Trauma und Realismus

Von Jacques Ungar, October 22, 2009
Schon mehr als vier Jahre sind seit der Zwangsevakuierung von über 8000 israelischen Siedlern aus dem Gazastreifen vergangen. Einige dieser Leute haben sich sehr gut mit der neuen Lage zurechtgefunden andere weniger. Ein Augenschein.
MOTTI SENDER träumt noch von der Siedlung Ganei Tal, betreibt inzwischen aber erfolgreich Treibhäuser auf dem Gelände des Kibbuz Chafetz Chaim

Netzer Hazani, Ganei Tal oder Neve Dekalim – drei Namen von Siedlungen, die es heute gar nicht mehr gibt. Mit der Zwangsevakuierung von rund 8000 Israeli aus dem Katif-Siedlungsblock im Gazastreifen im August 2005 verschwanden diese Ortschaften physisch von der israelischen Landkarte und versanken in den Annalen der bewegten Gegenwartsgeschichte des jüdischen Staates.

Das stimmt allerdings nur bedingt. Vor allem für jene Siedler, die auch nach über vier Jahren keine feste Bleibe und in vielen Fälle auch kein geregeltes Einkommen gefunden haben (nicht selten wollen die Ex-Siedler dies auch nicht), existieren die Siedlungen immer noch, in denen in knapp 30 Jahren Menschen ihre Kinder und Enkelkinder heranwachsen gesehen haben. An Demonstrationen, Erinnerungsveranstaltungen von Vertriebenen, und sobald Medienvertretener auftauchen, werden die verschwundenen Orte zumindest geistig zu neuem Leben erweckt. Dann ist es verpönt, von «neuen permanenten Unterkünften» zu sprechen, denn das hiesse ja, man habe sich mit einer Situation abgefunden, in welcher der Gazastreifen höchstens noch eine nostalgische Rolle spielt. Die Mutigen unter den Siedlern gehen so weit, von «quasi permanenten Behausungen» zu sprechen, die man nun nach zähen Verhandlungen mit Regierungsstellen endlich zu errichten bereit ist.

Brücken schlagen

Die Aktivistin Anita Tucker, die zu den
130 Familien gehört, die hoffen, dass ihre neue Bleibe unweit des Kibbuz Chafetz Chaim in gut einem Jahr Gestalt angenommen haben wird, gehört zu den Personen, die zwischen dem Evakuierungs-Trauma und dem realitätsorientierten Blick nach vorne hin und her schwankt. «Ich habe 29 Jahre im Gazastreifen gelebt und hoffe, dass meine Urenkel wieder dorthin zurückgehen werden», sagt sie, doch im gleichen Atemzug fügt sie hinzu: «Unser Wohnort – er heisst übrigens Nezer Hazani-Yesodot – liegt zwischen dem säkularen Dorf Hulda mit Leuten wie dem linken Schriftsteller Amos Oz und dem ultrareligiösen Yesodot. Unsere Aufgabe wird es sein, eine Brücke zwischen den verschiedenen Bevölkerungsschichten zu schlagen.» Ein gewisses Mass an Nostalgie und unbewältigtem Frust ist im Fall dieser Evakuierten mehr als verständlich. Wenn aber Anitas Schwester Besuchern gegenüber die Hoffnung auf eine Rückkehr von Enkeln und Urenkeln ins ursprüngliche Nezer Hazani wie ein Stossgebet in Richtung Himmel loslässt, dann ist das im besten Fall schlechter Geschmack. Die Frau steht nämlich im Kibbuz Ein Zurim im Wohnzimmer ihrer vor der Vollendung stehenden, mit allen modernsten Annehmlichkeiten und einem grossen Umschwung versehenen Luxusvilla. Wer wirklich die physische Rückkehr in den Katif-Siedlungsblock anstrebt, der wohnt in einer behelfsmässigen Unterkunft, demonstriert täglich vor dem Jerusalemer Regierungsgebäude oder dem Grenzübergang nach Gaza und überlässt dies nicht Enkeln und Urenkeln. Da hinkt die Glaubwürdigkeit schwer hinter den Stossgebeten hinterher.

Eine menschliche Tragödie

Erste Bagger arbeiten bereits an Anitas künftiger Siedlung, die alle paar Minuten mit ohrenbetäubendem Lärm von Düsenjets aus der nahegelegenen Luftwaffenbasis Tel Nof überflogen wird. Bis zum definitiven Bezug der neuen Häuser dürften aber mindestens zwei Jahre verstreichen. Bis dann werden auch die Mitglieder von Nezer Hazani in Nostalgie machen oder sich nach einem Arbeitsplatz umsehen müssen. Die Arbeitslosigkeit, verbunden mit ihren bekannten negativen Auswirkungen auf Familie und Gesellschaft, liegt für die Leute von Nezer Hazani immer noch bei rund 50 Prozent.

