Träume sind Luxus
Mit 15:0 Stimmen beschloss der Uno-Sicherheitsrat diese Woche einstimmig, aufgrund der «instabilen Lage an der israelisch-libanesischen Grenze» das Mandat der Unifiltruppen in Südlibanon bis zum 31. August 2011 um ein weiteres Jahr zu verlängern.
An der israelisch-libanesischen Grenze sind Tagträumereien schon lange eine zur Gewohnheit gewordene Begleiterscheinung des Alltags. Eliaz etwa, der 51-jährige Ex-Offizier der mit Israel bis zu dessen Abzug aus dem Zedernland im Jahr 2000 alliierten Südlibanesischen Armee (SLA), träumt von den Zeiten, als er als Kompaniekommandant eine geachtete und gefürchtete Person in der «Sicherheitszone» war. Heute lebt er in Nahariya und ist, wie übrigens auch seine beiden Söhne und seine Tochter, israelischer Bürger. Einer seiner Söhne bemüht sich darum, in die israelische Polizei aufgenommen zu werden, die Tochter hat den Nationaldienst als Ersatz für den Militärdienst absolviert, und das dritte Kind studiert in Italien. An sich das Bild einer ganz normalen Familie. An sich, aber nicht wirklich. Eliaz, der Renten von der israelischen Nationalversicherung und vom Verteidigungsministerium empfängt, könnte seinen Ruhestand im Norden Israels an sich geniessen, doch die Idylle wird durch die ständige Angst vor Repressalien jenseits der Grenze getrübt. «Viele meiner ehemaligen Kampfgenossen, die im Anschluss an den israelischen Rückzug nach Libanon zurückkehrt sind, wurden gefoltert. Einige haben das nicht überlebt», meint Eliaz sichtlich erregt. Aus Angst vor der langen Hand der Schiiten lässt er sich am Grenzzaun der Ortschaft Avivim – die international anerkannte Grenze (die sogenannte «purple line») ist nur 300 Meter entfernt – nur fotografieren, nachdem wir ihm versprachen, seine Augen abzudecken.
Kontrolle übernehmen
Auch wenn laut Eliaz nur etwa 40 Prozent der Schiiten Südlibanons voll hinter der Hizbollah stehen, und auch wenn das Zedernland voll der Kritik ist an der von Iran und Syrien unterstützten Miliz – sie zeichnet dank ihres Verhaltens immerhin verantwortlich für Schäden in Höhe von zehn Milliarden Dollar, die Israel dem Land im zweiten Libanon-Krieg zugefügt hat –, warnt Eliaz davor, die Situation auf die leichte Schulter zu nehmen: «Es ist der unveränderte Plan der Miliz, die Kontrolle in ganz Libanon zu übernehmen.» Die Hizbollah habe die letzte «ruhige» Zeit dazu genutzt, eine unterirdische, voll ausgebaute Terrorinfrastruktur zu errichten, und die Wiederaufrüstung der Organisation laufe «tagein, tagaus» auf Hochtouren. «Die Hizbollah besitzt heute schon fast wieder 50 000 Raketen von unterschiedlicher Reichweite», sagte Eliaz.
Die Vermischung von Realität und Traum lässt sich aber nicht nur bei einem ehemaligen SLA-Offizier feststellen, der es verpasst hat, sich wie viele seiner Kameraden rechtzeitig nach Kanada, Australien oder Deutschland abzusetzen oder in einem arabischen Land eine neue Existenz aufzubauen. Auch auf israelischer Seite liefern sich Wunschdenken und harte Fakten nicht selten ein angesichts der relativen allgemeinen Ruhe allerdings noch friedfertiges Kräftemessen. So träumt Ofer Gavish im Grenzkibbuz Yiftah immer noch von dem gemischten Kinderchor aus israelischen und christlichen libanesischen Jugendlichen, den er ausbildete und kurz vor der Jahrtausendwende in Tel Aviv vor Tausenden von begeisterten Zuhörern auftreten liess. Solche kulturellen Austauschprogramme werden für Ofer wiederkehren, ebenso wie der Grenzzaun, den es in seiner Gegend erst seit dem Jahr 1965 gibt («Wir haben vorher an Wochenenden oft libanesische Nachbardörfer besucht»), eines Tages wieder fallen wird. Ofer, der als Navigator der israelischen Luftwaffe oft über dem Grenzgebiet geflogen ist, erinnert sich auch noch an Ausflüge in libanesische Dörfer, in denen sein Vater während des Unabhängigkeitskriegs von 1948 als Gefangener gesessen hatte und sehr human von den Libanesen behandelt worden sei.
