Ungewisse Zukunft

Von Julian Voloj, February 18, 2011
Unabhängige Buchhandlungen sehen schweren Zeiten entgegen. Die Verkaufszahlen sind in den letzten Jahren rapide gesunken. In Grossstädten wie New York kommen noch horrende Mieten hinzu, die das Überleben kleiner Buchhandlungen erschweren. Dies gilt auch für eine kleine Buchhandlung, deren Sortiment ausschliesslich jiddische Literatur umfasst.
HY WOLFE «Dass in einer oder zwei Generationen kein Jiddisch mehr gesprochen wird, glaube ich einfach nicht.»

In den meisten amerikanischen Städten gibt es nur noch die zwei grossen Buchhandelsketten Barnes and Noble und Borders – und auch die haben Probleme, da der Online-Vertrieb Amazon deren Preise noch unterbieten kann. Barnes and Noble, mit über 700 Filialen die grösste amerikanische Buchhandelskette, berichtete vor Kurzem von einem Rekordverlust im Jahre 2010. Borders plant viele der über 500 Filialen zu schliessen, und es droht sogar der Bankrott der in Ann Arbor gegründeten Kette.

Mehr als eine Buchhandlung

Neben dem Wettbewerb mit Grossbuchhandlungen – online wie konventionell – hat die New Yorker Buchhandlung CYCO noch ein anderes Handicap: Sie handelt ausschliesslich mit jiddischer Literatur. Die Abkürzung steht für die englische Transkription der Anfangsbuchstaben des hebräisch geschriebenen jiddischen Namens Central Yiddish Culture Organization. Der Name illustriert die Selbstdefinition:
CYCO ist mehr als nur eine Buchhandlung (und ein Verlagshaus), CYCO sieht sich als Kulturverein, der Lesungen und Konzerte veranstaltet.
Die Buchhandlung ist daher auch keine Buchhandlung im herkömmlichen Sinn. Im dritten Stock eines unscheinbaren Bürogebäudes auf der East 21st Street in Manhattan stapeln sich auf knapp 300 Quadratmetern etwa 55 000 Bücher. Im Gegensatz zur allgemeinen Hektik New Yorks scheint die Zeit hier stehen geblieben zu sein. Wer Lust hat, kann sich in aller Ruhe und Gelassenheit über die Werke Scholem Alejchems oder Isaac Bashevis Singers austauschen. Doch man muss einen Termin haben. Kommt man unangekündigt zu CYCO, erwartet einen höchstwahrscheinlich eine verschlossene Tür.
Doch nun ist Bewegung in CYCO gekommen. Das Medieninteresse war noch nie so gross. Die BBC widmete dem Zentrum eine kurze Dokumentation, und in der «New York Times» erschien ein längerer Bericht. Der Grund: New Yorks letzte Bastion jiddischer Literatur hat bald kein Zuhause mehr.

Schwierige Suche

Das Gebäude gehört der Atran Foundation. Und die plant, drei Etagen, darunter auch die Buchhandlung, kommerziell zu vermieten. «Momentan zahlen wir lediglich 6000 Dollar Miete im Jahr», erklärt Hy Wolfe, der Leiter von CYCO, «ein Witz!» Atran ist die Schirmherrin von CYCO und die Miete daher nur symbolisch. Auf dem freien Markt kann ohne Probleme das Zehnfache verlangt werden. Und das ist genau das Problem. Seitdem bekannt wurde, dass die Buchhandlung umziehen muss, sucht Wolfe nach einem neuen Zuhause für die Bücher – kein einfaches Unterfangen.
In den vergangenen Jahren nahm CYCO etwa 12 000 Dollar aus Buchverkäufen ein. Vor fünf Jahren waren es noch über 30 000 Dollar. Hinzu kommen vereinzelte Spenden. Wolfe selbst bezieht ein bescheidenes Gehalt, 9982 Dollar pro Jahr gemäss «New York Times». Aber er fügt hinzu: «Ich habe mich seit Juni nicht mehr bezahlt.» Es sei einfach nicht genügend Geld da.
Wolfe ist kein Freund der Presse und daraus macht er auch keinen Hehl, aber seitdem das Medieninteresse auch neue Spenden eingebracht hat, ist er nicht ganz abgeneigt, sich mit Journalisten zu unterhalten. «Nachdem Ende August der Bericht in der ‹Times› erschien, meldeten sich zwei Spender und boten 20 000 Dollar Hilfe an. Das stimmt mich optimistisch, vor allem da beide Ende zwanzig, Anfang dreissig sind.»

