Trauer um Emilie Lieberherr
Die am 3. Januar verstorbene Emilie Lieberherr war zeitlebens eine Kämpferin: für Frauen, Junge, Alte, Schwache, Drogenabhängige, ledige Mütter, Konsumenten. Und sie war eine Pionierin: Ein Jahr vor Einführung des Frauenstimmrechts wurde sie 1970 als erste Frau in den Zürcher Stadtrat gewählt und vertrat ihren Kanton im Ständerat. Sie förderte den Bau von Altersheimen, führte die Alimentenbevorschussung und die kontrollierte Heroinabgabe ein. Die jüdische Gemeinschaft verliert in ihr eine treue Freundin und Vorkämpferin. Schon als Schülerin in Erstfeld und (als Protestantin) im Klostergymnasium Ingenbohl trat sie gegen Adolf Hitler und NS-Tendenzen ein. Später stellte sie ihren Namen und ihre Tatkraft für Schweizer Freundeskreise israelischer Hilfswerke zur Verfügung. Gab es öffentliche Kundgebungen für Israel oder für jüdische Belange, befand sich Emilie Lieberherr immer auf dem Podium oder im Publikum. «Das ist für mich selbstverständlich», sagte sie einmal. Die Tochter eines Eisenbahners an der Gotthardstrecke und einer italienischstämmigen Mutter, deren Familie wegen des Baus der Gotthardbahn in die Schweiz eingewandert war, erwarb sich die warmherzige Frau schon in jungen Jahren Weltgewandtheit. Sie finanzierte ihr Ökonomiestudium selbst und ging als Kindererzieherin in die USA, wo sie die späteren Filmstars Jane und Peter Fonda betreute. Immer elegant gekleidet, ging sie ihren politischen Weg unbeirrt und vom Volk getragen. Emilie Lieberherr ist am 3. Januar im Alter von 86 Jahren gestorben.