Triumph der Tradition
Vor 7000 Jahren in einer Fluss-Oase gegründet, ist Aleppo nicht nur die vermutlich älteste, kontinuierlich besiedelte Stadt der Erde. Die Metropole im Nordwesten Syriens bleibt auch ein Handelsknotenpunkt mit einer heterogenen Bevölkerung, die Aleppos Geschichte als Ziel und Ausgangsort von Karawanen reflektiert. Dass die hierbei über Generationen von Kaufleuten gesammelten Erfahrungen weiterhin relevant sind, zeigen aktuelle Schlagzeilen aus der Schweiz. Dort entsteht ein neuer Anbieter in der Vermögensverwaltung mit globalen Ambitionen, nachdem die Safra-Gruppe für 1,04 Milliarden Franken die Mehrheit an der Basler Bank Sarasin übernommen hat.
Der Name Safra steht für eine Tradition, die bis in die Antike zurückführt. Von Aleppo aus hat die sephardisch-jüdische Familie Geschäftsbeziehungen geknüpft, die im 19. Jahrhundert zur Gründung von Niederlassungen im gesamten Mittelmeerraum führten. Dieses Muster ist auch für Dynastien wie die Rothschilds oder die Ephrussi charakteristisch, hat aber sehr viel ältere, mediterrane und orientalische Wurzeln: Ein Patriarch sendet seine Söhne aus. Diese etablieren im Ausland Dependancen, die sich dann zu mehr oder weniger eigenständigen Unternehmen mit eigenem Fokus entwickeln. Eine Spezialität der Safras war der Tausch von Währungen, speziell von Silber- und Goldmünzen. Neben der Finanzierung von Handelstransaktionen bildet dieses Metier eine Grundlage für den Wechsel der Safras in das Bankgeschäft Ende des 19. Jahrhunderts. Von Aleppo aus eröffnete die Jacob E. Safra Bank Dependancen zunächst in Beirut, dann in Alexandria und Istanbul.
Grosszügiger Mäzen
Das Haus wurde zur ersten Adresse für andere sephardische Unternehmer und Kaufleute. Weiterhin diesem Kundenstamm verbunden wagte Jacob Safra wie zahlreiche andere Libanesen nach dem Zweiten Weltkrieg den Sprung von Beirut nach Brasilien und eröffnete dort mit seinen Söhnen Edmond und Joseph die Banco Safra. Von einer kleinen Handelsbank entwickelte sich die Firma rasch zu einem der grössten Geldhäuser Brasiliens, das sämtliche Finanzdienstleistungen anbietet. Getreu dem Motto Jacob Safras, eine Bank müsse so stabil gebaut sein, dass sie wie ein Schiff jeden Sturm überstehen kann, geniesst die Firma einen exzellenten Ruf als solide und leistungsfähig.
Der Familientradition folgend eröffnete Edmond Safra schon 1956 mit der Trade Development Bank eine eigene Firma in Genf, die er 1983 für 550 Millionen Dollar an American Express verkaufte. 1966 hatte Edmond Safra zudem mit der Republic National Bank of New York ein amerikanisches Unternehmen etabliert, das er 1997 mit grossem Gewinn an den Finanzdienstleister HSBC übergab. 1999 bei einem bis heute nicht geklärten Brand in seinem Haus in Monaco umgekommen war Edmond Safra – wie seine Familie insgesamt – ein grosszügiger Mäzen für kulturelle und jüdische Anliegen. Mit Moises hat ein weiterer Sohn von Jacob Safra ebenfalls erfolgreich eigene Banken aufgebaut, die nun im Besitz von Joseph Safra sind. Dieser führt heute von São Paulo aus einen global agierenden Finanzdienstleister und gilt mit einem auf 11 Milliarden Dollar geschätzten Privatvermögen als einer der reichsten Männer der Welt.
An der Spitze
Auch die Bank Jacob Safra in Genf gehört heute zur brasilianischen Safra-Gruppe, die neben Industriebeteiligungen im Telekommunikationsbereich engagiert ist und darüber hinaus Finanzunternehmen in Luxemburg, Frankreich, Monaco, Gibraltar, den Cayman Islands und auf den Bahamas kontrolliert. Über die Jahre hat die Familie auch ihre Schweizer Aktivitäten sorgfältig ausgebaut. Die Übernahme von 46 Prozent der Anteile bei der Bank Sarasin erscheint daher als konsequent, katapultiert die Gruppe aber schlagartig an die Spitze der Vermögensverwalter in der Schweiz. Die Transaktion soll im kommenden Frühjahr abgeschlossen werden.
Bislang hat die Safra-Gruppe Einlagen im Wert von 109 Milliarden Dollar betreut. Die der Bank Sarasin liegen mit 102 Milliarden Franken etwa auf dem gleichen Niveau. Zukünftig wird die Safra-Gruppe in der Schweiz nur noch hinter den Grossbanken UBS und Credit Suisse sowie der Genfer Bank Pictet rangieren. Diese Stärke dürfte nicht nur den Kunden zugute kommen. In der Schweiz wurde positiv aufgenommen, dass die Safra-Gruppe bei Sarasin keine Entlassungen vornehmen will. Diese Gefahr hatte während der Übernahmeverhandlungen der Basler Bank mit anderen Geldhäusern für erhebliche Unruhe gesorgt.
Ihr Weg von Aleppo über Beirut, São Paulo und New York nach Basel war lang. Aber nach der Übernahme der Bank Sarasin ist anzunehmen, dass der Weg der Safras damit noch lange nicht am Ende ist.
Andreas Mink ist USA-Korrespondent der Jüdischen Medien AG.