterhält. In solchen Projekten arbeiten wir mit arabischen Beduinen zusammen. In der Beduinenstadt Rahat zum Beispiel hat der KKL Schweiz ein Wasserreservoir gebaut, das für die Stadt wie auch für die Kibbuzim Wasser speichert. Aber wir haben beim KKL auch viele muslimische und christliche Mitarbeiter, und in unserem Stiftungsrat gibt es ein christliches Mitglied.

Die Klimawandeldebatte hat fast überall einen «Grünrutsch» verursacht. Ist dies auch in Israel so oder müssen Sie den Israeli dieses Bewusstsein näher bringen?
Der KKL ist wieder in die Schulen und Kindergärten zurückgegangen, um den Kindern ökologische Themen näher zu bringen. Wir sind die mit Sicherheit grünste jüdische Organisation auf der Welt. Als Herzl vor über 100 Jahren zum ersten Mal Israel besuchte, sagte er, er sei in einem Land ohne Schatten gewesen. Seither hat der KKL über 230 Millionen Bäume gepflanzt, und wenn Israel heute grün ist, obwohl wir verglichen mit der Schweiz so gut wie kein Wasser haben, dann nur, weil der KKL und seine Freiwilligen und Gönner über Generationen hinweg dieses Werk getan haben. Aber wir haben auch mehr als 200 Wasserreservoirs gebaut, mehr als 7000 Kilometer Velowege angelegt, fördern die grüne, speziell die solare Energie, das Energiesparen und die Abfalltrennung. Dies alles ist in Israel nicht so weit entwickelt wie in der Schweiz, aber wir haben damit auch erst vor ungefähr zehn Jahren begonnen, und Israel hat ja noch ganz andere Probleme. Langsam aber wird das Land grün.

Der KKL wurde in Basel gegründet, die Schweizer waren ihm deshalb immer verbunden. Kommt auch heute noch grosse Unterstützung aus der Schweiz?
Ja, sehr grosse. Die Schweiz ist, seit der KKL vor fast 108 Jahren in Basel entstand, Israel immer freundlich gesonnen gewesen. Die Präsidenten des KKL Schweiz haben ihre freiwillige Arbeit für den KKL in Israel immer hervorragend gemacht, die Schweiz gehört zu den drei grössten Geldgebern, und wer in Israel herumreist, sieht unzählige Schweizer Projekte, die auch bei den Israeli sehr beliebt sind. Ich glaube, dass die Schweizer eine besondere Verantwortung für den KKL empfinden, weil er in ihrem Land gegründet wurde.

Erwarten Sie Auswirkungen der Finanzkrise auf den KKL?

Diese Krise ist weder die erste noch die letzte, die es in der Welt gegeben hat und geben wird, auch wenn diesmal so viel jüdisches Vermögen zerstört wurde wie noch nie. Natürlich gehen wir davon aus, dass dies für uns Folgen hat.

Bedeutet das einfach weniger Geld für die Projekte, oder müssen Sie auch Mitarbeiter entlassen?
Wir hinterfragen unsere Strukturen sowieso laufend und warten damit nicht, bis eine Krise kommt. Das Geld, das wir aus dem Ausland erhalten, geht vollumfänglich direkt in die Projekte und nicht in die Löhne der Angestellten. Dafür haben wir andere Einnahmequellen in Israel, wenn auch keine staatliche Unterstützung. Wenn also weniger Geld aus dem Ausland fliesst, werden Projekte einfach zeitlich zurückgestellt. Die Umsetzung dauert länger, wird aber keinesfalls gestoppt.

Gibt es auch weniger bekannte oder offensichtliche Projekte?
Ja, wir führen landwirtschaftliche Forschungsprojekte, speziell auf den Gebieten des Fruchtanbaus und der Wasserversorgung, durch. Viele landwirtschaftliche Neuerungen, zum Beispiel neue Tomatenarten, Saatgüter, Salzwasser-Fischzuchten und anderes mehr,
beruhen auf der von uns finanzierten Forschung. Wir sind weltweit die anerkannten Profis bezüglich Baumpflanzungen in der Wüste und werden daher für solche Projekte in anderen Ländern, jüngst beispielsweise in Indonesien, um fachlichen Rat gefragt. In Ruanda etwa unterrichten wir in einem speziellen Dorf 500 kriegsverwaiste Kinder, wie man Fruchtplantagen aufbaut oder Bienenstöcke und die Honigproduktion professionell führt und sich damit seinen Lebensunterhalt verdient. Wir sind an vielen Orten, wo wir die Welt grüner, humaner und besser machen können.