Trauerspiele
Trauerspiel: Mit viel Überzeugungskraft versuchte Präsident Shimon Peres, der Eröffnung der Wintersession der Knesset staatsmännisches Format zu verleihen. Er konnte aber nicht vertuschen, dass er effektiv ein Trauerspiel eröffnete, denn die Knesset wird in wenigen Tagen ihre Arbeit wieder beenden und einen «Wahlurlaub» antreten. Das Scheitern von KadimaChefin Tzippi Livni in den Koalitionsgesprächen führt dazu, dass das Volk schon im Februar 2009 an die Urnen gerufen werden wird. Einer weiteren Knesset geht der Sauerstoff vorzeitig aus. Traurige israelische Tradition.
Trauerspiel: Licht im Dunkel war Livnis konsequente Haltung, den horrenden finanziellen Forderungen zu trotzen, welche die Shas-Partei für ihren Beitritt zur Koalition aufstellte. «Es gibt Preise», meinte sie, «die man im Interesse des Staates einfach nicht zahlen darf.» Stimmt, doch steht zu befürchten, dass sie sich mit ihrer Geradlinigkeit und Offenheit letztlich ins gleiche Abseits manövriert, in dem schon Menachem Begin seine Karriere beenden und Sohn Benjamin dieselbe abbrechen mussten.
Trauerspiel: Einen krassen Beitrag zum Trauerspiel liefert Shas-Parteichef Eli Yishai, der Livni des «Rassismus» und der «Arroganz» bezichtigt, weil sie das Verhalten von Shas in den Verhandlungen eine «Erpressung» nannte. Krass ist Yishais Vorgehen, weil er damit einmal mehr den ethnischen Aspekt in die Wahlkampagne einfliessen lässt, der zwar knackige Slogans liefert, im Übrigen aber nur von den echten Problemen ablenkt. Trauerspiel: Die Wahlen kosten den Staat fast zwei Milliarden Schekel. Traurig, und angesichts der auch auf Israel zukommenden Auswirkungen der weltweiten Finanzkrise ein Luxus, den der jüdische Staat sich gar nicht leisten kann. Wie schon so oft aber unterschreiben Entscheidungsträger auch jetzt wieder Schecks und fragen sich, wenn überhaupt, erst später, ob diese auch gedeckt sind.
Trauerspiel: Er werde weder über Jerusalem noch über den Golan verhandeln, verkündete Likud-Chef Netanyahu in der Knesset. Legitim, von seiner Warte aus beLeiter Nahostbüro trachtet, denn mit Speck fängt man schliesslich Mäuse, beziehungsweise mit Gaukeleien sammelt man Stimmen. Traurig ist, dass Netanyahu es aus eigener Erfahrung wahrscheinlich besser weiss. Er weiss, dass man Friedensgespräche durch das A-priori Ausklammern von heiklen Themen abwürgt. Er weiss sodann, dass Israel letzten Endes auch über Themen verhandeln muss, über die es seiner Meinung nach nichts zu verhandeln gibt. Müssen einmal mehr Dutzende wenn nicht gar Hunderte toter und verletzter Menschen auf dem Altar der persönlichen politischen Karriere geopfert werden? Ein ganz besonders zynisches Trauerspiel, natürlich «im Interesse der Nation und ihrer Einwohner».
Trauerspiel: «Der Ewige verfluche die IDF-Einheiten; mögen ihre Feinde sie zerstören. Sie sollen alle getötet und abgeschlachtet werden.» Vor laufenden Kameras schleuderte ein Siedler bei der Westbankstadt Kiryat Arba diese Tiraden gegen jüdische Soldaten, die ein illegales Wohnhaus des rechten Fanatikers Noam Federman eingerissen hatten. Sollte sich im Februar 2009 der erhoffte beziehungsweise befürchtete politische Rechtsrutsch einstellen, wird der Siedler sich nicht nachträglich damit herausreden müssen, «in der Hitze des Gefechts» gesprochen zu haben. Dann wird es wahrscheinlich nämlich keine illegalen Siedlungstätigkeiten mehr geben, weil den Siedlern in der Westbank dann alles gestattet sein wird. Traurig. Trauerspiel der Trauerspiele: Unter Berufung auf Polizeikreise schreibt «Haaretz», die Anklage gegen den amtierenden Premier Ehud Olmert könne «innert Tagen» erhoben werden. Lieb Vaterland, magst ruhig sein. Wirklich? Ich wage, es zu bezweifeln.