Unentschuldbar
Kurz vor der Entscheidung hinsichtlich der Zukunft von Ehud Baraks Koalition erreichte das psychologische Hickhack zwischen Mitgliedern dieser Koalition einen neuen, betrüblichen Höhe- bzw. Tiefpunkt. In einem klaren Versuch, das Klima anzuheizen, die Atmosphäre noch mehr zu vergiften und Barak noch stärker mit dem Rücken an die Wand zu drücken, verstieg Gesundheitsminister Shlomo Benisri von der ultra-religiösen Shas-Partei sich zur Bemerkung, die Methoden von Erziehungsminister Yossi Sarid von der links-liberalen Meretz-Partei könnten mit der antijüdischen Nazi-Propaganda verglichen werden.
Dass es zwischen Shas und Meretz noch nie zum Besten gestanden ist, weiss jeder. Zwischen den beiden Parteien liegen ideologisch-religiöse Welten und Lichtjahre. Weder die einen noch die anderen können oder wollen die trennenden Gräben überwinden. Müssen sie auch nicht, denn sowohl Shas als auch Meretz treten für Werte ein, die höchstens in ihren Randbereichen, und auch dort nur mit vielen gedanklichen Verrenkungen, zur Überlappung zu bringen sind. Dass sie zusammen auf der Koalitionsbank sitzen, ist reine Zweckmässigkeit, gefördert von finanziell-politischen Interessen. Mit einer Annäherung der Weltanschauungen hat das nicht das Geringste zu tun.
Mit seinem Vergleich aber hat Benisri alle roten Linien überschritten, die in dieser Hinsicht überhaupt überschritten werden können. Es ist nachgerade bemühend, die Shas-Leute daran zu erinnern, dass die Gaskammern und Verbrennungsöfen der Nazis keinen Unterschied machten zwischen chassidischen und liberalen Juden. Ein Israeli, der heute einen jüdischen Mitbürger der Anwendung nazistischer Methoden bezichtigt, verletzt ein Tabu auf gröbste Weise.
Als Benisri sah, welchen landesweiten Sturm der Entrüstung er mit seinen Worten ausgelöst hat, bequemte er sich vor der Knesset zu einer gewundenen Entschuldigung. Sein Vorgehen ist aber unentschuldbar, und Rabbi Ovadia Yosef, der geistige Mentor von Shas, sollte dringendst neue Sprecher für seine Partei ernennen, will er nicht riskieren, dass seine Partei nicht nur als Koalitions-, sondern auch als Gesprächspartnerin vollends untragbar wird.