Unredlicher Umgang mit alten Fakten
Der «Beobachter» und sein Redaktor Urs Rauber versuchen, einen reisserischen journalistischen «Primeur» zu landen, indem sie den Schweizer Juden eine Mitschuld an der judenfeindlichen Flüchtlingspolitik zwischen 1938 und 1942 in die Schuhe zu schieben versuchen. Doch das ist gründlich daneben gegangen. Der Autor, der seine Thesen bereits gestern Mittwoch in der NZZ ausbreiten durfte, lanciert historisch unhaltbare und methodisch überaus angreifbare Aussagen. Der «Beobachter»-Artikel gibt zwar vor, «Zündstoff» zu bieten, liefert jedoch lediglich längst bekannte Tatsachen, jedoch in unzulässigen Interpretationen und ohne Quellenzitate. In der NZZ werden Quellen genannt, jedoch scheint der Autor nur jene halben Sätze gelesen zu haben, die in seine vorgefasste Meinung passten.
Beispiele: Gleich zu Anfang glaubt Rauber, nach fast auf den Tag genau 61 Jahren «das Verständnis für die Aufgaben der Fremdenpolizei in schwieriger Zeit (...) im Saal fast mit Händen zu greifen». Die Schreibe ist von einem Referat, das Polizeichef Heinrich Rothmund am 26. März 1939 vor der Delegiertenversammlung des SIG hielt und das im Protokoll erwähnt wird. Rauber behauptet im «Beobachter», der «bisher unbekannte Auftritt Rothmunds vor den jüdichen Delegierten» sei «in Akten dokumentiert, die erst seit kurzem zugänglich sind», nämlich die Protokolle des Geschäftsausschusses GA (heute Geschäftsleitung GL) und des Central-Comités (CC) des SIG. In der NZZ vom 15. März ist Rauber diese unbedarfte Behauptung gestrichen worden. Denn erstens sind die Akten schon lange zugänglich, nicht erst, seit sie professionell im Archiv für Zeitgeschichte der ETH Zürich aufbewahrt werden. Historikerinnen und Historiker, Journalistinnen und Journalisten arbeiten seit Jahren damit. Lediglich einige wenige Antragsteller erhielten keinen Einblick, nicht zuletzt deshalb, weil das Archiv in jenem Zeitpunkt schwer zugänglich in einem Keller lagerte. Vor allem aber ist der Auftritt Rothmunds alles andere als «bisher unbekannt». Der promovierte Historiker Rauber hat schlecht recherchiert und offenbar in den Protokollen nur das wahrgenommen, was ihm dienlich schien. Bereits am 18. August 1938 wurde an einer CC-Sitzung in Basel vom ICZ-Delegierten Saly Braunschweig ein erweiterter Delegiertentag angeregt, «wenn möglich mit einem Referat von Dr. Rothmund». Der Historiker Jacques Picard, der in seinem Standardwerk «Die Schweiz und die Juden 1933-1945» (1994) immer wieder auf die SIG-Akten als Quellen hinweist, erwähnte bereits 1988/89 in einer öffentlichen Vortragsreihe der Universität Konstanz zum Thema «Judenfeindschaft» in seinem Referat «Die Schweiz und die Judenfrage 1933-45, Quellen und Materialien zur Geschichte eines Dilemmas» den Auftritt Rothmunds vor dem SIG im März 1939. Der Aufsatz ist in dem von Erhard R. Wiehn 1989 herausgegebenen Sammelband der Vorträge auf den Seiten 119-162 enthalten, und die Dokumente 19 und 20 befassen sich mit Rothmunds Referat.
Auch der Historiker Stefan Mächler und der Filmer Kaspar Kasics stützten sich bei den vor zwei Jahren begonnenen Vorarbeiten für ihren soeben angelaufenen Film «Closed Country» (über die abgewiesene Flüchtlingsfamilie Sonabend) auf dieses Protokoll, verwendeten es in der Endfassung jedoch nicht, weil sie andere, ähnliche Aussagen Rothmunds über seine Fiktion der Schweizer Bevölkerungspolitik aufnahmen. Für die Behauptung im «Beobachter», der SIG habe im Herbst 1938 Einreisebeschränkungen für Flüchtlinge gefordert, gibt es keine Belege (siehe Interview mit Jacques Picard auf S. 3).
