«Und jetzt geht, geht ...»

von Katja Behling, August 13, 2009
Über ein halbes Jahrhundert prägte Peter Zadek deutsche und europäische Kulturgeschichte. In der Theaterwelt der letzten Jahrzehnte polarisierte der jüdische Regisseur wie kaum ein anderer.
EIN GROSSER REGISSEUR Peter Zadek im Jahr 1987 als Direktor des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg

Von sich selbst sagte Peter Zadek: «Ich war ein verkrampfter, ein ängstlicher Mann und konnte mit Menschen überhaupt nicht umgehen » Das Theater war für ihn das Leben. Zadek, der sich mit seinem Verständnis von modernem Theater den Ruf eines «Abonnentenschrecks» erworben hatte, legte im April 2008 im Hamburger St. Pauli Theater seine Version von Luigi Pirandellos Melodram «Nackt» vor – sein Alterswerk, und seine letzte grosse Inszenierung. Das Stück von Pirandello – Mussolini-Sympathisant und Genie des absurden Humors – war ein Stoff ganz nach Zadeks Geschmack: Pirandellos F iguren versuchen vergeblich, ihre Verletzlichkeit, ihre Blösse, ihre «Nacktheit» mit Illusionen zu bedecken, und des Meisters Inszenierung kratzte Schicht für Schicht von der vermeintlichen Wahrheit ab. Nichts stimmt, auf nichts ist Verlass. Es gibt kein Wertesystem von Liebe und Rücksichtnahme, das sich nicht als Illusion, Kalkül oder groteske Vermarktung entpuppt. «Und jetzt geht, geht …» – die Bühnenfigur Ersilia geht in den Tod und sagt in ihrem Schlussmonolog, sie werde eine Tote sein, die sich nicht hatte kleiden können. Nicht hatte kleiden können mit einer Biografie, einer Rolle, an die sich die Umwelt mit Zuneigung und Respekt erinnert und die der Trägerin ermöglicht hätte, sich einzuhüllen in die geschönte Vorstellung, die andere sich von ihr machen. Doch der Regisseur Zadek, in diesem Punkt dem Autor Pirandello zuwiderhandelnd, gab der Heldin das, was sie vermisste: ein Kleid.

