Undemokratische Präsidentenwahl

Von Fabio Luks, November 5, 2010
An der Konferenz des European Council of Jewish Communities in Berlin wurde der ukrainische Multimilliardär Igor Kolomoisky als neuer Präsident bekanntgegeben – ohne Zustimmung des Vorstands. Als Konsequenz trat unter anderem die Schweizerin Gabrielle Rosenstein aus dem Vorstand zurück.
JONATHAN JOSEPH Der bisherige Präsident des ECJC trägt die Verantwortung für die Wahl seines Nachfolgers Igor Kolomoisky

Ende Oktober trafen sich in Berlin 150 Vertreter von jüdischen Gemeinden aus ganz Europa zu einer dreitägigen Konferenz des European Council of Jewish Communities (ECJC). Mitveranstalter war der Zentralrat der Juden in Deutschland. Unter den geladenen Gästen befanden sich unter anderem auch eine Delegation aus Israel mit zwei Botschaftern und dem Bildungsminister Gideon Saar sowie der Vizevorsitzende der Conference of Presidents of Major American Jewish Organizations, Malcolm Hoenlein. Auf der Traktandenliste der Konferenz standen Themen wie Europas Verhältnis zu Israel, die Zusammenarbeit amerikanischer und europäischer Organisationen sowie Beziehungen zu den jüdischen Gemeinden in der ehemaligen Sowjetunion. Ganz nebenbei wurde am Montag auch ein neuer Präsident als Nachfolger von Jonathan Joseph bekanntgegeben.

Ukrainischer Multimilliardär

Der neue Präsident des ECJC Igor Kolomoisky ist beileibe kein unbeschriebenes Blatt. Der 47-jährige Ukrainer leitet mit einer Gruppe von Unternehmern die Privat Group mit Hauptsitz in Dnipropetrowsk, welche die Stahl-, Öl-, Chemie-, Energie- und Nahrungsmittelindustrie in der Ukraine, in Russland und Rumänien kontrolliert, mehrere ukrainische Medien steuert, Beziehungen zu Politikern pflegt und den Profisport sponsert. Weiter ist Igor Kolomoisky, der neben dem ukrainischen auch das israelische Bürgerrecht besitzt, Aktionär und Mitglied der Privat Bank, der grössten Bank der Ukraine. Zudem ist er Vorsitzender des Ukrainischen Kongresses von Jüdischen Gemeinden und Präsident des FC Dnipro Dnipropetrowsk. 2009 wurde Igor Kolomoisky als zweitreichster Ukrainer und als reichster Israeli eingestuft. Seine Ernennung zum neuen Präsidenten des ECJC erfolgte jedoch ohne das Wissen oder die Zustimmung der anwesenden Vorstandsmitglieder.

Undemokratische Wahl

Laut dem Vorstandsmitglied des ECJC Arturo Tedeschi war die Konferenz in Berlin keine Mitgliederversammlung des ECJC und auch keine Vorstandssitzung: «Es war eine Konferenz, die allen jüdischen Gemeinden und Personen, unabhängig der Mitgliedschaft beim ECJC, offenstand. Interne Angelegenheiten, wie die Präsidentenwahl, standen nicht auf dem Konferenzplan.» Trotzdem wurde dem verblüfften Vorstand ein neuer, angeblich legitim gewählter Präsident vorgeführt. «Die Ankündigung erfolgte plötzlich, während eines Plenums, in Anwesenheit von zahlreichen Journalisten diverser jüdischer Zeitungen, und wurde mit einem Applaus von unbekannten Personen überhäuft. Direkt anschliessend erhielt Gideon Saar das Wort, der den neuen ECJC-Präsidenten willkommen hiess», äusserte sich Arturo Tedeschi gegenüber tachles. Die anwesenden Vorstandsmitglieder wurden also zu keinem Zeitpunkt nach ihrer Meinung gefragt.

Rücktritte aus dem Vorstand

Dieses undemokratische Wahlverfahren sowie die Ankündigung von Jonathan Joseph, es werde innerhalb der Strategie des ECJC grundlegende Veränderungen geben (auch ohne das Einverständnis des Vorstands notabene), waren für Arturo Tedeschi und seine Kollegin Claudia de Benedetti von der Unione delle communità ebraiche italiane Grund genug, ihren Rücktritt bekanntzugeben. Arturo Tedeschi war seit mehr als zehn Jahren Mitglied des Vorstandes. Doch damit nicht genug, auch Evan Lazar, Vorstandsmitglied seit 2004, verfasste eine Rücktrittserklärung: «Ich stimme mit dem Prozess nicht überein, dass jemand ohne ein korrektes Wahlverfahren Präsident einer Organisation werden kann.» «Jonathan Joseph ist laut der Konstitution des ECJC immer noch Präsident und kann nicht ohne eine richtige Wahl ausgewechselt werden», so Evan Lazars Antwort auf die Frage von tachles zu den Gründen seines Rücktritts.

Was waren die Beweggründe?

Gabrielle Rosenstein, Präsidentin des Verbands Schweizerischer Jüdischer Fürsorgen und seit den neunziger Jahren im Vorstand des ECJC tätig (2000–2006 als Vizepräsidentin) hat nun auch ihren Rücktritt aus dem ECJC bekannt gegeben. Sie sieht den enormen finanziellen und politischen Druck der letzten Jahre als möglichen Beweggrund für die Wahl des ukrainischen Multimilliardärs. Was sie aber nicht verstehen könne, so Gabrielle Rosenstein gegenüber tachles: «Warum hat man nicht bis zur Generalversammlung 2011 warten können, um dann mit einer offiziellen Wahl durch den Vorstand einen neuen Präsidenten zu bestimmen?»

Der abtretende Präsident

Jonathan Joseph wird von allen abtretenden Vorstandsmitgliedern einstimmig als engagierter Präsident hoch geschätzt, der sich stets mit grossem Engagement für das europäische Judentum einsetzte. Auf die Anfrage von tachles zu den Umständen der letztwöchigen Konferenz nahm er wie folgt Stellung: «Ich bedauere die Rücktritte der angesprochenen Vorstandsmitglieder wirklich sehr. Sie waren Freunde und Kollegen während vielen Jahren. Ihr Abtreten wird eine persönliche und gemeinschaftliche Lücke hinterlassen.»  Die Wahl Igor Kolomoiskys hingegen hält Jonathan Joseph für richtig: «Unter den gegebenen Umständen war es nicht möglich, anders zu handeln. Es gibt keinen Zweifel, dass Igor Kolomoiskys Wahl einen positiven Einfluss auf den ECJC haben wird, zum Beispiel hinsichtlich der direkten Unterstützung, die wir unseren Mitgliedern nun anbieten können. Er ist ein erstklassiger jüdischer Mann mit den besten Absichten für das europäische Judentum. Ich bin glücklich, sein zukünftiger Vizepräsident zu sein.»