Rauber kritisierte auf Nachfrage der JR den Bergier-Flüchtlingsbericht, weil er dem SIG eine stete Empörung über die Behörden attestiere. Im zeitlichen Kontext «stelle sich heute das Handeln der Fremdenpolizei natürlich wesentlich anders dar, wenn man bedenke, dass sie im Einverständnis mit den Juden handelte», sagte der Autor gegenüber der JR. Rauber behauptet allen Ernstes, seine Recherchen hätten «neue Erkenntnisse» gebracht, die in Picards Buch zwar bereits vorkämen, aber «ganz anders verpackt seien und die Mitverantwortung der Juden eben nicht herunterspielen». Genau hier steckt der Wurm drin: Mit aller Gewalt sollen die Juden nunmehr zu Mitschuldigen an der antijüdischen Flüchtlingspolitik stilisiert werden, um die Behörden reinzuwaschen. Es darf hier nicht vergessen werden, dass es auch Rauber war, der unlängst im «Beobachter», welcher 1954 die Schuld der Schweiz am J-Stempel aufgedeckt hatte, die Schweiz reinwusch und den J-Stempel auf eine rein deutsche Erfindung zurückstufte. Dazu passen die in Nebensätzen ohne Quellenhinweis wiedergegebenen und kühn interpretierten Aussagen (GA-Protokoll vom 27. Oktober 1938) zum J-Stempel: Der Basler Abgesandte berichtete, seit Erlass des Beschlusses reisten nicht weniger Illegale ein. Der Beschluss sei «auch zu spät erlassen» worden, «nachdem von deutscher Seite die Ausreise scharf kontrolliert wird». Diesen letzten Satz nennt Rauber, und zwar im Sinne einer Schuldzuweisung an den SIG. Den folgenden Satz «Ebenso lässt man den Einwand der Überfremdung nicht gelten» hat er jedoch unterschlagen, ebenso die Aussage, dem Ansehen der Schweiz «als freies, demokratisches Land» sei schwerer Schaden zugefügt worden.
Der Autor kritisiert in der NZZ wie im morgen erscheinenden «Beobachter»-Artikel, die Beileidsbezeugung von Saly Mayer zum Tod von Bundesrat Motta im Januar 1940 zeige ein «weniger getrübtes» Verhältnis zum Bundesrat, obwohl «Motta der Hauptverantwortliche für den Abschluss des J-Stempel-Abkommens gewesen» sei. Diese Anschuldigung ist falsch, weil Mayer damals nicht darüber informiert sein konnte. Mottas Hauptrolle ist erst seit Picards Recherchen bekannt; vorher galten Bundesrat von Steiger bzw. NS-Deutschland als hauptverantwortlich. Ausserdem finden sich im Nachlass von Motta Dutzende ähnlicher Schreiben von Persönlichkeiten, die politisch nicht mit Motta übereinstimmten.
Rauber ortet gegenüber der JR eine «Zäsur erst seit der Grenzschliessung im August 1942. Vorher habe im SIG Verständnis für die Fremdenpolizei vorgeherrscht». Er stelle nichts an den Pranger, nur zur Diskussion.
Rauber beteuert, er habe eine andere Interessenslage als SVP-Nationalrat Christoph Mörgeli, der seit Jahren krampfhaft «Belege» für eine Mitschuld der Juden am jüdischen Flüchtlingselend sucht, oder als ein in der Schweiz ansässiger Israeli, der obstinat das gleiche Ziel verfolgt. Rauber glaubt nicht, dass die damaligen Juden der Erpressung oder Nötigung ausgesetzt waren. Er komme unbefangen von aussen, und gewinne aus den Protokollen nicht den Eindruck einer Gemeinschaft unter dem Druck der Behörden, «höchstens unter Druck der Verhältnisse», insbesondere finanziell, aber nicht von Rothmund.
Als Kronzeugen nennt er im Artikel den Genfer Pierre Bigar, der sich «klar für die freiwillige Übernahme der Flüchtlingsbetreuung» ausgesprochen habe, um Antisemitismus zu vermeiden. Rauber mangelt wohl die Sensibilität für jüdisches Solidaritätsdenken, denn er verschweigt, dass der gleiche Bigar im CC-Protokoll vom 19. November 1939 zitiert wird, in Genf hätten 60 Personen in kurzer Zeit 250 000 Franken gespendet, und er sei «überzeugt, dass in Frankreich die Juden nicht in Lager verbracht worden wären, wenn alle seit jeher ihre Pflicht erfüllt hätten. Dies sollte den vermöglichen Leuten vor Augen geführt werden».