Ein geplanter Gewaltakt
Zurück zur oft raueren Gegenwart, die aus Träumen nicht selten Albträume macht. Der Grund, weshalb die Hizbollah heute trotz ihrer erfolgreichen Aufrüstung von grossen Aktionen gegen Israel absieht, liegt darin, dass es Israel in den letzten Jahren gelungen ist, seine verloren gegangene militärische Abschreckungskraft wieder zu erlangen. Trotzdem verfolgt die IDF die schleichende Annäherung zwischen libanesischer Armee und Hizbollah mit Sorge und unablässiger Aufmerksamkeit. Dazu sagt Lital, Armeesprecherin an der Nordgrenze: «Ein krasses Beispiel für diese Annäherung ist der Zwischenfall vom 3. August, bei dem libanesische Scharfschützen einen unserer Batallionskommandanten erschossen. Das war ein sorgfältig geplanter Gewaltakt, denn wir hatten mit der Unifil alle Schritte unsererseits zuvor besprochen – wir wollten Bäume in einer Grenzenklave beschneiden – und eindeutig die Genehmigung für unser Vorgehen erhalten.»
Auch der 34-jährige Kommandant M. vom Armeeposten Tulip an den Ausläufern des Gebirgszugs Har Dov weiter östlich an der Grenze (fotografieren strikt verboten) wies auf den nicht mehr zu übersehenden schleichenden Schulterschluss zwischen der libanesischen Armee und der Hizbollah hin. «Wir unterscheiden heute nicht mehr zwischen der gewissermassen guten libanesischen Armee und der gewissermassen schlechten Miliz, sondern sehen beide als eine Kategorie und handeln entsprechend.»
Explosive Situation
Die schwer bewaffneten Positionen in Sichtweite libanesischer Dörfer sind rund um die Uhr besetzt, und auch die IDF-Patrouillen kommen und gehen in kurzen Abständen. «Im libanesischen Süden sind fünf bis sechs Brigaden der Armee postiert», meint der Kommandant. «Also soll die Armee auch die Verantwortung übernehmen.» Der Westen müsse endlich begreifen, dass über Libanon die echte Gefahr schwebt, in dem Konflikt aufgerieben zu werden, und dass Israel in der Frontlinie dieses Konflikts stehe. Diese Bemerkung wirft möglicherweise ein realistischeres Licht auf Presseberichte, die letzte Woche davon sprachen, die USA hätten Beirut im Anschluss an den blutigen Zwischenfall an der Grenze ultimativ aufgefordert, seiner Armee Ruhe zu befehlen, da Israel diese Armee sonst «innert vier Stunden» vernichten würde. Für den Wahrheitsgehalt dieser Meldung fehlen aber offizielle Bestätigungen ebenso wie für Berichte, die für den Fall eines nächsten grösseren Konflikts im Norden von einer militärischen Allianz zwischen der Hizbollah und Syrien sprechen. Die Situation erscheint aber derart explosiv, dass man sich hüben wie drüben Träumereien kaum noch leisten darf. Auch dann nicht, wenn die Eskalation der Atmosphäre von der Hizbollah nur im Bestreben betrieben werden sollte, die Veröffentlichung des internationalen Berichts zu verhindern, der die Miliz ganz klar verantwortlich macht für die Ermordung des libanesischen Präsidenten Rafik Hariri.