Nach über vier Jahren wohnen erst gut 400 der über 1700 aus dem Gazastreifen evakuierten Familien in permanenten Wohnungen beziehungsweise Häusern. Ein Zahlenverhältnis, das unterstreicht, dass bei der Lösung dieser menschlich beklagenswerten Tragödie geschlampt wurde und teilweise noch wird und dass auch hier der Amtsschimmel wiehert, manchmal bis zum Geht-nicht-mehr. Aber nicht nur seitens der Regierung. «Von Anfang an begriffen die Evakuierten», schrieb der Wirtschaftsjournalist Nehemia Shtrasler kürzlich im «Haaretz», «dass sie eine schwache, feige Regierung vor sich hatten, die nicht imstande war, Druck standzuhalten. So forderten sie eine dreifache Kompensation: Eine grosszügige finanzielle Entschädigung, erstklassigen Boden und die Errichtung einer Verwaltung, die sich mit all ihren Bedürfnissen zu befassen hat. Und das tat sie – sie wurde ihr Kindermädchen. Ariel Sharon war sehr grosszügig. Er versuchte, sie mit Geld
zu kaufen, doch sie waren nie zufrieden. Je mehr er gab, umso mehr wollten sie.
Zuerst betrug das Evakuierungsbudget 5,5 Milliarden Schekel – 3,5 Milliarden für die Evakuierten und 2 Milliarden für die Umsiedlung der Armee. Im Laufe der Jahre wuchsen die Budgets aber, und heute stehen sie bei erstaunlichen zehn Milliarden – 7,4 Milliarden für die Evakuierten und 2,6 Milliarden für das Militär. Bedenklich sind Shtraslers Schlussfolgerungen: «Die Evakuierten werden das Thema nie von der Tagesordnung verschwinden lassen. Die Siedler und die Feinde des Friedens werden diese Wunde nie und nimmer heilen lassen. Sie werden aus den Katif-Evakuierten ein Trauma machen, das so riesig und teuer ist, dass kein Premierminister je eine ähnliche Räumung der Westbank wagen wird. Ohne Evakuierung aber wird es weder Rückzug noch Frieden geben. Und das genau ist ja die oberste Zielsetzung der Siedler.»

Erfolgsgeschichten

Neben diesen eher fragwürdigen Erscheinungen gibt es bei den Katif-Evakuierten aber auch Erfreuliches, Lobenswertes. Etwa Leute wie Shimon Kaufman und Moti Sender. Kaufman ist 60 Jahre alt und Vater von vier Kindern. Er hatte in der «guten alten Zeit» neben Blumen insektenfreie Gemüsearten gezüchtet, die vor allem in streng religiösen Kreisen einen Verkaufsschlager darstellten. Nur anderthalb Monate nach der Evakuierung nahm Kaufman seine ursprüngliche Arbeit wieder auf, zuerst in der Region Eshkol, dann bei Nezer Hazani-Yesodot, wo er ein nahe der Strasse gelegenes Gelände mieten konnte, was aus Transportgründen wichtig ist. Heute züchtet Kaufman in 16 Treibhäusern Gemüse sowie erstklassige Petersilie, und in zehn Treibhäusern Pfingstrosen, die nach Holland exportiert werden. Sobald sein neues Haus stehen wird, will Kaufman seinen Betrieb beträchtlich ausweiten. An den Gazastreifen denkt er immer noch oft, doch nur leise, und vor allem parallel zu den brotlosen Träumereien. Verlust macht Shimon Kaufman schon heute nicht mehr.

An die Zukunft glauben

Ähnliches gilt auch für Moti Sender, der unweit von Kaufman die Sender Nurseries betreibt. Sender stammt aus Ganei Tal im Gazastreifen, wo er mit rund 70 Familien über 28 Jahre gelebt und gearbeitet hat. Er ist Vater von sechs Kindern. Für die Katif-Siedler liegt er damit eher unter dem Durchschnitt. Im Unterschied zu allen anderen Siedlungen beschloss Ganei Tal, der Evakuierung zuvorzukommen und geschlossen ins israelische Kernland zurückzugehen – eine Mustersiedlung sozusagen. Die neue Ortschaft, die jetzt unweit von Chafetz Chaim entsteht, wird 215 Wohneinheiten haben, denn die im Gazastreifen geborenen Kinder sind inzwischen in einem Alter, in dem sie sich selber eine Wohnung zu suchen beginnen. Die Evakuierung reduzierte Motis Wohnraum zunächst von 300 auf 20 Quadratmeter, doch behielt er trotz allem Schmerz einen sachlichen Kopf: «Ich wollte mein Geld lieber in Baumaterialien investieren als in Psychologen und Psychiater.» Heute exportiert er den Grossteil seiner Produktion ins Ausland, vor allem nach Holland.

Kopfschmerzen gibt es aber trotzdem noch mehr als genug. Wie allen anderen ehemaligen Katif-Siedlungen fehlt auch Ganei Tal fast die Hälfte der für öffentliche Bauten (Schulen, Synagogen oder Kliniken) notwendigen Gelder. Moti Sender, Shimon Kaufman und Anita Tucker gehören aber zu den Menschen, die fest an ihre Zukunft am neuen Ort glauben, auch wenn sie nicht immer bereit sind, offen zu ihrem Optimismus zu stehen. Macht nichts: Wer sich derart gut zurechtfindet wie die genannten Personen, darf es sich ruhig erlauben, hin und wieder zu träumen – davon, wie die eigenen Leute einen rausgeschmissen haben, und davon, wie die eigene Regierung sie an der Nase herumgeführt hat. Moti, Shimon und Anita sind Leute, die sich sowieso nur auf Gott verlassen und auf sich selbst, aber weder auf Regierungen und internationale Vereinbarungen noch auf Nachbarn, die schon lange vor ihnen da waren.