«Jiddisch, red jiddisch»

Hy Wolfe ist Mitte 50 («Mein Alter geht niemanden etwas an»), und damit einer der jüngeren Aktivisten in der jiddischen Literaturszene. Wolfes Eltern kamen 1953 nach New York, nachdem sie acht Jahre in einem sogenannten Displaced-Persons-Lager bei Ulm verbracht hatten. Hys Vater Simcha Wolfowitz hatte im Holocaust seine Frau und seine Kinder verloren, Hys Mutter Ratzia überlebte mit einem Sohn. Die beiden lernten sich im Lager kennen, nachdem sie vergeblich nach ihren Familien gesucht hatten. Sie heirateten im Lager und wollten eigentlich nach Kanada ausreisen, wo bereits Verwandte waren, bekamen jedoch kein Visum, da Simcha Tuberkulose hatte. Hys Bruder Yitzhak wurde im Lager, Hy (eigentlich Khaym) bereits in New York geboren.
Auch wenn in Amerika aus Simcha Sam und aus Ratzia Rose (und später Ray) wurde, sprach man Zuhause stets ausschliesslich jiddisch. «Wenn ich meine Eltern auf Englisch ansprach, schüttelten diese nur den Kopf und sagten ‹jiddisch, red jiddisch›. Mein Vater scherzte sogar, dass er nur deshalb schlecht Englisch sprach, damit seine Kinder besser Jiddisch lernen konnten.»
Die Familie lebte zunächst an der Lower East Side in Manhattan und danach in Brownsville, dem berüchtigten Slum von Brooklyn, in dem vor allem in den dreissiger und vierziger Jahren organisierte Kriminalität herrschte. Gangster wie Meyer Lansky oder Bugsy Siegel kamen aus Brownsville. Bis in die späten sechziger Jahre war Brownsville eine überwiegend jüdische Gegend. «In Brownsville sprach jeder Jiddisch», erinnert sich Wolfe an seine Jugend. Als eines der ärmsten Viertel New Yorks war Brownsville auch eine sozialistische Hochburg, und so bezeichnet sich Hy Wolfe auch mit einem Schmunzeln als «radikalen Linken».
Khaym Wolfowitz änderte seinen Namen zu Hy Wolfe. Seit über 30 Jahren ist er Schauspieler und Sänger und hat im Laufe seiner Karriere mit allen grossen Stars des jiddischen Theaters zusammengearbeitet. Sein erster Kontakt zu CYCO entstand in den achtziger Jahren. Wolfe lebte damals in Kalifornien und kam nach New York auf der Suche nach nützlichem Material. «CYCO war wie eine Goldgrube», erinnert er sich an seinen ersten Besuch. David Kirshenzweig war damals Leiter des 1937 gegründeten Vereins. Nachdem Hy Ende der neunziger Jahre zurück nach New York
gezogen war, bot Kirshenzweig ihm an, zweimal pro Woche in der Buchhandlung zu arbeiten. 1999 musste sich David nach einem Schlaganfall zur Ruhe setzen. Er starb ein paar Jahre danach. Und so wurde Wolfe zum Leiter. «Aber es geht ja hier nicht um mich», sagt Hy, «um ehrlich zu sein, mag ich das ganze Tamtam nicht, aber wenn es CYCO hilft, dann ist es gut.»