Tabubrüche

Peter Zadek wurde 1926 als Sohn eines jüdischen Kaufmanns in Berlin geboren. Seine Mutter legte Wert auf die literarisch-kulturelle Förderung ihres Sohnes. Sein Vater brachte die Familie als Vertreter durch, seine wahre Passion aber war das Basteln von Spielzeug. Es war wohl diese Mischung, die den Sohn auch beruflich stark geprägt hatte: Hinter der Hochkultur faszinierte Peter Zadek stets das Spielerische, das Spannende, das Spinnerte. Und das Böse.
1933 emigrierte die Familie nach England und rettete sich so vor den Nazis. In Oxford studierte Zadek Deutsch und Französisch, inszenierte am College mit seinen Lehrern erste Stücke. In London absolvierte er eine Ausbildung im Regiefach, brachte zeitweise wöchentlich ein Stück auf die Bühne: learning by doing. Ein Gastspiel von Bertolt Brechts Berliner Ensemble wurde für ihn richtungsweisend. 1957 gelang ihm der Durchbruch in London, als er das Drama «Der Balkon» inszenierte. Anschliessend kehrte Zadek nach Deutschland zurück – als ein Fremder aus England mit wacher Empfindsamkeit und unbestechlichem Blick auf das schuldbeladene Nachkriegsdeutschland. Als Zadek über die bundesrepublikanische Theaterwelt mit Sturm und Drang herfiel, um sie auf den Kopf zu stellen, sprach er selbst kaum Deutsch, setzte aber nicht nur deswegen weiterhin auch auf britische Stücke. In den sechziger und siebziger Jahren gelangen ihm auf seinen Stationen in Ulm und Bremen herausragende Inszenierungen, innovativ, jung, respektlos. Und ohne Berührungsängste selbst vor der Überfigur Shakespeare. Eine bahnbrechende Arbeit in Zadeks Laufbahn war «Othello», in dem der jüdische Regisseur den schwarz angemalten Mohren-Schauspieler auf alle abfärben liess, die er berührte: So bekamen alle eine Vorstellung davon, was es heisst, «schwarz» – also befleckt, gebrandmarkt zu sein. Zadek gestaltete Theater nicht als Ort der Erbauung und Zerstreuung, sondern als gefährliches, wildes Abenteuer, in dem niemand, weder er selbst noch die Schauspieler oder gar das Publikum, geschont wurde. Er brach Tabus, zeigte Leid, Leidenschaft und Lust auf der Bühne. Und bekannte sich zugleich zu seinem Faible für Luxusautos, wie sie die Filmstars vorführten – zu Zeiten, in denen ein Bekenntnis zu Luxus und Eleganz die vielleicht grösstmögliche Provokation eines Intellektuellen seines Kalibers war.
Meilensteine
Zadek war kein politischer Revolutionär, aber ein Revoluzzer unter den Theatermachern, der Elemente aus Revue, Musical und klassischer Tragödie verbrämte. Wiederholt verpflichtete er mit ihm und seiner Arbeitsweise vertraute Schauspieler, baute sich so über Jahrzehnte eine Art Theaterfamilie auf, in deren Leben die Grenzen zwischen Bühne und Leben verwischten. Und die ihn, der sich als Gentleman und Bohemien gab, zum bewunderten Mittelpunkt der Entourage machte. Zu der Künstlergruppe um Zadek gehörte auch seine Lebensgefährtin Elisabeth Plessen, die als (Neu-)Übersetzerin der von ihm inszenierten Stücke ins Deutsche den Zadek-Stil auf sprachlicher Ebene ausformte. Ab Mitte der achtziger Jahre avancierte der unkonventionelle Zadek, der im Laufe seines Lebens Intendant in Bochum, Hamburg und Berlin war, zum Liebling des Hamburger Theaterpublikums, wobei die Arbeit des deutschstämmigen Kosmopoliten weit über seinen eigentlichen Wirkungsort hinaus ausstrahlte. Bei aller Liebe zum Effekt ging es ihm vor allem um die Schauspieler, denen er viel Spielraum liess. Was ihn langweilte, war das bloss Ideen demonstrierende, trocken-belehrende «sozialistische Theater nach 1968 hinter beiden Seiten der Mauer». In der Zeit nach der Wende ging er zurück nach Berlin, in seine Heimatstadt. Zadeks poetische Inszenierung von Joshua Sobols Stück «Ghetto» Mitte der achtziger Jahre mit dem Klezmer-Klarinettisten Giora Feidman, der durch die Publikumsreihen in der Berliner Volksbühne schritt, galt bereits als Meilenstein deutschen Gegenwartstheaters.

Auszeichnungen

Im Verlauf seiner Karriere erhielt Peter Zadek viele Preise und Auszeichnungen, darunter mehrfach den Titel «Regisseur des Jahres» sowie 2002 das Bundesverdienstkreuz. In 40 Jahren Theatertreffen deutschsprachiger Bühnen wurde er mehr als 20-mal zum Treffen eingeladen. Als Zadek 2007 schwer erkrankte, war das Ende seiner grandiosen Theaterkarriere abzusehen. Doch er wollte von Aufhören nichts wissen, plante für die kommende Spielzeit die Inszenierung von «Cardillac», eine Oper von Paul Hindemith um einen Künstler, der seine Preziosen nicht loslassen kann. Tatsächlich feierte Peter Zadek im vergangenen Jahr in Hamburg seinen letzten grossen Erfolg: mit «Nackt» – einem Stück über eine Welt, welche im Absurden endet.