Unglaubliche Medien-Raserei in den Gebieten

von Danny Rubinstein, October 9, 2008
Zumindest was die von Israelis und Palästinensern über die Gewalttaten verbreitete Information und Propaganda betrifft, herrscht Krieg in der Westbank und im Gazastreifen. Alle Medien sind in diesen Kampf verwickelt. Angesichts der täglich in der Presse der Autonomie erscheinenden Berichte über die Missetaten der Israelis verwundert es nicht, dass die palästinensische Öffentlichkeit zornig ist.
Zwischen Tragik und Propaganda: Der Tod des zwölfjährigen Mohamed al-Durra durch israelische Soldaten und die plakative Verwendung für politische Zwecke. - Foto Keystone

Seit über zwei Wochen publiziert die palästinensische Zeitung «Al Iyam» eine tägliche Chronik des Kampfgeschehens. Den Kopf jeder Zeitung ziert das Logo der Chronik: Das Foto des 12-jährigen Mohammed al Duri, der an der Netzarim-Kreuzung tot in den Armen seines Vaters liegt. Weiter unten auf den Seiten finden sich Bilder und detaillierte Berichte über Demonstrationen, Zusammenstösse und Verletzte in den Gebieten. Ähnliche Chroniken, begleitet von Aufrufen zu Protesttagen, Märschen und Prozessionen werden auch von anderen Zeitungen veröffentlicht.Viele in der palästinensischen Presse erscheinenden Beschreibungen der Zusammenstösse unterscheiden sich wesentlich von den Publikationen in den israelischen Medien. Ein solches Beispiel ist die Abdeckung des Zwischenfalls vom Donnerstag letzter Woche auf dem Ewal-Berg bei Nablus. Gemäss einem von der offiziellen palästinensischen Nachrichtenagentur tags darauf veröffentlichten Bericht entwickelte sich die Geschichte, in der ein israelischer Ausflügler getötet wurde und vier Verletzungen erlitten, nachdem Siedler versucht hätten, «das Josephsgrab in Nablus zurückzuerobern». Der Bericht fährt fort: «Die Siedler beschossen das Dorf Ascar (neben dem gleichnamigen Flüchtlingslager) und töteten Zahi Fathi (37), Vater von vier Kindern.» Die Meldung der Palästinenser erwähnt auch «den Tod eines Siedlers» während des gleichen Zusammenstosses, doch der palästinensische Leser musste klar unter dem Eindruck gestanden haben, dass seine Leute sich gegen eine israelische Attacke verteidigt hatten.
Diese Art der Berichterstattung findet man nicht nur in der palästinensischen, sondern auch in der israelischen Presse. Das Problem ist in den meisten Fällen aber nicht die Genauigkeit der Information. Im Gegenteil: meistens vermitteln die palästinensischen Medien korrekte Fakten. Vielmehr liegt das Problem darin begründet, dass aus israelischer Sicht die Nachrichten wie eine Serie von Aufhetzungen und Provokationen aussehen.
Das ist nichts Neues. Seit über 30 Jahren werden in Tageszeitungen und anderen Publikationen Ost-Jerusalems, des Gazastreifens und der Westbank detaillierte Beschreibungen der israelischen Aktionen gedruckt. In der Retrospektive kann gesagt werden, dass ein Palästinenser, der im Laufe der Jahre auch nur einige dieser Berichte las, vor Zorn explodieren musste. Seit 1967 sind diese Zeitungen sieben Tage in der Woche vor allem mit Artikeln über das Leiden gefüllt, das die Israelis den Palästinensern zufügen. Sie beziehen sich auf Israels Armee, Regierungsbüros, verschiedene Institutionen und natürlich vor allem auf die Siedler - die alle die Palästinenser fortwährend peinigen, unterdrücken, missbrauchen und demütigen würden.
Seit 1967 hat es kaum eine Woche gegeben, ohne dass in der palästinensischen Presse keine Artikel über arabische Heime und Böden erschienen wären, über Bodenenteignungen für Siedlungen, Industriezonen, Umfahrungsstrassen und Sicherheitsbedürfnisse. Fast täglich findet man Berichte über die Zerstörung von arabischen Häusern, das Ausreissen von Obstbäumen und der Beschlagnahmung arabischen Besitzes. Jeder Gesamtplan für jüdische Bauvorhaben in Ost-Jerusalem oder für eine Siedlung in der Westbank und im Gazastreifen erscheint prominent in der palästinensischen Presse, ebenso wie Artikel über Finanzierungen für Siedler oder die Ausweitung bestehender Siedlungen. Die meisten dieser Themen sind der israelischen Presse entnommen. Während sie dort aber nur mit Schwierigkeiten einen Platz im Inneren des Blattes finden, werden sie von den Palästinensern zu Leitartikeln ausgebaut. So wurde letzte Woche, mitten in den blutigen Unruhen, ein neues Viertel in der Siedlung Bet El bei Ramallah eingeweiht. Ohne einen Bericht in der Wochenend-Beilage des «Haaretz» hätte wohl kein Israeli, der nicht über Beziehungen zu Bet El verfügt, davon etwas erfahren. Die Zeitung «El Quds» sodann brachte am letzten Samstag neben Artikel über die palästinensischen Toten und über das Gipfeltreffen von Kairo auf der ersten Seite einen Bericht über die Party, welche Schüler der Jeschiwa «Ateret Kohanim» im moslemischen Viertel von Jerusalem zusammen mit Bürgermeister Ehud Olmert zu Ehren von vier jüdischen Familien organisiert hatten, die sich neu mitten im moslemischen Viertel der Stadt niedergelassen haben. Zusätzlich zu diesem Bericht fand man noch einen Hinweis auf ein neues jüdisches Wohnviertel, das neben Neve Yaacov auf dem Wege nach Ramallah entstehen soll.