Rauber konsultierte nur die Protokolle der Jahre 1938-42. Sonst hätte er festgestellt, dass es dem SIG lange vor Kriegsausbruch Sorgen bereitete, was mit der jüdischen Bevölkerung Deutschlands und anderer Länder geschah. Am 15. März 1933 stellte sich der GA die Frage, «ob und was für die deutschen Juden getan werden» könnte. Sollte die Verbindung mit deutschen Verbänden hergestellt werden? Oder in einer Intervention bei den Schweizer Behörden «betreffend Einreise, Aufenthalt und Niederlassung» nachgesucht werden? «Kann ev. die Studentenfrage akut werden und was können wir ev. tun?» Müssten nicht ev. Mittel bereit gestellt werden? Am 26. März 1933 wurde über einen Besuch bei Bundesrat Motta gesprochen, auch der Versuch erwogen, beim Völkerbund zu intervenieren (zitiert aus JR 9. September 1999). Es gab, wie ehemalige Flüchtlinge nur zu gut wissen, etliche Leute in der jüdischen Gemeinschaft der Schweiz, welche es lieber gesehen hätten, dass überhaupt keine Flüchtlinge über die Grenzen gelassen worden wären. Aber die überwiegende Mehrheit sorgte aufopfernd für ihre verfolgten Brüder und Schwestern aus anderen Ländern (zitiert aus JR 9. September 1999). Am 18. August 1938 äusserte beispielsweise Sydney Dreifuss, Leiter der St. Galler Flüchtlingshilfe, «die Ansicht, die Flüchtlinge müssen unter allen Umständen durchgehalten werden. Es treffe auf 10 Juden in der Schweiz nur einen. Die Aufgabe sei deshalb durchführbar». Allein 1938 und 1939 sammelten rund 3000 Juden in der Schweiz drei Millionen Franken für die Flüchtlinge. Der «Joint» legte nochmals zwei Millionen dazu. Bis nach dem Krieg verschob sich die Proportion zulasten der ausländischen Hilfswerke, aber die Berichterstattung der jüdischen Flüchtlingshilfe nennt schier unglaubliche Zahlen, zu denen die Juden erpresst wurden. Der SIG warnte auf Raubers Rückfrage hin telefonisch und in einer schriftlichen Stellungnahme, die am Dienstag auch allen Gemeindepräsidenten inkl. Liberale, den Mitgliedern des CC und den jüdischen Medien zugestellt wurde, vor der «hohen Sensibilität des Themas für die heutige Stimmungslage in der Schweiz». Rauber sagte dazu zur JR, es würde ihn «nachdenklich stimmen» und er würde es «daneben» finden, wenn eine Diskussion solcher Dinge zu Antisemitismus führen würde. Der SIG ist jedoch «beunruhigt», sagt Generalsekretär Martin Rosenfeld zur JR, «weil ein uneingeweihter Leser einen falschen Eindruck erhalten könnte». Es handle sich zudem nicht um neue Tatsachen, sondern nur um eine erstaunliche Neubewertung durch den Autor, ohne näher zu begründen, wie er zu anderen Schlüssen kommen konnte als die Forschung. An der damaligen Politik des SIG könne man durchaus Kritik üben, im Nachhinein würde sicher einiges anders behandelt, aber Raubers Vorwürfe seien unbegründet. Rosenfeld begründet die Sorgen des SIG damit, dass der Dachverband sich gegenwärtig zu keinem Thema in der Schweiz öffentlich äussern könne, ohne dass es bereits zu antisemitischen Reaktionen führe, auch wenn es gar nicht um jüdische Fragen gehe. «Angesichts der Tatsache, dass der gleiche Autor schon bei der Relativierung der Mitwirkung der Schweiz am J-Stempel daneben gegriffen hat und nun zum zweiten Mal einen Angriff fährt, zeigt eine bedenkliche Haltung in Bezug auf historische Tatsachen.» Auch SIG-Präsident Rolf Bloch schliesst antisemitische Äusserungen im Gefolge der beiden Berichte in NZZ und Beobachter nicht aus, «weil für einige Leute jeder Vorwand gut genug dazu ist.»