Volle Regale

CYCO ist seit 1986 am jetzigen Ort. Und nun, nach fast einem Vierteljahrhundert, müssen die drei Räume in der dritten Etage des Gebäudes unweit des Madison Square Park sowie der Keller geräumt werden. In den Jahren hat sich viel angesammelt. Als beispielsweise der Schauspieler Joseph Wiseman, bestens bekannt durch seine Rolle als Dr. No im gleichnamigen James-Bond-Film, letztes Jahr verstarb, vererbte er CYCO seine Sammlung jiddischer Literatur. Dann sind da noch die knapp 300 eigenen Publikationen von
CYCO, darunter auch Werke des einzigen jiddisch schreibenden Nobelpreisträgers Isaac Bashevis Singer.
Auf meterlangen Regalen stapeln sich auf engstem Raum alte und neue Ausgaben jiddischer Literatur. Hier und da findet man Maschinen, die eigentlich ins Museum gehören, dazu zählt auch der Computer. Von den geschätzten 55 000 Büchern im Repertoire sind lediglich 16 000 katalogisiert. Die Website von CYCO ist wie die Buchhandlung selbst alles andere als auf dem modernsten Standard. «Ich bin die falsche Person für diese Aufgabe», gesteht Wolfe ein. «Wir brauchen jemanden, der sich mit Computern auskennt. Ich habe keine Ahnung von Computern, ich kann nicht mal richtig tippen. Ich kenne mich nur mit jiddischer Literatur aus.» Vor allem Universitäten, darunter Yale, Stanford, Columbia und andere Prestige-Universitäten, kaufen bei Wolfe Bücher für ihre Bibliotheken.

Weise und bescheidene Sprache

Das Gespräch wird durch einen Anruf unterbrochen. Ein Mann aus Chicago hat online von der Schliessung der Buchhandlung gelesen. Er will ein paar Bücher für seine Tochter kaufen. Wolfe unterhält sich mit ihm auf Jiddisch. Seitdem vom möglichen Ende der Buchhandlung berichtet wurde, häufen sich solche Anrufe. «Hinter jedem Buch steckt eine Seele, die es geschrieben hat. Ich bin hier, um die 20 000 Seelen, die sich hier befinden, zu beschützen. Meine Aufgabe ist es, diese Bücher in die Hände von Leuten zu bringen, die sie lesen werden.»
Zu seinen Stammkunden zählen auch viele Chassidim: «Die interessieren sich vor allem für Bücher zum jüdischen Humor und für Komödien. An jiddischen Klassikern sind die weniger interessiert. Ach ja, Geschichten von Baal Schem Tow, die sind auch bei den Chassidim beliebt.» Die andere Stammkundschaft, jiddische Muttersprachler, darunter viele Holocaust-Überlebende, stirbt langsam aus. Jiddisch sei jedoch keineswegs tot. «Seit 200 Jahren kündigt man den Tod der jiddischen Sprache an. Aber tot ist sie noch lange nicht. Ja, die Zahlen sind geringer, aber das heisst nicht, dass dies das Ende ist. Dass in einer oder zwei Generationen kein Jiddisch mehr gesprochen wird, dass glaube ich einfach nicht.»
Die Worte von Wolfe, der mit seiner Arbeit auch das Erbe seiner Eltern am Leben erhält, erinnern an die Rede Isaac Bashevis Singers, als dieser 1978 den Nobelpreis für Literatur erhielt. Singer sagte damals: «Jiddisch hat noch nicht sein letztes Wort gesprochen. Es hält Schätze bereit, die der Welt noch nicht zu Augen gelangt sind. Es war die Sprache von Märtyrern und Heiligen, von Träumern und Meistern der Kabbala – reich an Humor und Erinnerungen, die das Menschengeschlecht nicht vergessen darf. Im übertragenen Sinne ist Jiddisch die weise und bescheidene Sprache von uns allen, die Sprache der furchtsamen und hoffenden Menschheit.» Und diese braucht ein neues Zuhause in New York. Die Hoffnung, dass ein solches gefunden wird, hat Hy Wolfe nicht aufgegeben.