Über Nacht im Wiener Gestapo-Hotel
1938 und 1939 verbrachte der Ungar Willi Rottenberg mit seiner aus der Schweiz stammenden Ehefrau Bertha und der kleinen Tochter Eva die Sommerferien in St. Gallen bei der Schwiegermutter. Sie beschwor ihn, vor allem 1939, nicht nach Ungarn zurückzukehren. Es drohe ein Krieg, und dann würden die Juden wie immer als erste zu leiden haben. Doch Willi Rottenberg fühlte sich in seiner Heimat sicher. Ein tragischer Irrtum: Nach dem Einmarsch der Nazitruppen im März 1944 wurde er in einem Arbeitslager interniert, und seine Familie konnte nur dank des Einsatzes des mutigen Ersten Sekretärs der Schweizer Gesandtschaft, Harald Feller, heil in die Schweiz ausreisen. Willi Rottenberg durfte erst Jahre nach dem Krieg nachfolgen. Aber daran waren nicht so sehr die ungarischen Behörden als vielmehr die St. Galler Fremdenpolizei schuld.
Retter aus menschlicher Pflicht
Harald Feller, heute 86 Jahre alt, ist ein soignierter alter Herr, der in der elegantesten Gasse der Berner Altstadt residiert und noch immer seiner Leidenschaft, dem Laientheater, frönt. Letztes Jahr spielte er den König Lear auf Schweizerdeutsch. Feller war als junger Jurist erst Beamter der Strafjustiz in Bern, dann 10 Jahre lang Diplomat und wirkte anschliessend nahezu 30 Jahre als Staatsanwalt des Mittellandes im Kanton Bern. Die ersten vier Kriegsjahre verbrachte er in der Zentrale in Bern, bevor er im Frühling 1943 nach Budapest versetzt wurde, wo er wegen der Ereignisse nur zwei Jahre bleiben konnte. Seine diplomatische Karriere beschloss er nach dem Krieg mit drei Jahren in Ankara. Die gefährlichste Zeit in Budapest, sagt Harald Feller, erlebte er während der Belagerung durch die Rote Armee von 24. Dezember 1944 bis zum 12. Februar 1945. 50 Tage lang. Auch in dieser Zeit hörten die Judenverfolgungen nicht auf. Die Pfeilkreuzler, die ungarischen Nationalsozialisten, wüteten. Auch die diplomatische Immunität galt nicht mehr. Neutralität gar war für sie gleichbedeutend wie Spionage für die Russen und Sympathie für die Juden. So war auch Feller dauernd in Gefahr, am 29. Dezember 1944 überlebte er nur wie durch ein Wunder.
Dennoch liess sich der junge Diplomat nicht davon abhalten, das zu tun, was er für seine menschliche Pflicht hielt: jüdischen Menschen zu helfen. «Wir müssen hier zwei Sachen deutlich auseinanderhalten», betont er: «Meine Tätigkeiten als Sekretär der Schweizerischen Gesandtschaft und als Privatperson. Als Diplomat hatte ich nur schweizerische Interessen zu vertreten. Da ist mit der Judenrettung nur eine einzige Aufgabe zusammengefallen - die Rettung von Frau Rottenberg, ihren beiden Töchtern und drei anderen gebürtigen Schweizer Jüdinnen, die wie Frau Rottenberg ungarische Juden geheiratet hatten. Sie kannten einander vorher nicht einmal. Ich bekam die Aufgabe, dafür zu sorgen, dass diese vier Damen unbehelligt in die Heimat zurückkehren konnten. Das war nicht leicht zu bewerkstelligen, denn der Weg von Budapest in die Schweiz führte über Österreich, und das gehörte zu Deutschland. Politisch waren die Österreicher eher noch extremer als die Deutschen. Alles, was ich tun konnte, war, ihnen eine gesicherte Rückkehr zu organisieren. Mir war es nicht erlaubt mitzugehen. Ich hätte sie zur Sicherheit gerne begleitet. Der Beamte, der mir auf der deutschen Gesandtschaft in Budapest half, sagte mir, ich könne ganz sicher sein, er werde niemandem verraten, dass die Damen Jüdinnen seien. Er garantiere, dass ihnen nichts geschehe. Ich hatte ihn mir ja auch ausgesucht... Ich geriet glücklicherweise mit meinem Anliegen an einen Mann, der keine Zweifel hatte, wie der Krieg für sein Land ausgehen würde, und der gerne noch etwas Gutes tun wollte. Ich weiss nicht, was später aus ihm wurde. Als kurz vor Beginn der Belagerung die ungarische Regierung ihren Sitz von Budapest in den Westen des Landes, nach Sopron, verlegte, kehrte er mit vielen Beamten der deutschen Gesandtschaft nach Deutschland zurück. In den achtziger Jahren erfuhr ich, aber nicht von ihm selber, dass er den Krieg überlebt hat.» Konsul Carl Lutz arbeitete zur gleichen Zeit wie Feller in Budapest. Er hatte mit der Gesandtschaft eigentlich nichts zu tun. Er unterstand als Leiter der Abteilung für fremde Interessen dem Gesandten, Minister Jäger, der auch Fellers Vorgesetzter war. Jäger tolerierte Lutz’ Tätigkeit als Judenretter.