Wer die palästinensische Presse liest, erhält den nicht so unrichtigen Eindruck von einer unentwegten Aktivität in den Siedlungen. Israel baut, expandiert und verstärkt die jüdischen Siedlungen in der Westbank und im Gazastreifen konstant. Laufend nimmt Israel Besitz von Heimen und Böden jenseits der 67er-Grenze mit dem Ziel, sie letzten Endes ihres Heimlandes zu berauben. Das Gleiche gilt in Bezug auf die el Aqsa-Moschee. Für die meisten Israelis mag die palästinesische Behauptung, Israel wolle die heiligen Stätten des Islams in Jerusalem kontrollieren, fantastisch tönen. Die Palästinenser aber glauben fest daran. Seit den archäologischen Ausgrabungen vor drei Jahren bei der Westmauer und entlang der Südmauer von el Aqsa haben die islamischen Behörden hunderte von Klagen erhalten, gemäss welchen die Israelis der Moschee Schaden zufügen wollten. Seitdem im August 1969 der geistig verwirrte Australier Michael Rohan Feuer an der Moschee zu legen vermochte, hat es nach Angaben israelischer Geheimdienst- und Sicherheitskreisen 15 Zwischenfälle gegeben, in denen Israelis versucht hatten, den Moscheen Schaden zuzufügen. Nicht jeder dieser Fälle ist der Öffentlichkeit bekannt.
Den Palästinensern reicht aber schon, was sie um sich herum sehen. Von der israelischen Regierung unterstützte Siedler-Jeschiwot kaufen mit Geldern aus öffentlichen Quellen arabische Häuser in der Nähe der Moscheen des Tempelbergs. Gruppen wie die Getreuen des Tempelbergs oder Jeschiwa-Schüler aus der Altstadt sprechen ganz offen von der «Entfernung des Makels» (d.h. der Moscheen). Als dann die Israelis vor diesem Hintergrund in Camp David die Kontrolle über jüdische «nationale heilige Stätten» auf dem Tempelberg forderten, erreichte die Spannung neue Höhepunkte. Die palästinensische Öffentlichkeit beschäftigt sich seit Jahren bei jeder sich bietenden Gelegenheit mit dem Thema el Aqsa: In Predigten in den Moscheen, in den Schulen, in Diskussionsgruppen, in den Büros der Palästinensischen Behörde und natürlich in zahllosen Artikel und Nachrichten in den Medien.
Hinzu kommen tägliche Artikel darüber, wie Israel die Moslems daran hindert, in der el Aqsa-Moschee zu beten. Seit dem Golfkrieg von 1991 benötigen Bewohner der Westbank und des Gazastreifens besondere Bewilligungen, um Jerusalem und Israel zu betreten. Aus Sicherheitsgründen werden diese Bewilligungen nur zögernd erteilt. Andersherum ausgedrückt: Millionen von Moslems aus den Gebieten können nicht frei in der el Aqsa-Moschee beten. Wer die Statements palästinensischer Sprecher liest und hört, muss zum Schluss gelangen, dass hinter dieser Situation die klare israelische Absicht steckt, Jerusalem und die Moscheen von den Palästinensern zu stehlen.
Wie es für Medien üblich ist, heben die palästinensischen Zeitungen seit Jahren jene Berichte hervor, welche die Emotionen schüren: Fotos von Arabern mit Wunden, die ihnen israelische Soldaten oder Polizisten zugefügt haben, Informationen über die leichten Urteile, die das israelische Rechtssystem gegen Bürger verhängt, die Araber umgebracht haben, Details über Verfolgungen, Misshandlungen und Erniedrigungen. Das ist tägliche Routine. So figurierte am letzten Wochenende auf der ersten Seite der Zeitung «al Hayal al Jadida» das Foto von einem Araber in Hebron, der auf ein von einem Siedler angefertigten Graffiti mit dem Text «Mohammed ist ein Schwein» zeigt.
Die jüngste Krise wird durch alles hier Geschilderte angeheizt. In den leeren Marktstrassen der Jerusalemer Altstadt kann man Ladenbesitzer hören, die meinen, es spiele ihnen keine Rolle, ihr ganzes Geld zu verlieren, solange nur der palästinensische Aufstand weitergehe. Sie verfolgen die palästinensische Radiostation, schauen sich das Programm der TV-Station «al Jadida» an, welche praktisch rund um die Uhr Nachrichten aus der Westbank und dem Gazastreifen verbreitet, und lesen palästinensische Zeitungen. Als man dieser Tage einen arabischen Journalisten fragte, wie es möglich sei, dass hunderte von jugendlichen Palästinensern auf dem Blut der Lynch-Opfer von Ramallah tanzten, meinte er: «Die Israelis haben uns in Käfige eingesperrt und Tiere aus uns gemacht.»

Haaretz