Hilfe jenseits der Diplomatie
Als Privatperson verschwieg Feller dem Minister seine eigene Tätigkeit. «Ich hatte als Wohnsitz ein geräumiges Haus zur Verfügung», erzählt Feller, «ein gräfliches Palais, sehr günstig gelegen im Burgviertel in Buda drüben, an einer Strasse, die bergauf führte. Das Parterre war gegen die Strasse gelegen, aber der erste Stock ging auf den Garten am Burghügel hinaus. Der Park fiel ab zur unteren Strasse, aber über die hohe Mauer konnte man von dort nicht hineinschauen. Als die Deutschen im März 1944 einmarschierten, zog sich die Gräfin auf ihre Besitzungen auf dem Land zurück und übergab mir ihr Haus, das damit unter dem Schutz der schweizerischen Gesandtschaft stand. Ich konnte dafür über das Ganze verfügen.» Angehörige wohnten nicht bei Feller; er war damals noch unverheiratet. Da waren sehr viele Räume, auch für das Personal.«Auf die Idee für einen besonderen Verwendungszweck dieses Palais kam ich», berichtet der ehemalige Diplomat weiter, «als mich im Juni 1944 ein befreundeter ungarisch-jüdischer Schriftsteller fragte, ob er bei mir Unterschlupf finden könnte. Denn als die Judengesetzgebung erlassen wurde, mussten die Juden im Ghetto Wohnsitz nehmen und einen Judenstern tragen. Ich nahm meinen Bekannten auf. Dann kam einer nach dem anderen dazu, auch der Ehemann einer der Schweizerinnen, denen ich zur Ausreise verhelfen konnte, und die Eltern des Schriftstellers. Immer bürgte einer, der schon dort war, für Neue. So konnten wir sicher sein, dass sich kein Spitzel einschlich. Insgesamt beherbergte ich mehr als 10 Personen. Um sie zu verpflegen, fuhr ich am Sonntag immer aufs Land und kaufte bei den Bauern direkt ein. Der Treue und der Verschwiegenheit des Diener- und des Chauffeur-Ehepaars konnte ich sicher sein. Sie hielten dicht. Der Chauffeur kam auch mit mir, als ich zu einer bestimmten Zeit an der Grenze des Ghettos auf die Eltern des Schriftstellers wartete. Ich war bei anderen Gelegenheiten im Ghetto drin. Was ich dort erlebte, bewog mich, nach Kräften zu helfen. Ich sagte mir, dass es einfach undenkbar war, Menschen im 20. Jahrhundert derart zu behandeln.» Feller hatte erst in Ungarn durch einen ungarischen Journalisten erfahren, was die Nazis mit den Juden machten. «Ich fragte mich, ob so etwas menschenmöglich sein konnte.» Bis heute hat Feller kein schlechtes Gewissen wegen seiner privaten Tätigkeit, im Gegenteil. «Ich handelte nicht gegen schweizerische Vorschriften», meint er lakonisch. Dass er sich in Gefahr begab, war ihm jedoch bewusst. «Bis zum 15. Oktober 1944, zwei Monate vor der Belagerung, hätte es mir geblüht, dass die ungarischen Behörden meine Rückehr nach Bern verlangt hätten», meint er. «Aber dann setzte der Naziterror mit voller Wucht ein. Am 15. Oktober wurde der Regent Horthy gefangengenommen und nach Deutschland überführt. An seiner Stelle setzten die Nazis den ungarischen Vollblut-Nationalsozialisten Zalasi ein. Und von dann an riskierte ich, eliminiert zu werden, wenn das Versteck aufgeflogen wäre. Ich war so oder so ständig in Todesgefahr. Nicht einmal als Diplomat war man sicher, im Gegenteil.»
Am 29. Dezember 1944 wurde Feller aus seinem Auto herausgerissen und entführt. Die Pfeilkreuzler überfielen wahllos Autos, besonders gerne CD-Wagen. «Seit dem Heiligen Abend, nachdem sich der russische Belagerungsring um Budapest geschlossen hatte, übten diese ungarischen Nazis eine Terrorherrschaft aus. Die Regierung war geflüchtet, es herrschte ein Machtvakuum. Am 24. Dezember 1944 überfielen Pfeilkreuzler die schwedische Gesandtschaft und und nahmen ihre Funktionäre gefangen. Raoul Wallenberg befand sich damals an einem anderen Ort. Ein IKRK-Delegierter und die Angehörigen der anderen neutralen Gesandtschaften mussten die schwedischen Kollegen suchen.» Feller brachte den schwedischen Gesandten in der zweiten schweizerischen Kanzlei im Stadtteil Buda unter, der er selber vorstand. «Es herrschte Anarchie», erinnert er sich.
Der Preis für die Hilfe
Die Pfeilkreuzler schafften den Diplomaten in die Bude einer ihrer Rotten im Stadtteil Pest und folterten ihn die ganze Nacht. Feller sagt wie beiläufig: «Ich habe das alles längst verarbeitet.» Dennoch ist er heute noch überzeugt, dass er damals nur wie durch ein Wunder davongekommen ist. Am Morgen nach der Folternacht wurden seine Peiniger abgelenkt durch die Aussicht auf einen anderen Beutezug und verliessen das Lokal. «Die wenigen, die in diesem Pfeilkreuzler-Nest zurückgeblieben waren, sagten mir, sie gäben mir das Auto, den Chauffeur und alle Habseligkeiten zurück. Aber wir sollten machen, dass wir verschwinden, bevor der Hauptharst zurückkomme. Und wir sollten daran denken, dass sie uns gehen liessen - wenn Budapest gefallen sei.» Die Schweizer Gesandtschaft befand sich in Pest, von Buda durch die Donau getrennt. Vor der Belagerung hiess es, die Verteidiger würden die Brücken sprengen. «Und da wir nicht die ganze Schweizer Kolonie auf einer Seite unterbringen konnten, denn die wenigsten hätten ihre Wohnungen verlassen wollen, mussten wir eine zweite Kanzlei in Buda einrichten, die ich selber übernahm. Damals war ich noch der einzige des diplomatischen Personals. In Pest amtierte ein Konsul als Kanzleivorsteher.» Durch seinen neuen Arbeitsort befand sich Feller immer in der Nähe seiner Schützlinge. «Alle kamen heil davon», sagt er, nun doch ein wenig stolz, obwohl Buda zuletzt befreit wurde. Doch die Befreiung von Budapest bedeutete für die Schweizer Vertreter die Gefangenschaft. Max Meier, der die Pester Kanzlei leitete, und Feller wurden von den Sowjets nach Moskau deportiert und in einem Lager interniert. Es befand sich in einem grossen Haus, und die beiden Schweizer erhielten ein Zimmer für sie allein zugewiesen. Ihr grösstes Problem bestand darin, dass die Schweiz noch keine diplomatischen Beziehungen mit der Sowjetunion unterhielt. So konnten sie auch ihre Familie nicht davon unterrichten, dass sie am Leben waren. «Meine Eltern haben viel durchgemacht», sagt Feller. «Wir wurden in Moskau jedoch gut behandelt, im Gegensatz zu den Pfeilkreuzlern taten sie uns nichts zu leide. Wir wurden nie misshandelt.» Nachdem die diplomatischen Beziehungen mit der Schweiz erstellt waren, was die Sowjetunion gleich nach dem Krieg wegen der Beziehungen der Schweiz zu Nazideutschland noch abgelehnt hatte, wurden die beiden Schweizer im Januar 1946 in ein Flugzeug nach Berlin gesetzt und dann in die Schweiz spediert. Seinen Leidensgefährten Max Meier trifft Feller heute noch hin und wieder.
Die beiden Schweizer hatten mehr Glück als der Schwede Raoul Wallenberg, von dem es heisst, er sei in einem russischen Gefängnis gestorben. Feller kannte Wallenberg. Vor allem wusste er, dass er viel für die Juden tat, genau wie Lutz. «Die beiden leisteten viel mehr als ich», sagt er. «Ich weiss darum gar nicht, ob ich diese Medaille wirklich verdiene. Ich weiss auch nicht, ob ich ein tapferer Mensch bin. Vielleicht gab es in Budapest noch andere Ausländer, die das gleiche machten wie ich. Ich hatte das Vertrauen, es werde gut herauskommen. Wenn man um Hilfe angegangen wird, so muss man helfen. Das war für mich selbstverständlich. Die erste Bitte brachte mich auf die Idee.» Er habe sehr bedauert, wie die Schweiz nach dem Krieg Carl Lutz behandelte. Carl Lutz, erklärt der Jurist, leistete viel mehr als er. Er hatte allerdings im Gegensatz zu Feller die Möglichkeit, Schutzbriefe auszustellen. Schweizer Pässe hätte Feller nie ausgestellt, sagt er, auch nicht für seine Schützlinge, weil er sich damit schuldig gemacht hätte. Wallenberg sei jedoch von allen, die Juden beschützten, am stärksten gefährdet gewesen, ständig in Todesgefahr, vor allem während der Belagerung. Eines Tages kam er den schwedischen Gesandten besuchen, den Feller nach dem Sturm auf die Gesandtschaft in der Kanzlei von Buda untergebracht hatte. Wallenberg sagte, er wolle versuchen, durch den Belagerungsring durchzukommen, es gebe da gewisse Stellen. Es glückte ihm auch, berichtet Feller, doch er wurde trotzdem gefangen genommen.
Zuviel der Ehre?
Feller lebt allein, seine Lebensgefährtin starb vor fünf Jahren, seine geschiedene Frau vor drei Jahren. Er hat keine Kinder. Mit keiner der in seiner Villa geretteten Personen blieb ein Kontakt übrig. Nur mit den jüngsten Mitgliedern der «offiziellen Gruppe» blieb die Verbindung bestehen, mit Eva Koralnik-Rottenberg und Vera Rottenberg Liatowitsch. Vor wenigen Jahren begannen die Schwestern, die Geschichte ihrer Familie zu erforschen. Erst dann erfuhren sie, was Feller für sie getan hatte. Und sie beschlossen, ihn der Gedenkstätte Jad Waschem für die Medaille der Gerechten unter den Völkern vorzuschlagen, «ein gewaltiger Papierkrieg», sagt Eva Koralnik. Als sie in diesem Frühjahr mit ihrem Mann, dem Filmer Pierre Koralnik, zur Buchmesse in Jerusalem war, setzte sie angesichts von Fellers Alter nochmals sanften Druck auf. Auch Botschafter Yitzhak Mayer unterstützte sie tatkräftig. Und es gelang, Fellers Auszeichnung für 1999 festzusetzen.
Schwierige Rettung
«Feller durfte uns retten, aber er hätte es nicht tun müssen», sagt Eva Koralnik. Nachdem ihr Vater im Sommer 1944 ins Arbeitslager Komarom eingeliefert worden war, suchte Bertha Rottenberg als ehemalige Schweizerin Schutz bei der Gesandtschaft. Ihre beiden Brüder leisteten Aktivdienst, auch sie versuchten von der Schweiz aus alles zur Rettung der Schwester und ihrer Familie. Feller sorgte dafür, dass die hochschwangere Mutter mit Eva und drei anderen Schweizerinnen, die ungarische Juden geheiratet hatten, in ein sogenanntes «Schweizer Heim» einziehen durften, eine grosse Wohnung in Budapest, geleitet von einer Westschweizerin. Davon wusste der Vater allerdings nichts. «Ich kann mich erinnern», sagt Eva Koralnik, die damals sieben Jahre alt war, «dass meine Mutter den Judenstern von unseren Kleidern abtrennte, bevor wir mit wenigen Habseligkeiten unsere Wohnung verliessen, und mir sagte, jetzt dürften wir niemandem sagen, dass wir jüdisch sind.» Jeden Tag fragten sich die Frauen bang: «Ob Herr Doktor Feller wohl heute mit den Reiseplänen kommt?» Doch das sollte bis zum 4. Oktober dauern. Erst vor drei Jahren erfuhr Eva Koralnik, dass Feller mit dem Zuständigen für Judenfragen in Budapest verhandeln musste, um ihnen eine legale Durchreise durch Österreich zu sichern und die Garantie zu erhalten, dass sie nicht in ein KZ verschleppt würden. Eines Tages im August setzten bei Bertha Rottenberg die Wehen ein. Die kleine Eva erschrak: Was, wenn der Doktor Fellerkam, während die Mutter fort war, und sie ohne sie abreisen müsste? Bertha Rottenberg beruhigte ihre Tochter und versprach ihr, sie käme sehr bald mit einem kleinen Janos zurück. Daraus sollte dann allerdings eine kleine Vera werden. Auch während Mutters Abwesenheit wurde Budapest bombardiert, und es hiess dauernd, in den Keller hinunter, wieder in die Wohnung hinauf und wieder hinunter. Die sichere Wohnung lag gegenüber dem Nationalmuseum, das eines Tages nach einem Bombardement lichterloh brannte. Sie erinnert sich, dass sie am Fenster stand und zusah. Sonst war das Warten langweilig für das kleine Mädchen. Ihr mitgebrachtes Buch mit Märchen aus aller Welt auf Ungarisch - sie konnte damals noch kein Wort Deutsch - war bald mehrfach ausgelesen. Nach zwei Tagen kam die Mutter zurück mit Vera, die unter Bomben zur Welt gekommen war. Der Vater sollte seine jüngere Tochter erst anderthalb Jahre später erstmals sehen - auf einem Foto, das ihm nach Ungarn geschickt werden konnte. «Eines Tages sassen wir nachts wieder im Luftschutzkeller», erzählt Eva Koralnik, «als das Nachbarhaus getroffen wurde und ein Stück der Verbindungsmauer auf Veras Körbchen fiel. Alle schri